Aleksandr Blok:
Verse von der Schönen Dame
Der Greif, Moskau 1905

* * *

Es weckt mich der neblige Morgen!
Die Sonne schlägt mir ins Gesicht!
Bist Du's, lang erwartete Freundin,
Die sich aufs Vorderdach schlich?

Die Pforten, die schweren, stehn offen!
Ein Wind kam durchs Fenster geweht!
Gesänge, so fröhliche, solche,
Sind lang schon, so lang nicht ertönt!

Sie sind wie der neblige Morgen,
Wie Sonne und Wind im Gesicht!
Sie sind die erwartete Freundin,
Die sich aufs Vorderdach schlich!

3. Oktober 1901

* * *

Es knarrte die Tür. Es zittert die Hand.
Ich trat in die Straßen des Traums,
Um dort, unterm Himmel, durchs Nebelband
In leuchtende Wolken zu schaun.

Mit ihnen – Bekanntes, ich hör's, hinterher …
Wird sich mein Herz heut befreien?
Kommt neues, kommt früheres Leben zu mir,
Ob beide zusammen erscheinen?

Wär in den Wolken ein Böses, dann
Würde das Herz es mir sagen …
Es knarrte die Tür. Es zittert die Hand.
Tränen. Und Lieder. Und Klagen.

3. November 1901

* * *

Ich wartete lang – erst spät dich zu sehen,
Doch's Warten belebte den Geist um so mehr,
Finsternis senkte sich, doch ohne Tränen
Spannte ich an: meinen Blick, mein Gehör.

Als in dem ersten lodernden Schein
Auch's Wort sich zum Himmel erhob, –
Zerbrach das Eis, der letzte Stein
Fiel nieder – 's Herz ward frei und froh.

Im weißen Sturm, im Schneegestöhne
Tratst, Zauberin, du neu hervor,
Und im ewigen Licht, im ewigen Tönen
Der Kirchen warn Kuppeln ein ewiger Chor.

27. November 1901


* * *

Nachts: der Sturm, der schneeige,
Hat die Spur verwischt.
Rosenfarbner, zärtlicher
Morgen weckt das Licht.

Morgenrot, erwachendes,
Röte bringt's dem Schnee.
Leidenschaftlich Strahlendes
Dort am Ufer weht.

Hinter blauem Scholleneis
Schwimm ich in den Tag.
Dort: ein Weib im Raureifkleid
Lang schon wartend lag.

5. Dezember 1901

* * *

Das dämmernde Abendlicht, glaube du mir,
An unklare Antwort erinnert es mich.
Ich warte – es öffnet sich plötzlich die Tür
Und, hereinstürzend, schwindet das Licht.
Wie's Träume sind: vergangen, verblasst,
Hab ich Gesichtzüge in mir bewahrt
Und auch die Fetzen geheimen Gesprächs,
Wie's Vorwelten sind: nur Echos, verweht.
Dort, wo du lebtest, Verblassende, gingst,
Unter den Lidern das Dämmern entschwand,
Hinter dir, wie weiße Schwäne sind:
Ein riesiges Boot, als lebte es, schwamm,
Hinter dem Boot – ein feuriger Fluss –
Unruhig wurde mein Singen zum Schluss …
Lauschtest den Liedern gedankenvoll nach
Und die Gesichtszüge wurden bewahrt,
Und es verblieben verblassende Höhn,
Dorthin sind Träume, die letzten, geströmt.
In diesen Höhen, verwirrt, glaube mir,
Gedenkend der dämmernden Zeiten, leb ich,
Verwirrtes Erinnern: es öffnet die Tür
Und, hereinstürzend, schwindet das Licht.

20. Dezember 1901

Neujahrsnacht

Kalte Nebel ruhig schweben,
Purpurn Lagerfeuer glühn
Und Svetlanas frostige Seele:
Geheimnisvoll die Träume spieln.

Es knirschte der Schnee – geschäftige Herzen –
Erneut ein stiller Mond.
Hinter den Pforten: Lachen und Scherzen,
Weiter noch – dunkle Straßen drohn.
Einblick gib ins Festgelächter,
Steig herab, verbirgs Gesicht!
Hindernisse – rote Bänder,
Aufs Vorderdach der Liebste blickt …
Doch der Nebel steht, nichts rührt sich,
Ich erwarte Mitternacht.
Irgend jemand lacht und flüstert,
Lagerfeuer sind entfacht …
Es knirscht der Schnee – im fernen, eisig,
Leise schlich sich's ein: das Licht,
Schlitten, irgendwelche, eilen …
»Sie heißen?« – Lachen Antwort gibt …
Dort: ein Wirbel hebt sich, schneeig,
Weißes deckt das Vorderdach …
Irgendwer verhüllt mir zärtlich
Das Gesicht, und jemand lacht …

Kalte Nebel ruhig schweben,
Blässlich schleicht der Mondenschein.
Und Svetlanas sinnende Seele
Drang in Zauberträume ein …

31. Dezember 1901

* * *

Wo hell ein Fenster leuchtet und heller noch das Schweigen,
Mit Finsternis verschmelzend, fließt aufwärts eine Wand.
Die Stille an der Tür, der Treppe dunkles Steigen
Und um die Ecke schlendert ein Zittern altbekannt.

Auf unermessner Straße: Geschäftigkeit und Lärmen,
Licht zittert in den Türen, ringsum glänzt Dämmerschein.
Der letzte Traum wird mir die Abendseele wärmen,
Solang ich schweigend warte, auf dich, mein armer Freund.

11. Januar 1902

* * *

Wenn die Welt den Frühling feiert,
Lad' ich deinen Schatten ein.
Wart nicht, bis der Tag sich neuert,
Du sollst Tag und Licht mir sein!

Ein neuer Tag – und nicht nur Frühling,
Der ans Fenster windig schlägt.
Lächelnd sollst du, ungezügelt,
Als der Tag im Fenster stehn.

Und wir reißen auf die Türen,
Weinen los und schluchzen dann,
Leicht ertragen wir das Viele,
Das der Winter mit sich nahm.

3. Februar 1902

* * *

Wir leben in der Klosterzelle,
      Wo das Hochwasser blinkt.
Der Frühling schlägt hier froh die Schellen
      Und das Flüsschen singt.

In der Vorahnung der Freuden,
      Am Tag des Frühlingssturms,
Strömt zu uns in dies Gemäuer
      Hellichter Azur.

Tief erfüllt von langen Jahren
      Auferlegter Pflicht,
Eilen wir ins unwegbare,
      Unsagbare Licht.

18. Februar 1902


* * *

Fast unmerklich das Zwielicht dort erzittert,
Geheimnisvoll den leeren Tag vertauscht's,
Wer hat, vorbeigehnd, meiner Seele Flitter,
Beharrlich meinen Traum in Stein gehaun?

Wer warf, vorbeigehnd, seinen Blick so freundlich
Auf diesen Tag, der wirr von dannen schlich?
Im Tiefen, dort, – gedankenschnelle Träume,
Auf Erden, hier, – tief schlafend: Schatten, Licht.

Doch ich begreif, erfass alles im Fieber,
Ich seh die Wirklichkeit, der Schlaf entschwand,
Wer hier mit mir die Erde sanft berührte,
Und zieh mit ihm zum Abenduntergang.

Februar 1902


* * *

Mit Ihm bin ich gepilgert durch die Städte.
Aus Fenstern schauten schläfrig träumend viele.
Ich schritt voran; doch hinter mir – Er selbst,
Alles durchdringend und näher dem Ziele.

Die ungewollte Kraft versetzte mich in Angst,
Da er durch Zauber meine Schritte führte.
Nur manchmal näherte sich ein Passant
Und stöhnte heimlich, weil es ihn verwirrte.

Man sah uns pilgern durch die schwarzen Städte,
In gutem Glauben schauten träumend viele.
Ich schritt voran; doch hinter mir – Er Selbst,
Vergleichbar mir. Jedoch – näher am Ziel.

Februar 1902


* * *

Das Leben schlich dahin wie eine alte Pythia,
Die flüsternd im Geheimen vergessne Worte fand.
Ich seufzte unwillkürlich, da etwas mich betrübte,
Von irgend einem Traum war mein Herz entbrannt.

Ich hielt an einer Kreuzung, blieb im Felde stehen
Und betrachtete den gezahnten Wald.
Doch auch hier, von fremdem Willen angetrieben,
Schien's, dass sich der Himmel immer schwerer ballt.

Und ich dachte an die verborgnen Gründe
Gedanken einzufangen und die junge Kraft.
Aber dort, im Fernen warn gezähnte Höhen,
Die dunkel vergoldet der vergehnde Tag …

Sag mir, Frühling, sag, was mich so betrübte,
Sag, von welchem Traum ist mein Kopf entbrannt?
Geheimnisvoll und leise, wie eine alte Pythia,
Sagt mir's Leben Worte, die es wiederfand.

16. März 1902


* * *

Das Seltsame, Neue such' ich auf den Seiten
Von Büchern, zerlesen und alt,
Verpasste Momente mein Spürsinn begleitet
Und Vögel aus uralter Zeit.

Vom rauschenden Leben unbändig besessen,
Ein Flüstern, ein Schrei mich berührt,
Der reinweiße Traum ist es, der mich gefesselt
Ans Ufer der Vorzeit entführt.

Du bist die Weiße, die niemals Getrübte,
Im Leben so streng und so zornig,
Die heimlich erregende, heimlich geliebte,
Die Jungfrau, der Dornbusch, der Morgen.

Die Wangen goldlockiger Mädchen erbleichen,
Der Morgen, wie's Träumen, wird fahl.
Die Dornen bekränzen die Friedlichen, Weisen,
Vom Feuer, dem weißen, umstrahlt.

4. April 1902

* * *

Ich traf mich mit dir, als die Sonne versank,
Dein Ruder zerteilte die Bucht,
Vom Kleid, deinem weißen, so liebeskrank,
Hab ich die Feinheit der Träume verflucht.

Stets wenn wir uns sahn, wir seltsam verstummten …
Auf jener Landzunge, vor uns, ganz sacht,
Brannte die Kerze des Abends herunter,
An blasse Schönheit hat jemand gedacht.

Sich nähern, vereinen, verlöschen –
Lässt Stille, azurblau, nicht zu.
Im Abendnebel verliefen die Treffen,
In ufernen Binsen und flimmernder Flut.

Nicht Schwermut, nicht Liebe, nicht Kränkung,
Alles verblasste, verging und verschwand …
Deine weiße Gestalt, die Totengesänge,
Und's goldene Ruder in deiner Hand.

13. Mai 1902


* * *

Der goldgelockte Tagesengel
Wandelt sich zur Fee der Nacht,
Auch sie vergeht jedoch: in Klängen,
Ist wie ein Traum: vergänglich, schwach.

Was uns begrenzt: azurne Hülle
Und auch der Erde Mutterschoß.
Von Stürmen kündet ihre Stille,
Und Sturm – verkündet Ruhe bloß.

Solang du lebst, gilt ein Gesetz
Für Knaben, Weise und auch Mädchen.
Was ist es, Sterblicher, das schmählich
Von Gottes Zorn dich träumen lässt?

Sommer 1902


Zum Tod des Großvaters

                    (1. Juli 1902)

Zusammen harrten wir auf Sterben oder Schlaf.
Die Augenblicke schlichen quälerisch.
Ein Windzug plötzlich uns vom Fenster traf,
Ein Blatt des Heilgen Buchs erzittert ist.

Dort ging ein Starez – wie der Mond ergraut –
Rüstig seinen Weg, die frohen Augen blitzten,
Er winkte mit der Hand, er lacht und schaut,
Und ging dann fort mit wohlbekannten Schritten.

Und wir erkannten gleich – ob alt, ob jung –
Dass wir auf ihn, der bei uns lag, da schauten,
Und drehten uns erschüttert eilig um –
Zu seinem Überrest, geschlossnen Augen …

Und tröstlich war's, die Seele zu begleiten,
Beim Gehenden die Heiterkeit zu sehn.
Kommt unsre Stunde – liebend zu gedenken,
Um feierlich zur Heimstatt dann zu gehn.

Dorf Schachmatowo


* * *

Ich bin jung, ich bin frisch, bin verliebt,
Ich bin in Aufruhr, voll Schwermut allzeit,
Ich bin der Ahorn, der heimlich erblüht,
Stets und beständig nur dir zugeneigt.
Durch Blätter streicht ein warmer Wind –
Die Stämme erzittern durch ein Gebet,
Im Aug des Lobes Träne steht,
Doch blickt es zu den Sternen hin.
Du trittst unter dies weite Zelt
In diesen Tagen, die blass und verträumt,
Zu schaun die liebe Pracht der Welt,
Im grünenden Schatten dich zu erfreun.
Du bist allein, in mich verliebt,
Heimliche Träume flüstre ich hier
Und bis in die Nacht – voll Schwermut, mit dir,
Bin ich der Ahorn, der mit dir erblüht.

31. Juli 1902


* * *

Die Kälte der Abende – schrecklich,
Ihr Wind, der aufgeregt schlägt,
Der niemals gegangenen Schritte
Erregendes Rascheln am Weg.

Des Morgens Gesichtszug so kalt
An nahendes Unheil erinnernd,
Als Wahrzeichen, dass wir gefangen
Im Kreisinnern sind, unentrinnbar.

Juli 1902

* * *

Als ein goldgeschmücktes Tal
Trittst du stumm und wild zurück.
Vom Himmel kräht es leis und fahl:
Ein Kranichheer ins Weite zieht.

Im Zenit wohl ist erstorben
Der Klagelaut, sein langer Klang.
Eine Spinne ohne Sorgen
Zieht Fäden, die unendlich lang.

Doch durchsichtig sind die Gespinste,
Brechen nicht das Sonnenlicht;
Froh durch die blinden Fenster dringt es
Ins Haus, das längst verlassen ist.

Als ein Stoff für Festtagsroben
Gab der Herbst der Sonne gerne:
Hoffnungen, die schon verflogen,
Einer inspirierten Wärme.

29. August 1902


* * *

Er ist in die Nacht entwischt,
Nicht einer weiß wohin.
Die Schlüssel warn noch auf dem Tisch,
Im Tisch stand, wo er aufzufinden.

Und wer hätte damals gedacht,
Er käme nie wieder nach Haus?
Es hielt die nächtliche Fahrt –
Und er war verlobt mit der FRAU.

Auf weißem, kalten Schnee
Hat er sein Herz umgebracht.
Durch weiße Lilien zu gehn
Mit Ihr, hat er noch gedacht.

Das Morgenlicht leuchtet schon;
Zu Hause vermisst man ihn sehr.
Die Braut hofft ganz umsonst.
Er war, doch kommt er nicht mehr.

12. Oktober 1902


* * *

Ich trete vor dunkle Altare,
Den Ritus vollzieh ich allein,
Erwarte dort die Schöne Dame
Im rötlichen Kerzenschein.

Im Schatten der hohen Säule
Vernehm ich, erzitternd, die Tür,
Doch blickt mir ins Antlitz, erleuchtet,
Der Traum nur, das Abbild von Ihr.

Wie bin ich gewöhnt an die Kleider
Des Ewig Hochherrlichen Weibs!
Hoch auf Gesimsen erscheinen
Sagen von Freuden und Leid.

O Heilige, flackernd zart leuchtend,
Dein Antlitz, wie tröstlich ist's mir!
Ich höre kein Flüstern, kein Seufzen
Und weiß doch: Du, Liebste, bist hier.

25. Oktober 1902

* * *

Du bist heilig, doch ich kann dir nicht glauben,
Und ich weiß alles längst im Voraus:
Es naht sich der Tag, es öffnen sich Türen
Die Menge tritt weiß in Reihen heraus.

Unsägliche Fratzen, schreckliche Masken,
Die alle Gesichter unirdisch bedecken …
Ich rufe dich an: Hosanna! Hosanna!
Wie wahnsinnig daliegend, lang hingestreckt.

Und dann, sich erhebend über die Fäulnis,
Zeigst du des Gesichtes heiligen Schein.
Und, befreit vom Erdengefängnis,
Vergieß ich mein Leben im letzten Schrei.

29. Oktober 1902


* * *

Es naht sich der Tag, gleich werden wir fröhlich.
Alle die Namen vergessen traf.
Du trittst von selbst in meine Zelle
Und du erweckst mich aus tiefem Schlaf.

In meinem Gesicht vermagst du zu lesen
Und zu enträtseln, was ich gedacht.
Alles wird Lüge, was einst gewesen,
Kaum dass sich dein Erstrahlen entfacht.

Wie damals, liest du meine Gedanken
Mit schweigsamem Lächeln von meiner Stirn:
Der Liebe ungetreues Schwanken,
Die Liebe, die blühte auf diesem Gestirn.

Doch dann – in der schöneren, herrlichsten Stunde,
Ohne den Zweifel des Denkens empfang
Ich deinen Kelch, leer' ihn bis zum Grunde,
Nehm Anteil am Tage, der Dir entsprang.

31. Oktober 1902


* * *

Man begegnete ihm an traumhaften Tagen
Auf den Straßen überall.
Er ging und hat sein Wunder getragen,
Im frostigen Schatten stets kurz vor dem Fall.

Er ging in seine stille Zelle,
Entzündete das letzte Licht.
Es flackerte die Kerze fröhlich
Beim Lilienstrauß, der Pracht verhieß.

Man staunte über ihn, und lachte,
Und sagte, dass er ein Sonderling sei.
An pelzverbrämte Mäntel er dachte,
Versank in Finsternis aufs neu.

Doch einmal sahen sie voll Sorge,
Dass er sehr glücklich war, so froh;
Man legte ihn ins Grab am Morgen,
Ein Priester sprach leise sein Abschiedswort.

Oktober 1902


* * *

Es werden geheime Zeichen entflammen
An unverbrüchlich-dumpfer Wand.
Roter Mohn und goldner Hanf
Halten mich im Schlaf gefangen.

In Höhlen tiefer Nacht verborgen
Kenn ich kein böses Wunder mehr.
Blaue Chimären schauen am Morgen
In des Himmels Spiegelmeer.

Ich fliehe in längst vergangne Momente.
Ich schließ die Augen voller Angst.
Auf den Blättern erkaltender Bände –
Ein goldnes Mädchenzöpfchen prangt.

Es hängen niedrig Firmamente,
Ein schwarzer Traum umschlang die Brust.
Es naht mein vorbestimmtes Ende:
Es drohen Krieg und Feuersbrunst.

Oktober 1902


* * *

Wie schrecklich ist's, Dir zu begegnen.
Noch schrecklicher: ich seh Dich nicht.
In allem sich die Wunder regen,
Aus allem mir Dein Siegel spricht.

Die Straße entlang gehen Schatten –
Schlafend, lebendig? – Es trügt.
Ich fürchte den Rückblick und warte
An Kirchenstufen geschmiegt.

Auf meine Schultern legen sich Hände,
Die Namen der Menschen verwehn.
In meinen Ohren ertönen die Klänge
Von großen Begräbnissen, unlängst geschehn.

Der düstere Himmel hängt tiefer und schwerer,
Bedeckt diesen heiligen Ort.
Ich weiß: Du bist hier. Du rückst näher.
Hier bist du nicht. Du bist dort.

5. November 1902

* * *

Wie Wünsche, wachsen die Häuser,
Doch blicke nur plötzlich zurück:
Wo einstmals ein weißes Gebäude,
Ein schwarzer Gestank dich bedrückt.

Die Dinge wechseln die Plätze,
Verschwinden unmerklich hinauf.
Du, Orpheus, verlorst deine Liebste, –
Die dir geflüstert: »Schau auf! … «

Ich verhülle mein Haupt mit Weißem
Und spring' in den Strom mit Geschrei.
Über der schwankenden Leiche
Ein Blümchen, süß duftend, erscheint.

5. November 1902


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Verse von der Schönen Dame (2)

III. Petersburg. Herbst und Winter 1901
Es weckt mich der neblige Morgen!
Es knarrte die Tür. Es zittert die Hand
Ich wartete lang – erst spät …
Nachts: der Sturm, der schneeige
Das dämmernde Abendlicht, …
Neujahrsnacht
 
IV. Petersburg. Winter und Frühling 1902
Wo hell ein Fenster leuchtet
Wenn die Welt den Frühling feiert
Wir leben in der Klosterzelle
Fast unmerklich das Zwielicht dort erzittert
Mit Ihm bin ich gepilgert durch die Städte
Das Leben schlich dahin wie eine …
Das Seltsame, Neue such' ich …
Ich traf mich mit dir, als …
 
V. Šachmatovo. Sommer 1902
Der goldgelockte Tagesengel
Zum Tod des Großvaters
Ich bin jung, ich bin frisch, bin verliebt
Die Kälte der Abende – schrecklich
Als ein goldgeschmücktes Tal
 
VI. Petersburg. Herbst – 7. November 1902
Er ist in die Nacht entwischt
Ich trete vor dunkle Altare
Du bist heilig, doch ich kann …
Es naht sich der Tag, gleich werden …
Man begegnete ihm …
Es werden geheime Zeichen entflammen
Wie schrecklich ist's, Dir zu begegnen
Wie Wünsche, wachsen die Häuser

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Aleksandr Blok (2)