[G. K. Lukomskij: Ravenna (1910)]

Aleksandr Blok
Italienische Gedichte (1909)

* * *

      Sic finit occulte sic multos decipit aetas
      Sic venit ad finem quidquid in orbe manet
      Heu heu praeteritum non est revocabile tempus
      Heu propius tacito mors venit ipsa pede.

So zerstören die Jahre unbemerkt von vielen,
So geht alles zugrunde, was in der Welt existiert;
Weh, es kehren nicht wieder all die vergangenen Zeiten,
Weh, es naht sich der Tod schnell und mit lautlosem Schritt.

Epitaph unter der Kirchturmuhr
der Santa Maria Novella (Florenz)



Ravenna

Alles, was flüchtig ist, all das, was vergänglich,
Hast du beerdigt im Laufe der Zeit.
Wie ein Säugling schläfst du, Ravenna,
Gewiegt in den Armen der Traumewigkeit.

Sklaven durch römische Kirchenpforten
Führ'n hier das Mosaik nicht mehr ein.
Und abgekühlt glüht die Vergoldung
An der Basiliken Mauerstein.

Des Grabgewölbes rauer Bogen
Weicht auf, weil Feuchtigkeiten rinnen,
Wo Sarkophage grün bemoosen
Voll heiliger Mönche und Kaiserinnen.

Stumm sind die sarggefüllten Säle,
Zu wehren Gallas schwarzen Blick
Sind kühl und schattig ihre Schwellen,
Dass, wenn sie erwacht ist, der Stein nicht verglüht.

Die blutige Spur, der Lärm und Zank
Der Militärs sind längst verblichen,
Dass man Placidias Lustgesang
Aus Zeiten nicht höre, die längst entwichen.

Das Meer ist weit zurückgetreten,
Von Rosen wird der Wall gezäumt,
Dass Dietrich, der im Sarg so schläfrig,
Vom Sturm des Lebens nicht mehr träumt.

Die Öde, wo die Menschen hausen,
Dort wo der Wein wächst – alles Särge.
Vom Grabstein tönen die Posaunen
Des Hochlateins, das Kupfer prägte.

Nur in den Blicken, still und fest,
Der Mädchen von Ravenna, zärtlich,
Ein Trauerzug sich ahnen lässt,
Weil das Meer nie wiederkehrte.

Nur nächtlich, sich an Täler schmiegend,
Bereits die Zukunft scharf im Blick,
Mit Adlernase Dantes Schatten
Mir was vom Neuen Leben singt.

(Mai – Juni 1909)


* * *

Es ruht Theoderich in Frieden,
Auch Dante steht wohl nie mehr auf.
Wo früher einst das Meer gewütet,
Wächst Wein im stillen Windeshauch,
Wo zart Ravennas Mädchen blicken,
Beginnt des Frühlings leiser Lauf.

Hier kann die Leidenschaft nicht sprechen,
Kein Lohn wird meiner Bettelei!
Ich bin in deinen Augen nichtig!
Dein Schicksal – mich erfüllt's mit Neid,
O Galla! – ich muss allezeit
Voll Leidenschaft von dir berichten!

(Juni 1909)


Das Mädchen aus Spoleto

Dein Wuchs ist schön und grade, so wie Kirchenkerzen.
Dein Blick durchbohrt so wie ein scharfes Schwert.
Mädchen, erhoff nicht geblendet zu werden –
Schenk mir, wie dem Mönch einst, ein Autodafé!

Ich fordre kein Glück, keine Zärtlichkeiten,
Hätt je meine Rauheit dich zärtlich gekränkt?
Als Künstler blick ich übern Zaun, nichts weiter,
Dorthin, wo du Blumen pflückst, – und liebe dich längst!

Vorbei, längst vorbei, – dich jagen die Winde –
Die Sonne verbrennt dich – Maria! Belehr
Den Blick – über dir Cherubime zu finden,
Das Herz – zu ermessen den süßesten Schmerz!

In dunkle Locken flechte ich zierlich
Wie Diamanten, die Verse, die helln.
Ich werfe mein liebendes Herz begierig
In dunkle Augen, die strahlendsten Quelln.

(3. Juni 1909)


Venedig

1


Mit ihr stach ich in See,
Mir ihr verließ ich das Ufer,
Mir ihr ging ich in die Ferne,
Mir ihr vergaß ich die Nächsten …

        O rotes Segel
        In grüner Weite!
        Schwarzer Strass
        Auf dunklem Schal!

Er kommt von der Abendmesse,
Doch im Herzen fließt kein Blut …
Christus trägt sein Kreuz vorüber …

        Adriatischer Liebe –
        Meiner letzten –
        Verzeih, mach's gut!

        . . . . . . . . . . . . . . . . .

(9. Mai 1909)


Venedig

2

       für Evgenij Ivanov

Ein kalter Wind von der Lagune.
Der Gondeln Särge ruhn und schweigen.
Ich lag heut Nacht – ein kranker Junge –
Ganz lange bei der Löwensäule.

Auf dem Turm, mit Bronzestimmen,
Schlagen Mohrn die Mittnachtstunde.
Es versenkte mondbeschienen
Seinen verzierten Ikonostas
St. Markus tief in der Lagune.

Im Schatten des Palastes eilt,
Kaum vom Mond beschienen noch,
Heimlich Salomé vorbei
Mit meinem blutbedeckten Kopf.

Alle schlafen: die Kanäle,
Die Paläste und die Menschen,
Schleichend nur geht dies Gespenstchen,
Traurig nur auf schwarzem Schälchen
Schaut mein Kopf die Finsternis.

(August 1909)


Venedig

3

Der stete Lebenslärm wird schwächer.
Die Flut der Sorgen langsam sinkt.
Im schwarzen Samt ein Wind verächtlich
Vom Dasein in der Zukunft singt.

Werd ich im andern Land erwachen,
Nicht mehr in diesem finstern Staat?
Werd ich in der Erinnrung atmen
Dies Leben irgendwann im Schlaf?

Wer schenkt mir's Leben neu? Ein Pfarrer,
Ein Kaufmann, Fischer, Dogensohn?
Wer teilt in künftger Nacht das Lager
Mit meiner Mutter, die da kommt?

Wenn er beim Liedchen zärtlich schnatternd
'ne Venezianerin verführt,
Vielleicht wird dann mein künftger Vater
Mich dann schon beim Refrain erspürn?

Ob ich in künftigem Jahrhundert
Als Säugling, den sein Schicksal schmerzt,
Die Augen öffnen muss verwundert
An der Löwensäule erst?

Was sang die Saite, die verklungen?
Träumst, Mutter, du vielleicht schon mal
Mich vor dem Wind, vor der Lagune
Zu schützen mit geweihtem Schal?

Nein! Das was ist, was war – soll bleiben!
Fort, was erahnt, erträumt, erdacht!
Mit den Flutwellen enteil es
In den schwarzen Samt der Nacht!

26. August 1909


Perugia

Vom Umbrischen Gebirge steigt am Tag, der fröhlich
Und auch leidend war, blauer Rauch empor.
Plötzlich – Regenschauer, dann ein Wind – so tröstlich,
Unterm offnen Fenster tönt ein lauter Chor.

Dort – im Fenster, unter Peruginos Fresken
Lacht ein schwarzes Auge, atmet eine Brust:
Eine braune Hand möcht' ein Körbchen fassen,
Unerreichbar bleibt es, sie erhascht nur Luft …

Im Körbchen liegt ein weißer Zettel lose:
»Questa sera … Franziskaner-Kloster … «

(Juni 1909)


Florenz

1

Stirb, Florenz, du bist ein Judas,
Verschwinde in der Nacht der Zeit!
Als Liebender ich dich vergaß,
Im Tode steh ich dir nicht bei!

Verlache dich nur selber, Bella,
Denn schön bist du schon lang nicht mehr!
Grabesfalten dich entstellen
Und Fäulnis dein Gesicht verzerrt!

Deine hohen Häuser krepeln,
Wo laut Automobile schnarrn,
Im gelben Staub, all-europäisch
Begingst du an dir selbst Verrat!

Im Staube Fahrradfahrer läuten,
Dort, wo ein Mönch dereinst verbrannt,
Wo bläulich Fra Beato träumte
Und Leonardo sah die Nacht!

Du nervst die fetten Medicäer
Und trittst die eignen Lilien flach,
Du kannst nicht wieder auferstehen,
Wo diese Händlermeute wacht!

Der Näselmessen langes Quatschen,
Wenn Leichen Rosenduft bestreut, –
Der Schwermut mehrstöckige Lasten –
Verbrenn' in reinigender Zeit!

(Mai – Juni 1909)


Florenz

2

Florenz, bist eine zarte Iris,
An der ich einsam liebend hing
In langer, hoffnungsloser Wirrnis
Im Staub des Parkes der Cascine.

Ans Aussichtslose süß zu denken:
Hier lebend wie im Traum zu bleiben;
In deiner alten Glut verenden,
Mit alter Seele zart enteilen …

Doch Abschied ist nicht zu vermeiden,
Und im Land, das fern und weit,
Wirst du mir, rauchge Iris, träumen
Wie meine frühe Jugendzeit.

(Juni 1909)


Florenz

3

In langer Leidenschaft geschäftig
War meine Seele, ohne Fluch,
Iris des Rauchs, der sanften Mächte,
Ein Strom des reinen Wohlgeruchs
Befiehlt, die Flüsse zu durchschwimmen,
Die Segel flattern in der Luft,
Bis man in diesem Abendhimmel
In Ewigkeit ertrinken muss;
Und setze ich der Glut mich aus,
Der blauen Glut im Abendrot,
Ins himmelblaue Himmelblau
Treibt mich eine Welle fort …

Juni 1909


Florenz

4

Glühende Steine entzünden
Meinen verwundeten Blick,
Rauchige Irisse züngelnd
Hält vom Fliegen nichts zurück.
Die Trauer wird ausweglos schlimmer,
Auswendig kennt sie mein Herz!
Ich schau in den schwarzen Himmel
Italiens, Seele: geschwärzt.

Juni 1909


Florenz

5

Logenfenster am schwarzen Himmel,
Im uralten Hof: Scheinwerferlicht.
Dort geht sie vorbei – Spitzen schimmern,
Ein Lächeln im braungebrannten Gesicht.

Längst ist mein Blick vom Wein vergoren
Und durch die Adern ein Feuer schießt …
Soll ich ein Abendlied singen, Signora?
Bei welchen Klängen schlafen sie süß?


Juni 1909


Florenz

6

In der Glut florentinischer Trägheit
Tust du mit kargen Gefühlen dir leid:
Es schweigen die Kirchenstufen, die schrägen,
Und alle Blumen erblühn ohne Freud'.

Bewahr diese Schaffenslüge zumindest,
Die deiner Gefühle Ruinen bewohnt:
Nur im leichten Kahn der Künste
Kannst du der Weltlangeweile entkommen.

17. Mai 1909


Florenz

7

Als taubenblauer Rauch
Steigt's Abendgluten heiß,
Herrscht in Toskana-Tälern …

Es fliegt vorbei, vorbei,
Stürzt sich als Fledermaus
Auf eine Nachtlaterne …

Schon sieht man in den Tiefen
Zahllose Feuer scheinen,
Schon sieht man in Vitrinen
Den Widerschein von Steinen,
Die Stadt verhüllt die Berge
Mit blauem Zwielicht wieder,
Schon necken sich Signoras
Mit ihren Straßenliedern …

Staubiris qualmt, der Kelch
Schäumt mit den Tränen leicht,
Die Christus hat vergossen …

Nun festlich tanz und sing,
Florenz, Verräterin,
Im Kranz versengter Rosen! …

Bring mich um den Verstand,
Sing Liebe und Verrat,
Mach schlaflos diese Nacht,
Reiß alle Saiten ab,
Schlag deine Schellen rasselnd,
Verberge dein Bedauern!
In einer öden Gasse
Deine Seele trauert …

August 1909


* * *

Dieses Mädchen, noch wenig entwickelt,
Senkt nicht die Augen, wird noch nicht rot,
Mit einem unfassbar schwarzen Blick
Schaut es mich an.
Wenn es nur nach mir ginge,
Würde ich mein ganzes Leben in Settignano herumsitzen.
Bei den verwitterten Steinen des Septimus Severus
Schaute ich auf die Steine, die von Sonne übergossen sind,
Und auf den schönen, verbrannten Hals und den Rücken
Einer hässlichen Frau unter zitternden Pappeln.

15. Mai 1909
Settignano

Madonna da Settignano

Nachdem ich Dir auf dem Gebirgspass begegnet,
      Verstand mein Blick, nicht mehr getrübt,
Die rauchigen Weiten toskanischer Ebenen,
      Das Auf und Ab der Höhenzüge.

Gelb ist Dein Tuch, bestickt mit Blumen –
      Der Farbton träumt von Mohn.
Du schaust mit himmelgroßen Augen
      Wie dieser Pilger schleicht davon.

Erlaubst Du, das ewge Verbot zu quittieren,
      Dem ewigen Wandersmann – mir?
Voll Lust Deinen Namen zu hauchen, Maria,
      Im fremden Landstrich hier?

(3. Juni 1909)


Fiesole

Es schlägt die Axt, vom Campanile
Erreicht uns langsam, weckt uns auf
Der goldne Klang, der altertümlich
Dem tälernen Florenz entlaufen …

Ob solche Axt genau so lärmte,
Hier auf Fiesoles Bergesrücken,
Als Fra Beatos Augen erstlich
Florenz vom Höhenzug erblickten?

Juni 1909


Siena

Tief im Platz, der leise zögernd
Abfällt, sprießt das Gras hervor.
Schmaler Mond mit steilen Hörnern,
Als Kerzen der Gottheit: Türme davor.

O hinterlistiges Siena,
Dein Köcher ist mit Pfeilen voll!
Betrug, Verrat gepaart mit Häme:
Dein Schicksal bleibt geheimnisvoll!

Durch nachbarliche Ackerfurchen
Von allen Seiten eng berückt,
Hast du die Klingen deiner Türme
In das Firmament gezückt!

Und, verliebt in Geistesqualen
Füllen die Ikonen an,
Wo Madonnen, die verschlagen,
Augen schürzen, schmal und lang.

Mag auch dem Kind ein Sturmwind drohen,
Mag es bedrohn ein schlimmer Feind,
Die Mutter schaut ins trübe Dunkel
Und schürzt die Augen, die ganz feucht! …

7. Juni 1909


Der Dom zu Siena

Wenn dich dein bald'ger Tod verängstigt,
Wenn deine Tage nicht mehr hell, –
Dann neig im Dome zu Siena
Den schweren Blick zu Boden schnell.

Sag, wo ist ew'ge Dunkelheit?
Hier – von Sibyllas Mund ergeht
Im Zitterwahn das Prophezeihn
Von Christi Wiederauferstehung.

Bring deine Sachen hier in Ordnung,
Des Alters froh, das du erreicht.
All das, was wir so gern erörtern,
Hier schlug der Meißel es in Stein.

Hier schnuppert an Blumen beflügelt ein Knabe,
Hier hält ein Mann ein Pergament,
Hier steht ein alter Greis am Grabmal,
Der sich auf beide Krücken stemmt.

Schweige, Seele, lass dein Quengeln,
Quäle, nerv und ruf mich nicht:
Einmal kommt sie, die gestrenge,
Die kristallne Stunde der Liebe.

Juni 1909


* * *

Die Kunst: den Schultern eine Last.
Weshalb der Dichter dieses Leben
In flüchtger Kleinigkeit erfasst!
Wie süß, sich Nichtstun hinzugeben,
Zu fühlen, wie das heiße Blut
Die Adern klangvoller durchflutet,
Von Neuem anfacht Liebesglut,
Zum Wolkenfangen dich ermutigt,
Zum Träumen, dass das Leben selbst
So wär, wie die Champagnerlaunen
Des zarten Knisterns, leisen Graunens
Des cinéma, das sich bewegt! …
Ein Jahr darauf – im fremden Land,
In unbekannter Stadt zu dösen;
Erneut auf andrer Leinwand dann:
Das gleiche Antlitz der Französin! …

Foligno
(Juni 1909)


* * *

Die Lider scheu herabgeschlagen,
Die Schulter gut verdeckt vom Schleier …
Es glauben viele, du seist heilig,
Doch du, Maria, bist verschlagen …

Von Well'n gewiegt, bei jungen Frauen,
Wenn Meeresnacht den Vorhang senkt …
Und nicht umsonst hat diese Augen
Ein Mönch den Laien nicht gegönnt:

In eine finstre Kirchennische
Trug er mit seinen Brüdern Sie –
Weit entfernt von Sünderblicken,
Wo man keusche Andacht übt …

Doch wards den Brüdern schnell zu öde
Sie im Dunkel nicht zu schaun …
Und hörten die Madonna reden:
»Bringt mich in den Kirchenraum!«

Schluss mit Legenden und mit Nebeln!
Sie ist in allen Kirchen jetzt
Von Mönchen und von Laienflegeln
Den Lästerungen ausgesetzt …

Doch gibt es noch einen geheimen
Verehrer göttlicher Schönheit – mich …
Er sieht Dein ungewöhnlich reines,
Maria, Dein unvergängliches Licht!

Er hockt auf Knien in dunkler Nische
Und beichtet seiner Sünden Schmutz,
Auch sein Entzücken, das nicht schüchtern,
Und seiner Verse feine Lust.

Du, deren Herz so mild und gütig,
Sei nicht erzürnt und nicht erstaunt,
Dass er zuweilen, wie'n Verliebter,
In Deine zarten Höhen schaut!

(12. Juni 1909)


Mariä Verkündigung

Seit Kindertagen: Träumerein, Visionen,
Die Zärtlichkeit umbrischer Nacht.
Auf den Zäunen glühen erste Rosen,
Glocken singen leis und wunderzart.

Recht lebhaft sind die Freundinnen, die süßen,
Ihre offnen Blicke reichlich frech.
Nur sie allein, im ewgen Reifen, mühsam,
Ist's, die mit Seide ständig Muster flechtet.

Von Hoffnung wird die Zaghafte gepeinigt,
Von Träumen, unerfüllbar, unerkannt.
Und plötzlich sieht sie rote Kleider leuchten,
Und erzittern an der goldnen Wand.

Sie beugt den Kopf zur Seide, senkt die Lider,
Doch überall sieht sie durchs Wimperngold:
Ein Wirbelwind mit vielfarbigen Flügeln,
Ein Engel, der sich tief herniederbeugt …

Der Engel mit dem kühnen Zweig blickt heilig,
Und spricht: »Gegrüßt seist du! Du bist so schön!«
Sie erzittert durch die Botschaft freudig,
Zwei schwere Zöpfe von den Schultern wehn …

Und er singt und flüstert – immer wieder,
Das Zelt der Flügel immer näher rückt …
Kraftlos senkt sie immer tiefer nieder
Den erröteten, verwirrten Blick …

»Ich, ja, ich?«, sie kann's nicht glauben, bebend;
Ihre Brust verdeckt sie mit der Hand.
Dunkel leuchten Flammen in der Ferne.
Sie weder gehn, noch aufstehn, seufzen kann …

Darauf – in völlig unbekannten Schmerzen –
Erstrahlte ihr Gesicht, nicht mehr verwirrt …
Darüber – als ein Zeichen eigner Stärke –
Schlägt Perugias Greif sich einen Stier.

Nur der Künstler hinterm Vorhang sieht es, –
Das Kreuz, das Qual und Pein erahnen lässt;
Und er sagt: »Profani, procul ite,
Hic amoris locus sacer est«.

Perugia – Spoleto
(Mai – Juni 1909)


Mariä Himmelfahrt

Den Leib, in Tücher eingewickelt,
Bahrte man im jungen Wald.
Da die Qualen sie verjüngten,
Die alte Schönheit wiederhallt.

Längst nicht mehr rauschend, nicht mehr strahlend,
Gerührt, in Finger, die geballt,
Der Erzengel zum letzten Male
Legt weiße Blumen, selbst schon alt.

Es vergoldet ferne Berge
Der Morgen als ein Abschiedshauch,
Und über nebeligen Tälern
Stehn drei verblichne Magier auf.

Sie führte, wie in alten Tagen,
Ein anderer, ein spätrer Stern.
Die Schäfer, jetzt mit grauen Haaren,
Treiben vom Berg die Herde her.

Als Wächter ihrer ewgen Ruhe
Erfüllt die Finsternis das Tal.
Zwischen Sternen und der Frühe
Glitzern Nymphen ohne Zahl.

Doch höher, auf dem steilen Abhang,
Singt der Fluss, die Mandeln blühn,
Und überm offnen Sarkophage
Schaut der Grabesengel still.

Spoleto
(4. Juni 1909)


Epitaph für Fra Filippo Lippi*

      CONDITUS HIC EGO SUM PICTURE FAMA PHILIPPUS
          NULLI IGNOTA MEE GRATIA MIRA MANUS
        ARTIFICIS POTUI DIGITIS ANIMARE COLORES
          SPERATAQUE ANIMOS FALLERE VOCE DIU
       IPSA MEIS STUPUIT NATURA EXPRESSA FIGURIS
        MEQUE SUIS PASSA EST ARTIBUS ESSE PAREM

       MARMOREO TUMULO MEDICES LAURENTIUS HIC ME
       CONDIDIT ANTE RUMILI PULVERE TECTUS ERAM

Hier ruh ich, Filippo, mich aus, ein ewig unsterblicher Künstler,
Die Zauberkraft meines Pinsels wurde von allen gerühmt,
Die Kunstfertigkeit meiner Finger konnte die Farben beseelen;
Ich konnte mit göttlicher Stimme fromme Seelen verwirrn.
Selbst die Natur ist gezwungen, meine Werke betrachtend,
Mich einen Meister zu nennen, der in den Künsten ihr gleicht.

Lorenzo de'Medici legte – hier mich in Marmor zur Ruhe,
Dass dieser Sarg mich beschütze, da ich mich wandle zu Staub.

* Auf Befehl von Lorenzo dem Großen wurde diese Inschrift von Polizian verfasst
und im Dom von Spoleto in die Grabplatte des Künstlers eingemeißelt.
(Anmerkung A. Bloks)


Inhalt:  >>

Italienische Gedichte (1909)

Motto
 
Ravenna
Es ruht Theoderich in Frieden
Das Mädchen aus Spoleto
 
Venedig
1. Mit ihr stach ich in See
2. Ein kalter Wind von der Lagune
3. Der stete Lebenslärm wird …
 
Perugia
 
Florenz
1. Stirb, Florenz, du bist ein Judas
2. Florenz, bist eine zarte Iris
3. In langer Leidenschaft geschäftig
4. Glühende Steine entzünden
5. Logenfenster am schwarzen …
6. In der Glut florentinischer …
7. Als taubenblauer Rauch
 
Dieses Mädchen, noch wenig entwickelt
Madonna da Settignano
Fiesole
Siena
Der Dom zu Siena
Die Kunst: den Schultern eine Last
Die Lider scheu herabgeschlagen
Mariä Verkündigung
Mariä Himmelfahrt
 
Epitaph für Fra Filippo Lippi

>> [1] [2] [3] [4] [5] [6] <<

Aleksandr Blok (5)