[Alexander Blok]

Aleksandr Blok (1880 – 1921)

Servus – Reginae

Ruf mich nicht. Auch ohne Rufen
      Komm ich in den Dom,
Leg die Stirn sacht auf die Stufen
      Zu deinen Füßen schon.

Ich lausche schüchtern den Befehlen
      Und warte zäh.
Ich ergreife die kurze Begegnung,
      Bis neu der Wunsch sich regt.

Als längst von deiner Kraft Besiegter:
      Im Joch so schlaff.
Manchmal – Diener; manchmal – Liebster;
      Und immer – Sklave.

14. Oktober 1899


Einleitung

Die Rast bleibt vergeblich. Der Weg steilt empor.
Der Abend ist herrlich. Ich klopfe ans Tor.

Im Tal klingt das Klopfen befremdend und streng,
Derweil du die Gegend mit Perlen behängst.

Der Wohnturm ist hoch, und der Abend erstarb.
Sich rötlicher Zauber am Eingang verbarg.

Wer hat denn das Leuchten der Türme gesetzt
In den Dämmer? Was baute die Zartochter selbst?

Die zierlichen Pferdchen der Friesschnitzerein
Leuchten wie Flammen im rötlichen Schein.

Die Kuppel strebt hoch in das helle Azur.
In blaudunklen Fenstern brennt Wangenpurpur.

Es dröhnt in den Ohren Glockenklang.
Der Frühling, das Dämmerkleid löschend, begann.

Hast du mich erwartet in dämmernder Nacht,
Das Licht angezündet, das Tor aufgemacht?


28. Dezember 1903

* * *

Ich ging hinaus. Ganz langsam tagte
Winters Dämmerlicht auf Erden.
Vergangener Tage junge Sagen
Aus dem Dunkel treten werden …

Kamen, stiegen auf im Rücken,
Sangen mit dem Frühlingswind
Und ich ging mit leisen Schritten,
Ewigkeit zu schaun gesinnt …

O, besserer Tage lebendige Sagen!
Bei euren Liedern aus den Tiefen
Begann auf Erden es zu tagen,
Der Traum der Ewigkeit erschien! …

25. Januar 1901
Sankt Petersburg


* * *

Es trug mir der Wind aus der Weite
Lieder des Frühlings vorbei,
Irgendwo Tiefe ergleißte:
Wolken zerrissen entzwei.

Weit hinter blauheller Ferne
Nahte des Frühlings Erscheinen,
Schwebten die Träume der Sterne,
Hörte ich Schneestürme weinen.

Furchtsam im tiefdunklen Heute
Weinten die Saiten in mir.
Es brachte der Wind aus der Weite
Klangvolle Lieder von dir.

29. Januar 1901

* * *

Abendlich legten sich Schatten
Still auf den tiefblauen Schnee.
Ungeregelte Traumbilder hatten
Sanft deinen Staub aufgeregt.
Hinter den fernen Ebenen
Schläfst du, verschleiert vom Schnee …
In deinen Schwanengesängen
Habe ich Klänge gesehn.
Aufgeregt rufende Stimme,
Ein Echo in Schneekälte – traut …
Kann man zurückkehrn für immer?
Ist das Vergangne – nicht Staub?
Nein, aus dem Hause des Herrn
Trat ein unsterblicher Geist,
Mit Liedern so traut und so leis
Mir das Gehör aufzustörn.
Gräber, die Traumbilder warfen,
Stimmen erklangen belebt …
Abendlich legten sich Schatten
Sanft auf den tiefblauen Schnee.

2. Februar 1901


* * *

Die Seele schweigt. Dieselben Sterne
Vom kalten Himmel leuchten ihr,
Und nach Gold, nach Brot und Wärme
Rings die Menschen lauthals giern …
Die Seele schweigt, – und lauscht dem Streiten,
Gewinnt sich Einblick weltenweit
Und aus dem Zwiespalt Einsamkeit
Kann sie mit Wunderkraft bereiten,
Was sie nur eignen Göttern weiht;
Und aus der Stille, aus dem Quälen,
Dem rastlosen Erhören steigt
Der ferne Ruf der andern Seele …

So hörn im dichten Meeresnebel
Die untrennbaren weißen Vögel
Ihrer Herzen stilles Flehn,
Das ganz nur sie allein verstehn.

3. Februar 1901

* * *

Heute, voll Glückseligkeit,
Vor dem Göttlichen Palast
Erwart' ich den Engel, stehe bereit,
Hab's Schwert der Frohen Botschaft erfasst.

Erbarme dich meiner, o Gott,
Des törichten, gläubigen Knappen!
Die Engel erscheinen, mein Gott,
Zart-weiße Flügel schlagen!

          Gott! Gott!
Vertraue auf meine Gebete,
In ihnen brennt meine Seele!
Errette aus kläglicher Schlacht
     Deinen ermatteten Knecht!

15. Februar 1901


* * *

Ich fand den Sinn deinen Bestrebens –
Dir ebne ich den Weg,
Das Feuer höheren Begehrens
Die mädchenhafte Brust erhebt.
Bedauerlich mein schwaches Reden
Noch mit deiner Flamme kämpft,
Wo's Unbekannte mir begegnet,
Das nah an Uranfänge grenzt!
Hab's ganz verstanden, muss mich lösen.
Geheiligt sei der nahe Tag.
Durchs Purpurzwielicht gehst du fröhlich,
Wo nachts vergangner Schatten lag.
Im Blick die mädchenhafte Kleidung
Mein Tag sich mit dem deinen traf …
Wär auch die Seele nicht zu heilen –
Geheiligt sei der vergangene Schlaf.

26. Februar 1901


* * *

Du steigst in die purpurne Dämmerung,
In unendliche Kreise.
Ich hörte Echos schwach und jung,
Schritte in der Weite.

Nähert sich deine Bewegung,
Verlorst du dich in der Höhe?
Kommt noch plötzlich die Begegnung
In dieser Stille der Töne?

In der Stille hallen stärker
Schritte in der Weite,
Oder ziehst du, Flammen werfend,
Unendliche Kreise?

6. März 1901


* * *

Mein Prophezeihen wurde wahr:
Noch einmal mit geheimer Macht
Ward dein Heiligtum entfacht
Vor dem zukünftigen Grab.

Bin ganz erfüllt von Festlichkeit,
Begeistert von der Heimlichkeit
Und weiß genau – kein Zufall war's
Der Heilge Worte machte wahr.

7. März 1901


Meiner Mutter

Je kränker die Seele rebelliert,
     Desto klarer wird die Welt.
Azurne Gottheit zärtlich mir
     Reine Gaben überstellt.

Schickt Ungewitter, Traurigkeiten,
     Zärtliche Umarmung.
Erst dadurch kann auch andre Weite
     Unser Schaun erfahren.

Die Seele kränker rebelliert,
     Doch klarer werden Welten.
Denn es ist Gott, der zärtlich mir
     Azurne Gaben überstellte.

8. März 1901


* * *

Nicht umsonst war ich so voller Furcht,
In stürmischer Mitternacht 's Fenster zu öffnen.
Wie schon vorzeiten ging's Gift durch und durch,
Dass mich veranlasste, Hoffnung zu schöpfen.

Ich werde die alten Gedanken hegen
In dieser Finsternis stürmischer Nacht,
Entbrannt von friedlichen Gebeten,
Verborgen auf Erden wie im Grab.

Im ständigen Beten, ohne zu wanken,
In deiner Macht, in der Fehde mit dir,
Verberg ich's Museum meiner Gedanken
Vor den Menschen und andrem Getier.

1. April 1901


* * *

          für O. M. Solov'ëva

In tiefdunkler, grauser Nacht –
Sohn der unbegrenzten Tiefen –
Ein Gespenst tiefblass erwacht,
Schwebt durch meines Landes Wiesen,
Und die Felder, kalt, fremd, schwarz,
Ruhn in großen Finsternissen.

Manchmal nur, dem Gotte lauschend,
Aus dem Schloss jagt's Töchterlein
Trauter seliger Gefilde
Geisterhafte Träumerein;
In den Feldern leuchten viele
Lenze, mädchenhaft und rein.

23. April 1901


* * *

Lachen klingt, und jemand flüstert
Hinter blauen Nebelbändern.
Mir nur scheint die Stille düster –
Lachen klingt aus fernen Ländern!

Flüstern klingt, und in dem Raunen
Streichelt mich ein Frauenhauch,
Und es steigt aus diesem Traume,
Sichtlich, ewig Freude auf!

Flüstere und lach nur lieblich-
Zartes Traumbild, ferner Anblick,
Kommst von weit, bist offensichtlich
Kraftbeflügelt, kraftbeschickt.

20. Mai 1901

* * *

Mondenrot in weißer Nacht
Schwimmt im blauen Licht davon,
Wandelt herrlich, geisterhaft
Spiegelt sich's im Nevastrom.

In mir steiget die Erfüllung
Heimlicher Gedanken auf.
Kannst du Gutes mir enthüllen,
Roter Mond und leiser Lauf? …

22. Mai 1901

* * *

Verstand wird nie das Himmlische ermessen,
All das Azurne bleibt verborgen dem Verstand,
Denn Seraphime legen selten, viel zu selten,
Den heilgen Traum Erwählten in die Hand.

Frau Venus ist in Russland mir erschienen,
Mit einer schönen Tunika als Kleid,
Schien freudlos ohne Maß, mit stillverträumter Miene
Und leidenschaftslos blieb sie in der Reinheit.

Nicht das erste Mal stieg sie zur Erde,
Doch erstmals mengte sich um sie ein Kreis
Nicht der frühren Ritter, es waren andre Recken …
Und seltsam tiefer Glanz in ihren Augen gleißt …

29. Mai 1901

* * *

Sie lärmen, und sie feiern,
Und hören niemals auf,
Am Sieg sich zu begeistern,
Glückseligkeit zuhauf.
Wer folgt den nahen Klängen,
Wer hört, nur einen Nu,
Dem heimlichen und unbeschränkten
Gleichklang meiner Worte zu?
Mag auch befremden meine Freiheit,
Mag jedem fremd mein Garten sein –
Wo die Natur ihr Wesen treibt,
Da nehm ich Anteil allezeit!

30. Mai 1901

* * *

Einsam nahe ich mich dir
Von den Feuern der Liebe verführt.
Du verzauberst. – Ruf nicht nach mir. –
Längst weiß ich selbst, wie man Zauber geriert.

          Vor der schweren Last der Zeit
          Hat mich allein nur die Mantik bewahrt,
          Nach dir frag ich die Karten erneut,
          Doch wird der Nebel der Antwort nicht klar.

Alle die Tage mit Rätseln erfüllt,
Wieg ich die Jahre – ruf nicht nach mir …
Bald schon das Feuer verlöschen wird,
Vom Zauber der dunkelsten Liebe verführt.

1. Juni 1901
Šachmatovo


* * *

     Der schwere Traum des alltäglichen Seins
     Wird abgeschüttelt, sehnsuchtsvoll und liebend.
                              Vl. Solov'ëv 

Ich hab Dich im Gefühl, die Jahre ziehen schnell –
Im einen Anblick kann ich gänzlich Dich erfühlen.

Am Horizont ein Flammen, unerträglich hell.
Ich warte schweigend, – sehnsuchtsvoll und liebend.

Am Horizont das Flammen nahender Erscheinung,
Doch mir wird Angst: Dein Anblick ändert sich,

Und weckt in mir die kühne Prophezeiung:
Es ändert das Gewohnte am Ende sein Gesicht.

O wie ich falle – kummervoll und tief
Und kann bewältigen die Todesträume nicht!

So nah der Horizont! Er leuchtet intensiv,
Doch mir wird Angst: Dein Anblick ändert sich.

4. Juni 1901

* * *

Die Seele stieg empor in jugendlicher Träge,
Fand droben einen Stern, vorm ersten Morgenlicht.
Die Schatten sanken weich im abendlichen Nebel.
Erwartend stand der Abendstern und friedlich.

Beständig wie der Mond, auf dunkler Stufenschräge
Tratst ruhig Du hervor, und, Stille, zeigtest Dich.
Als wandelhafter Traum auf weite Sternenwege
Begabst Du leise Dich, vorm ersten Morgenlicht.

Und es verging die Nacht in träumerischem Nebel.
Auch jugendliche Furcht mit Wünschen ohne Zahl.
Der Morgen nähert sich. Die Schatten, sie vergehen.
Und mit der Sonne ist Dein helles Licht erstrahlt.

19. Juni 1901

* * *

Bist du durch meinen Traum, du Singende, gegangen
Hoch überm Nevastrand und außerhalb der Stadt?
Hieltst du es nicht im Zaum, des Herzens heimlich Bangen,
Mit Mannesmut und Kraft, mit Zärte mädchenhaft?

Beständig war dein Lied – im Schnee erstarb es nicht,
Doch hat ihm erst der Frühling vollen Klang gegeben.
Du kamst als Stern zu mir, jedoch im Tageslicht,
Der Pflastersteine Glanz hell leuchtend zu beleben.

Dich rühme ich, o ja! Du strahltest hell und weit,
Entschwandest dann – in ferne Nebelbänder.
Ich richte meinen Blick in unbekannte Länder –

Und suche dich umsonst; kein Gott mehr lange Zeit.
Ich trau dir – du erscheinst. Bald glüht die Dämmerung
Und schließt den trauten Kreis verzögerter Bewegung.

8. Juli 1901

* * *

Die Luft hinter der Stadt, die Felder atmen Frühling.
Ich gehe und erzittre, da ein Flammen prangt.
Bin sicher, vor mir liegts – das Atmen, das im Zwielicht
Die Meereswellen wiegt – und doch: mir ist so bang.

Erinnerung: im Fernen rauscht die laute Großstadt,
Dort, im Frühlingsdämmer: Glut, unmenschlich, heiß.
O ihr bedrückten Herzen! Gesichter ohne Hoffnung!
Wie peinigt der sich selbst, der nichts vom Frühling weiß.

Doch hier, wie das Gedenken an Jahre, groß und schuldlos,
Bricht aus dem Morgenrot ein heller Jubel los,
Und kündet neue Ordnung, die ewgem Flammen gleicht …

Vergessen ist das Tal. Erschein mir ohne Strenge,
Geheimnisvolle, Weib der Untergänge,
Das Gestern und das Morgen: mach's im Flammen gleich.

12. Juli 1901

* * *

Erwarte letzte Antwort nicht,
Nicht einer fand sie, der gelebt.
Doch klar erspürt der Sinn des Dichters
Den fernen Lärm auf seinem Weg.

Er neigt sein aufmerksames Ohr,
Lauscht gierig, und er wartet leis,
Und schon erreicht es sein Gehör:
Es blüht, es wächst und es gedeiht …

Rückt näher – was er hofft, nimmt zu,
Doch ach! – er fasst nicht die Erregung …
Es stürzt der Wissende, verstummt,
Und hört den nahen Lärm am Wege.

Rings die Familie erstickt im Gebet,
Und über dem Friedhof – gleichmäßiger Klang …
Kein Mensch die Traumbilder versteht,
Die abzuwarten ihm nicht gelang! …

19. Juli 1901


* * *

Hab's Zeichen eines echten Wunders
In finsterer Mitternachtsstunde erkannt –
In Felsmassiv und Nebeldunkel,
Darin glühst du als Diamant.

Du selbst – beginnst in Flusses Spur,
Im Dunst, gebirgig deinen Lauf;
Du scheinst im goldenen Azur
In allen Ewigkeiten auf.

29. Juli 1901
Fabrik


* * *

          Erwartest du abends als Gruß
          Erneut deine Wünsche, die Schiffe,
          Die Ruder und Feuer am Fluss?
                                   Fet 

Dämmerungen des Frühlings,
Hoffnung im Herz: andres Land,
Wellen kühlen die Füße,
Laufen hinauf auf den Sand.

Nachhall: fern klingt die Weise,
Doch ich verstehe kein Wort.
Eine Seele weint einsam
Am anderen Ufer – dort.

Mein Geheimnis, erfüllt sich's,
Tönt aus der Ferne dein Ruf?
Das Schiffchen rollt und wiegt sich,
Irgendwas läuft durch den Fluss.

Hoffnung im Herz: andre Länder;
Wem ich entgegengehn muss? …
Nachhall und Frühling und Dämmer,
Vom Ufer ertönte ein Ruf.

16. August 1901

* * *

Du leuchtest auf hohem Gebirge,
Unerreichbar in deinem Palast.
Ich komme am Abend geritten,
Verzückt hat ein Traum mich erfasst.

Du hörtest mich schon aus der Ferne,
Entfachtest ein Leuchtfeuer mir.
Ich werde, dem Schicksal ergeben,
Verstehen dies flammende Spiel.

Und wenn, in der Finsternis kreisend,
Den Rauch ein Funkenbündel durchrast, –
Zerstiebe ich kreisend im Feuer,
Erreiche dich dann im Palast.

18. August 1901

Inhalt:  >>

Ante Lucem

Servus – Reginae

Verse von der Schönen Dame (1)

Einleitung
 
I. Petersburg. Frühling 1901
Ich ging hinaus. Ganz langsam tagte
Es trug mir der Wind aus der Weite
Abendlich legten sich Schatten
Die Seele schweigt. Dieselben Sterne
Heute, voll Glückseligkeit
Ich fand den Sinn deinen Bestrebens
Du steigst in die purpurne Dämmerung
Mein Prophezeihen wurde wahr
Meiner Mutter
Nicht umsonst war ich so voller Furcht
In tiefdunkler, grauser Nacht
Lachen klingt, und jemand flüstert
Mondenrot in weißer Nacht
 
II. Šachmatovo. Sommer u. Herbst 1901
Verstand wird nie das Himmlische …
Sie lärmen, und sie feiern
Einsam nahe ich mich dir
Ich hab Dich im Gefühl, …
Die Seele stieg empor …
Bist du durch meinen Traum, …
Die Luft hinter der Stadt, die Felder …
Erwarte letzte Antwort nicht
Hab's Zeichen eines echten Wunders
Dämmerungen des Frühlings
Du leuchtest auf hohem Gebirge

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Aleksandr Blok (1)