[K. A. Somow: Porträt von A. A. Blok (April 1907]

Aleksandr Blok (1880 – 1921)

Ophelias Lied

Mir hat er gestern so vieles geflüstert,
Es entsprang seinem schrecklichen, schrecklichen Wesen …
Hat sich für gefahrvolle Wege gerüstet,
     Und ich vergaß, was gestern gewesen –
          vergaß, was gestern gewesen.

War es erst gestern – ist's lange her?
Was hüllt er sich jetzt so in Schweigen?
Ich fand meine Lilien im Felde nicht mehr,
     Ich suchte ja nicht nach Trauerweiden –
          nach Trauerweiden.

Ach, lang ist es her! Mit mir, mit mir
Sprachen sie – gaben mir Küsse …
Ich weiß es nicht mehr – verberge es hier,
     Wovon diese Ufer geflüstert –
          die Ufer geflüstert.

Ich hab es in jeder Legende gefunden,
Sein teures Gesicht, sein schreckliches Wesen …
Auf diesem Pfad hier ist er entschwunden,
     Wohin auch ging, was gestern gewesen –
          auch ging, was gestern gewesen.

Alleine gewöhnt' ich ans Feld mich so sehr,
Da gab's keine Leiden, von denen ich wüsste.
War es erst gestern – ist's lange her?
     Sie sprachen mit mir und gaben mir Küsse –
          sie gaben mir Küsse.

23. November 1902


* * *

Sich rötend, erloschen die Treppen.
Du sagtest von selbst: »Komme bald«.
Am Eingang ins Dunkel: Gebete.
Ich öffne mein Herz einen Spalt.

Ich warte – und weiß nichts zu sagen.
Vielleicht sterbe ich ja vor Glück.
Verbrennend im Flammen des Abends,
Übereign' ich dem Feuer auch dich.

Unerwartet – ein Traum wurde Wahrheit.
Die glutrote Flamme erblüht.
Du schreitest. Im Hohen und Weiten,
Über uns und den Tempeln der Untergang schied.

25. Dezember 1902


* * *

Ich hatte so fröhliche Träume,
Mir träumte, ich wär nicht allein …
Des Morgens erwacht' ich vom Lärmen:
Es krachte unwirkliches Eis.

Das Wunder wird wahr, dacht' ich, heute …
Doch haben mit Äxten und Kraft
Gerötete, fröhliche Leute
Nur lachend ein Feuer entfacht:

Sie teerten die Nachen, die schweren …
Es trug, laut singend, der Fluss
Tiefblaue Eisschollen, Wellen,
Des Ruders zersplitterten Bruch …

Und trunken von fröhlichem Sange,
Erfüllt von den Dingen des Scheins …
Bewegen mich Frühlingsgedanken,
Ich weiß jetzt: Du bist nicht allein …

11. März 1903


* * *

Ich war ganz mit bunten Fetzen bekleidet,
Weiß und rot, mit scheußlichem Lärvchen,
Lachte auf Kreuzwegen, Grimassen schneidend,
Und erzählte närrische Märchen.

Ich sponn all mein Garn lange und länger,
Ohne Zusammenhang, laut, doch nicht lauter,
Von Greisen, namenlosen Ländern
Und von dem Mädchen mit Kinderaugen.

Jemand begann lange sinnlos zu lachen,
Ein weiterer war wohl verärgert und keuchte.
Und als ich plötzlich geriet aus der Fassung,
Ertönte Geschrei aus der Menge: »Jetzt reicht es!«

April 1903


* * *

Ich werde wach – im Feld ist es neblig,
Vom Hochsitz zeig ich: die Sonn' ist erschienen,
Doch mein Erwachen ist ganz unerheblich
Und auch das Mädchen, dem ich diene.

Als ich am Haus vorbeiging im Zwielicht,
Sah ich im Fenster den feurigen Schein.
Von ihrer Schwelle ein Mädchen, das rosig,
Erhob sich und sprach, wie schön ich doch sei:

Damit ist's Märchen zu Ende, ihr Leute,
Mehr brauch ich von euch nicht. Danke, es reicht:
Es war gar kein Wunder, von dem ich da träumte –
Beruhigt euch wieder – es war nichts weiter.

2. Mai 1903


* * *

Sie war fünfzehn Jahre alt, doch vom Schlagen
Des Herzens konnt' sie eine Braut für mich sein.
Als ich sie, scherzend, um ihre Hand bat,
Begann sie zu lachen und ließ mich allein.

Das ist lange her. Seit damals vergingen
Jahre und Zeiten, kein Mensch weiß wie viel.
Wir trafen uns selten und sprachen nur wenig,
Doch war unser Schweigen unsagbar tief.

Treu meinen Träumen, in der Nacht eines Winters,
Verließ ich den grellen, bevölkerten Saal,
Wo stickige Masken bei Sang und Tanz grinsten,
Wo ich sie begierig betrachtet beim Ball.

Sie folgte mir dann, gehorsam und stetig,
Und wusste nicht, was sich zusammengebraut,
Es sah nur die Nacht, die schwarze, die städtische:
Es schlichen verborgen Verlobter und Braut.

Am eisigen Tag, der sonnig und rötlich –
War'n wir im Dom, wo die Stille ganz tief:
Begriffen, die Jahre des Schweigens war'n richtig,
Dass das, was geschieht, – in der Höhe geschieht.

Von diesem Geschehn langer, seliger Suche
Ist voll meine Brust, so voller Gesang,
Aus diesen Liedern schuf ich ein Gebäude
Und andere Lieder – sing ich irgend wann.

16. Juni 1903
Bad Nauheim


* * *

Ich bin ein Schwert, geschärft von beiden Seiten.
Ich Erzengel leite Ihr Schicksal schon lang.
In meinem Schild brennt ein grüner Stein;
Der wurde entzündet von Gottes Hand.

Ich schließ darin mein Unermessliches ein,
Wenn mich der ewige Schlaf übermannt.
Ihr wird in der Welt meine Kerze verbleiben,
Ich lass Ihr den Stein, meinen hiesigen Klang.

Ihr geb ich zum Schutz meinen klingenden Reim.
Der grüne Stein wird Ihr im Herzen entbrannt.
Der Stein wird Ihr Freund und Ihr Bräutigam sein
Und wie ich nicht log, lügt er sie nicht an.

Juli 1903


Die Fabrik

Im Nachbarhaus sind gelbe Fenster.
Den Abend lang – den Abend lang
Knarren nachdenklich die Angeln,
Menschen treten ans Tor heran.

Fest verschlossen sind die Pforten,
Doch an der Wand – doch an der Wand
Zählt jemand unbeweglich, schwärzlich
Die Menschen in der Stille ab.

Ich hör in meiner Höhe alles:
Grell seine Kupferstimme schallt;
Die müden Rücken soll es beugen,
Das Volk, das unten sich geballt.

Sie treten ein, gehn auseinander,
Ein Sack auf jeden Buckel fällt.
Es lacht hinter den gelben Fenstern,
Weil sie die Bettler einbestellt.

24. November 1903


* * *

Im schwarzen Frack verweilt' ich bei den Gästen.
Ich drückte Hände, musste lächelnd zugestehn:
Die Stunde schlägt. Man wird mir Zeichen setzen.
Und sie verstanden, ich hab irgendwas gesehn …

Du trittst zu mir, krallst schmerzhaft meine Hand
Und sagst: »Lass das. Sie lachen über dich«.
Doch ich versteh – am Tonfall und am Klang,
Du fürchtest mehr als alle andern – mich …

Ich schreie auf, ganz hilflos und ganz blass,
Und schaue ziellos um mich wie ein Narr;
Erwache an der Tür, die Kupferhand umfasst.
Erblicke alle … und ich lächle zart.

18. Dezember 1903

Aus den Gazetten

Stand auf, als es hell war. Bekreuzte die Kinder.
Die Kinderchen hatten so freudige Träume.
Verbeugte sich tief, am Boden die Stirne,
Es war ihre letzte Erdenverbeugung.

Kolja erwachte. Seufzte so freudig,
Im Wachen verging nicht der hellblaue Flug.
Dröhnend erstarb das Lärmen der Scheibe:
Die klirrende Tür schlug unten zu.

Stunden vergingen. Ein Mann kam daher;
Ein Zinnschild an wärmender Mütze steckte.
Er klopfte und wartete lang bei der Tür.
Sie öffneten nicht. Sie spielten verstecken.

Nach frostiger Weihnacht wärmt fröhliches Necken.

Und sie verbargen das rötliche Kleid,
Das Mama trug, wenn sie ausging, morgens.
Doch heute ließ sie zu Hause das Kleid:
In Winkeln haben's die Kinder verborgen.

Verstohlen kam Dämmerung. Kindliche Schatten
Hüpften an Wänden im Schein der Laternen.
Jemand kam hoch, die Stufen knarrten,
Zählte sie, weinte und klopfte voll Wärme.

Die Kinderchen hörten's. Der Türriegel ging.
Die dicke Frau Nachbar bringt Suppe vorbei.
Sie sagte: »Nun esst«; sank auf die Knie
Und schlug wie die Mama, demütig, ein Kreuz.

Nicht krank ist die Mutter, ihr rosigen Racker.
Das Mütterchen hat sich auf Schienen gelegt.
Dem guten Menschen, der dicken Frau Nachbar,
Danke schön, danke. Mama war nicht fähig …

Der Mama geht's gut. Die Mama ist tot.

27. Dezember 1903


* * *

Mein Geliebter, mein Fürst, mein Galan,
Du weinst, wo die Wiese erblüht.
In goldener Flur mit Pfauenblick
Dreh ich mich am anderen Strand.

Ich fang deine Träume im Flug,
Als blass-bleiche Blume, dir wert.
Ich schein dir, erblüht, als ein Trug,
Du bist müde, weißbrüstig, ein Pferd.

Ach, zertritt meine Unsterblichkeit, –
Ich wahre das Feuer für Dich,
Die zarte Flamme des Kirchenlichts
Zur Frühmesse zünd' ich es leis.

Du stehst in der Kirche mit blassem Gesicht
Und gehst zur Himmelskönigin, –
Nun wedele mit dem wächsernen Licht,
Bis ein vertrautes Zittern beginnt.

Still steh ich bei dir – als Kerze – und dann
Als Blume – vor dir – zart und traut.
Ich erwarte dich, du mein Galan,
Dir ganz eine Braut und auf ewig – die Frau.

26. März 1904
Velikaja Pjatnica


* * *

Spätherbst. Der Himmel: geöffnet,
Die Stille durchdrungen vom Wald.
Aufs Ufer, erschöpft, legt das Köpfchen
Umspült einer Nixe Gestalt.

Binsen durchdrangen den Schatten,
Der Nebel steigt langsam herab.
Blätter fallen raschelnd
Auf langes, grünes Haar.

Über dem Waldrand, dem fernen,
Wandelt der Mond, leise knisternd, und schaut,
Doch, unter grünen, verwirrenden Strähnen
Atmet sie nicht mehr, kein Laut.

Die leblose Stille verzaubert.
Über die Welt, welche Kälte ertrug,
Legt sich unsägliche Trauer.
Die dunkelblaue Stunde schlug.

August 1905

* * *

               Für L. Semënov

Bei Morgenröte erwart' ich mein Sterben.
Du, von weit zu mir gelangte,
Erfülle nun die Pflicht der Zarin
Im fahlen Schein der Nachttischlampe.

Den Totenkranz um meine Stirne, –
Im Leichentuch lieg ich bereit.
Die Lampe hast du angezündet,
Damit der Stoff wie Schnee erscheint.

Diese Bettvorhänge öffne,
Des Gegangenen, des Zaren.
Mit Tannennadeln auf den Höhen
Spielen erste Morgenstrahlen.

Steinig ist der Weg. Mit Zweigen
Mache, dass er gangbar werde.
Zarenlächeln, längst versteinert,
Will ich irdisch nicht gefährden.

Januar 1904

* * *

Sie war eine junge und fröhliche Braut.
Der Tod kam gesprungen und hat sie geraubt.

Die alte Mutter begrub sie sogleich.
Die Kirche versank überwuchert im Teich.

An tiefster Stelle im schlammigem Zeugs
Schwimmt ein vereinsamtes, regloses Kreuz.

Hunderte Jahre vergingen und mehr.
Das alte Haus der Jugend entbehrt.

Im alten Haus, das der Jugend noch harrt,
Verblieb nur die alte Mutter als Wart.

Die Alte fädelt die Nähnadel ein.
Auf hellem Boden zittern Schatten ganz fein.

So still ist geworden, was hell einmal war,
Die Alte vergaß das Zählen der Jahre.

So alt wie die Welt, wie das Mondlicht so grau,
Es kann niemals sterben die uralte Frau.

Die Kommoden entlang, entlang alter Sessel
Tanzen die fröhlichen Mäuse entfesselt,

Den Boden bedecken die roten Fädchen,
Die Mäuselchen piepsen gemeinsam im Eckchen.

Tief unten im Wasser sitzt diese Frau
Noch immer im Stillen, wie Mondlicht so grau,

Dieselben Fädchen, der Mäuse Gepiepse,
Ein Bildnis schaut hervor aus der Nische –

Im dunklen Gemach im tiefdunklen Teich
Mit seltsamem Blick – stets gleich, immer gleich …

Der Blick ist längst teilnahmslos, irgendwie tot,
Das Knäuel der Fäden wirkt fröhlich, so rot …

Und tiefer und tiefer reiht sich die Ruh,
Der Garten schaut ständig durch Fenster ihr zu,

So grün wie die Welt; so tief wie die Nacht;
So zart wie die Tochter, die nicht mehr erwacht …

»Zurück, kehr zurück! Kein Faden will halten.
Lass mich doch bitte in Ruhe erkalten.«

3. Juni 1905


* * *

Ein Mädchen sang im Kirchenchor
Von den Erschöpften in der Fremde,
Von Schiffen, auf dem Meer verlorn,
Von allen, deren Glück am Ende.

Es flog ihre Stimme zur Kuppel empor,
Zur Schulter weiß ein Lichtstrahl schlich,
Im Finstern sah man offnen Ohrs,
Wie's weiße Kleidchen sang im Licht.

Und alle glaubten, Freuden kämen,
Die Schiffe wärn alle im Dock vertäut,
Dass die Erschöpften in der Fremde
Sich eines hellen Daseins freun.

Die Stimme war süß, der Lichtstrahl lind,
Ganz oben nur, wo's Himmelstor liegt,
Geheimnisvoll teilnehmend weinte ein Kind.
Es wusste, keiner kehrt zurück.

August 1905


Der Schutzengel

Ich liebe dich, schützender Engel, im Nebel.
Im Nebel, in dem ich auf Erden stets lebe.

Dafür, dass du mir eine lichte Braut warst,
Dafür, dass du meine Geheimnisse stahlst.

Dafür, dass uns Nacht und Geheimnis verbunden,
Dass Schwester, Braut, Tochter ich in dir gefunden.

Dafür, dass uns langes Leben beschlossen,
Auch dafür, dass wir – die Ehe geschlossen!

Für deine Beschwörung, meine Ketten und Zucht.
Dafür, dass uns die Familie verflucht.

Dafür, dass du das nicht liebst, was ich so liebe.
Dafür, dass mich Arme und Bettler betrüben.

Dafür, dass der Einklang im Leben misslang.
Dafür, dass ich töten will, und es nicht kann –

Den Kleingeist zu strafen, ohne Feuer und Licht,
Der so tief erniedrigt mein Volk und mich!

Der Freie und Starke im Kerker schloss ein,
Der lang nicht geglaubt meinem Feuerschein.

Der mir für Geld die Tage will rauben,
Hundegehorsam bei mir will erkaufen …

Dafür, dass ich schwach bin, bereit für den Frieden,
Auch dass meine Ahnen stets Sklaven geblieben;

Der Zartheit Gift hat die Seele getötet,
Und diese Hand kann das Messer nicht heben …

Doch ich liebe dich auch für meine Schwäche,
Für bitteres Mitleid und deine Kräfte.

Was mit Blei vergossen, im Feuer geschmiedet –
Wird niemand gelingen zu trennen hienieden!

Mit dir habe ich in dies Frührot geschaut –
Den schwarzen Abgrund schau ich mit dir auch.

Das Schicksal hat zwiespältig uns aufgetragen:
Wir sind freie Seelen! Wir sind böse Sklaven!

Unterwerfe dich! Wag es! Verlass nicht! Geh fort!
Das Feuer, die Finsternis – was steht bevor?

Wer ruft da? Wer klagt? Wo gehen wir hin?
Gemeinsam – untrennbar – zu zweit stets wir ziehn!

Erwachen wir? Sterben wir? Gehn wir dahin?

17. August 1906


Müdigkeit

Wem ein dunkles Schicksal bestimmt ist,
Der wird vom Reigentanz nicht sehr berauscht.
Wie ein Stern ertrinkt er im Himmel
Und ein Stern, ein neuer, geht auf.

In langer Nacht kurz Wege währen,
Nah, Freunde, droht der Nacht Gebot,
Da ist kein Reim, der kürzer wäre,
Als dieser dumpfe, geflügelte: Tod.

Und gibt's das frische Rot der Wangen,
Die Wiedersehnsfreude, ein Abschiedslied …
Dann gibt's auch Verfall, und müdes Bangen,
Und den Triumpf der Agonie.

14. Februar 1907


* * *

Bessere gibt es und schlechtre als mich,
Und viele Menschen und Götter,
In jedem brennt ein feuriges Licht,
In jedem droht trauriges Wetter.

Ein jeder setzt den andern in Brand
Und löscht dann das Feuer erneut,
Ein jeder, sieht er den anderen an,
Seufzt vor Traurigkeit.

Ich möchte sein, der Zar meiner selbst,
Den eigenen Zorn will ich schaun,
Damit den dumpfen Abgrund erhelln
Gesichtszüge blendender Fraun.

Mein eigenes Leben will ich erbaun,
Mein eigenes Leben zerstörn.
Ich will nur mit jenen die Dämmerung schaun,
Denen auch all meine Liebe gehört.

September 1906

Die Unbekannte

Über den Restaurants, an den Abenden,
Schweben die Lüfte: heiß, wild und dumpf,
Steuert ein Frühlingshauch, ein belebender,
Trunkene Rufe im modernden Sumpf.

Fern: über den staubigen Gassen,
Über den Landhäusern, die träge stehn,
Glänzt ein Bäckerkringel, ein goldener,
Und das Plärren von Kindern ertönt.

Hinter den Schlagbäumen, an allen Abenden,
Zwischen Kanälen, die Köpfe beschirmt
Schief von Melonen, führen die Damen
Scherzbolde voller Erfahrung spaziern.

Über den Wellen des Sees knarren Dollen
Und ein Frauengekreische erschallt,
Während am Himmel, Beachtung nicht zollend,
Sinnlos die Scheibe des Mondgesichts schmollt.

An allen Abenden, in meinem Glase
Spiegelt sich wider der einzige Freund
Und ist vom herben Geheimnis der Flasche,
So wie auch ich, benebelt, betäubt.

Und nebenan, an benachbarten Tischen,
Stehen die Kellner und schlafen schon fast,
Trinker mit Augen von weißen Kaninchen
Schreien: »In vino veritas!«

Und jeden Abend, zur stets gleichen Stunde
(Oder erscheint mir das ganze im Traum?)
Seh ich im Fenster, von Seiden umwunden,
Neblig umrissen, das Bild einer Frau.

Ohne Begleiter, geht sie alleine
Zwischen den Trinkern hindurch, ohne Hast,
Süße Gerüche und Nebel verstreuend
Nimmt sie am Fenster schließlich Platz.

Von Ringen umlagerte, schmalweiße Hände
Und die Federn der Trauer am Hut
Und die weichen, seidigen Bänder
Fächeln mir alte Legenden zu.

Wie gebannt von der seltsamen Nähe
Zwingt es mich, hinter den Schleier zu schaun,
Hinter dem Dunkel: verzauberte Fernen;
Ufernes seh ich: verzaubertes Blau.

Dumpfe Geheimnisse, mir übergebene,
Jemand hat mir eine Sonne geschenkt
Und alle Windungen in meiner Seele
Sind vom Weine längst herbe durchtränkt.

Und die gebogenen Federn der Strauße
Schwanken im Hirne sanft hin und her;
Abgrundtiefblaue, tiefdunkle Augen
Blühen am Meere, am Ufer, so fern.

In meiner Seele verschlossen: Geschmeide.
Sie zu entschlüsseln: ich hab's in der Hand.
Ja, du hast recht, versoffenes Scheusal,
Dass im Wein Wahrheit liegt, ist mir bekannt!

24. April 1906, Ozerki


* * *

Die stille Sonne kam abends heraus,
Und Pfeifenrauch brachte der Wind,
Im Türrahmen wunderbar sich anzulehnen
Nach meiner nächtlichen Sauferei.

Viel ist vergangen,
Viel wird noch geschehn,
Doch niemals wird's Herz aufhörn, sich zu erfreun
In stiller Freude
Daran, dass sie kommen,
Sich auf diesen alten Diwan setzen
Und einfache Worte sagen
In der stillen Abendsonne
Nach meiner nächtlichen Sauferei.

Ich liebe ihren feinen Namen,
Ihre Hände und Schultern,
Das schwarze Tuch.

Oktober 1906


* * *

Nacht. Die Stadt beruhigte sich.
Hinter einem großen Fenster
Ist es so still und feierlich,
Als würde ein Mensch sterben.

Doch steht dort einfach nur einer,
Von Misserfolgen verwirrt,
Mit geöffnetem Kragen,
Und schaut auf die Sterne.

»Sterne, Sterne,
Erzählt mir den Grund meiner Trauer!«

Und blickt auf die Sterne.

»Sterne, Sterne,
Woher kommt diese Schwermut?«

Und die Sterne erzählen es.
Alles erzählen die Sterne.

Oktober 1906


* * *

Ich bin in vier Wänden – erschlagen
      Von irdischen Sorgen und Leid.
Am Himmel: mit goldenem Faden
      Bestickt glänzt ein hellblaues Kleid.

Wie süß, und wie hell, und wie schmerzlich,
      Mein hellblauer Bruder, so fern!
Die weinende Seele dankt herzlich
      Für dein Gewand dir so gern.

Wie du kann so hellblau sie werden
      Im Himmel und dermaßen schön,
Nie drückte die Schwerkraft zur Erde
      Den Geist der Tiefen und der Höhn.

Auch in vier Wänden kenn ich den frohen,
      den freudenvollen, azurenen Sinn,
Und denke: nah ist die Belohnung,
      Da mir der Tod vorherbestimmt …

Im Himmel blass – als feiner Rauch:
      Des Sängers blaugefärbter Geist
Mischt sich mit dir, der so vertraut,
      Im Schoß des Strengen Vaters einst.

Oktober 1916


Fenster zum Hof

Mir blieb eine einzige Hoffnung:
Der Blick in den Hinterhofschacht.
's wird hell. Die Wäsche glänzt tropfend,
Wenn morgens das Streulicht erwacht.

Ich lausche – das alte Gerede
Erhebt sich tief unten am Grund.
Es flackern dort gelbliche Kerzen,
Die einer vergaß ohne Grund.

Es schmiegt sich ein hungriges Kätzchen
In jene Dachrinne, späht.
Mir bleibt nur zu weinen, mein Schätzchen,
Zu lauschen, wie friedlich du schläfst.

Du schläfst, auf der Straße ist's öde,
Ich gehe vor Traurigkeit ein.
Verärgert und hungrig klopft's Böse
Beharrlich ans Schläfenbein …

Hej, Knabe, schau zu mir, ins Fenster,
Doch schaust du nicht – gehst nur vorbei.
Ich gleiche der Sonne des Winters,
Die dämlich die Dinge bescheint.

Oktober 1906


Schneegeflecht

Es wirbelte Schneefinsternis.
Schneewächte lagen ringsum.

Ja. Wir kennen uns nicht, na und?
Du bist meiner Verse gewirktes Geflecht.

Und heimlich wirke ich an dem Geflecht,
Die Schneefäden flecht' ich und stricke.

Nicht als erste betrogst du mich
Auf dunkler Brücke.

Elektrisches Licht ist hier.
Dort: leere Meere ziehn,
Und böse Gewässer gefangen im Eis.

Ich öffne dir niemals die Tür.
               Nein.
               Nie.

Und Schneespritzer hinter uns lassend,
Fliegen wir schnell in Abgrunds-Millionen …
Du schaust mit gefangener Seele, wir rasen
Hinauf in die Kuppel, wo Sterne wohnen …

Du schaust nicht mehr heiter,
Der Schnee wird blau …

Dunkle Weite,
Des Schlittens erglänzender Lauf …

Und wenn sich mit mir begegnen
Unausweichliche Augen, –

Sich schneeige Tiefen verbergen,
Nahe Lippen Küsse rauben …

Höhe. Tiefe. Schnee schweigt ringsum.
Und du bist stumm.
In deiner von Hoffnung entkleideten Seele
Ist selbige Trauer gefangen, so leicht.

O, Verse des Winters, silbern-schneeig!
Auswendig lese ich euch.

3. Januar 1907

Aufruhr

Herz, vernimmst du
Leichte Schritte
Hinter dir gebannt?

Herz, erkennst du:
Man gibt Zeichen,
Streng geheime, mit der Hand?

Bist es du? Bist es du?
Stürme heulen immerzu
Bis der Sichelmond gefriert …

Kommst du herab?
Ich lieb dich ja! –
Bringst du mich nun fort von hier?

Über grenzenlosem Schnee
Fliegen wir!
Hinter Nebelmeeren jäh
Brennen wir!

Schneesturmvogel
Komm geflogen,
Bring zwei dunkle Flügel mir!

Bis, Herzliebste, bei dir leise
In des Mondes Silberkreise
Meine Seele kraftlos stirbt!

Bis die Winterfeuer kündend
Das so ferne Kreuz entzünden,
Das bedrohlich tut sich kund!

Bis wir wie zwei Pfeile schwirren
In den schwarzen Sternengrund!

4. Januar 1907


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Kreuzwege (1902 – 1904)
Ophelias Lied
Sich rötend, erloschen die Treppen
Ich hatte so fröhliche Träume
Ich war ganz mit bunten Fetzen bekleidet
Ich werde wach – im Feld ist es neblig
Sie war fünfzehn Jahre alt, doch …
Ich bin ein Schwert, geschärft …
Die Fabrik
Im schwarzen Frack verweilt' ich …
Aus den Gazetten
Mein Geliebter, mein Fürst, mein Galan
 
Blasen der Erde (1904 – 1905)
Spätherbst. Der Himmel: geöffnet
 
Verm. Gedichte (1904 – 1908)
Bei Morgenröte erwart' ich mein Sterben
Sie war eine junge und fröhliche Braut
Ein Mädchen sang im Kirchenchor
Der Schutzengel
Müdigkeit
Bessere gibt es und schlechtre als mich
 
Die Stadt (1904 – 1908)
Die Unbekannte
Die stille Sonne kam abends heraus
Nacht. Die Stadt beruhigte sich
Ich bin in vier Wänden – erschlagen
Fenster zum Hof
 
Die Schneemaske (1907)
Schneegeflecht
Aufruhr

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