[K. A. Somow: Porträt von A. A. Blok (April 1907]

Aleksandr Blok (1880 – 1921)

Den Freunden

      So schweigt doch, verfluchteste Saiten
                             A. Maikov

Wir sind im Geheimem wie Feinde,
So neidisch, entfremdet und taub,
Doch wem hätte Leben und Arbeit
Nicht ewige Feindschaft versaut!

Was tun! Wo doch jeder sich mühte
Zu verpesten das eigene Haus,
Getränkt sind die Wände mit Giften,
Vor niemandem senkt man das Haupt!

Was tun! Auf kein Glück mehr vertrauend,
Halb wahnsinnig durch unser Lachen,
Wir trunken von außen beschauen,
Wie unsere Häuser zerkrachen!

Verräter in Freundschaft und Leben,
Verehrer von dämlichem Schwatz,
Was tun! Wir befreien die Wege,
Wir schaffen den Nachfahren Platz!

Wenn unter dem Zaun in den Nesseln
Die Knochen unselig verfault,
Schreibt irgend ein spätrer Professor
Ein Werk, das die Menschheit erbaut …

So wird der Verfluchte nun plagen
Die Kinder, schlägt Schuldlose platt
Mit unsren Geburts- und Todestagen
Und einem Haufen verquerer Zitate …

Ein trauriges Los – so beschwerlich
Dies Leben so sinnlos und schwer,
Um Stoff für Dozenten zu werden
Und Kritiker gut zu ernährn …

Man möcht' sich im Schneesturm verkriechen,
Und hindämmern ewig im Schlaf!
So schweigt doch, verfluchteste Bücher!
Nie schrieb ich euch, auf keinen Fall!

1908


Der Rauschgoldengel

Auf den geschmückten Weihnachtsbaum
Und auf die Kinderchen beim Spielen
Ein schmucker Rauschgoldengel schaut
Durch den Spalt wattierter Türen.

Die Njanja heizt im Kinderzimmer,
Das Feuer knistert und brennt hell …
Der Engel schmilzt, doch ohne Wimmern:
Er ist in Deutschland hergestellt.

Zuerst sind's nur die Flügelspitzen,
Dann sinkt das Köpfchen sanft zurück,
Zuletzt in einer süßen Pfütze
Ein Paar zerbrochner Füßchen liegt.

Und auch das Pfützchen ist vertrocknet,
Die Hausfrau sucht – und find't ihn nicht …
Die taube Njanja geht am Stock und
Brummt was, aber weiß von nichts …

Ihr müsst zerbrechen, schmelzen, sterben,
Ihr Traumgeschöpfe, zart und leicht,
Im grellen Flammen des Verderbens,
Im Lärm, der Alltagstrubel heißt.

So! Geht zugrunde! Seid ihr nützlich?
Soll kurz, mit Schluchzen in der Kehle,
Vergangnes atmend, weinend sitzen,
Das Gör, das Streiche spielt – die Seele.

25. November 1909


Für Anna Achmatova

»Schönheit ist grausam«, – sagt man ihnen, –
Spanisch lässig sie den Schal
Um die schmalen Schultern winden,
Rot die Rose blüht im Haar.

»Schönheit ist einfach«, – sagt man ihnen, –
Mit dem bunten Schal bedecken
Unerfahren sie ein Kindchen,
Rot die Rose liegt am Boden.

Doch, zerstreut den Worten folgend,
Die um sie herum ertönen,
Nachdenklich und etwas traurig,
Wiederholen sie für sich:

»Bin nicht grausam und nicht einfach,
Nicht so grausam, um nicht einfach
Zu erschlagen; nicht so einfach
Nicht zu wissen, dass das Leben grausam ist.«

16. Dezember 1913

Vor Gericht

Was hat dich verwirrt, und so befangen?
Schau mich doch, wie früher, wieder an.
So verwandelt, – so erniedrigt fortzuwandeln
Durch des klaren Tages grellen Gang.

Jener bin ich nicht mehr, nicht wie früher
Unerreichbar, reizbar, stolz und rein.
Milder blicke ich und hoffnungsmüder
Auf den Lauf der Welt, der öde scheint.

Habe nicht die Kraft, dich anzuklagen,
Habe auch Verachtung nie gehegt,
Für den vielen Frauen, den verschlagnen,
Quälerisch auch dir bestimmten Weg.

Schließlich bin ich auch ein bisschen anders,
Als die andren, kenn dein Leben gut,
Mehr als allen Richtern ist bekannt mir,
Was dich an den Rand des Lebens trug.

Denn am Rande standen wir zusammen,
Durch ein Fieber schicksalhaft geführt,
Wollten uns an keine Last mehr klammern,
Um im Flug zu sehen, wie man stürzt.

Du hast stets geträumt, dass wir, entbrennend,
Bis zum Ende brennen, – du und ich
Wir bekämen, Arm in Arm ersterbend,
Seligere Länder zu Gesicht …

Was bleibt übrig, da auch dieses Träumen,
Wie ein jedes Träumen, letztlich trog
Und des Lebens mitleidlose Peitsche
Uns mit grober Schnur eins überzog?

Die Lebenshast: für uns hat sie nichts übrig,
Und das Träume lügen, ist bekannt,
Aber trotzdem – warst du nicht auch glücklich,
Als wir dann und wann zusammen warn?

Diese Locke, glänzt sie nicht doch golden,
Ist sie nicht wie alter Feuerschein? –
Lustbewegte, Gottlose und Hohle,
Unvergessene, ich bitte dich, verzeih!

11. Oktober 1915

* * *

Ich bin an die Kneipentheke genagelt.
Ich bin längst betrunken. Mir ist alles eins.
Mein Glück ist hin – auf einer Troika
Jagt es in silbrigen Rauch hinein …

Es flieht mit der Troika, ist ertrunken
Im Schnee der Zeit, jahrhundertweit …
Silbriger Staub spritzt unter den Hufen,
Der stets noch meine Seele peitscht …

Im dumpfen Dunkel sprüht es Funken,
Bis funkenhell die Nacht erstrahlt …
Davon, dass all mein Glück versunken,
Das Glöckchen unterm Krummholz lallt …

Die ganze Nacht lang seh ich's goldne
Geschirr … und hör's die ganze Zeit …
Du, öde Seele … meine versumpfte …
Bist trunken von nichts als Betrunkenheit …

26. Oktober 1908


* * *

Nicht deshalb wollt' ich als dein Paladin erscheinen,
Nicht deshalb tratst du einst an mich heran,
Nur um aufs verbrannte Kaminholz zu weinen,
Nur um beim erstorbenen Feuer zu tanzen!

Ist untreu das Glück, so schnell schon entschwunden?
Bin ich wirklich so schwach schon, so alt und so krank?
Nein! Noch ziehn im Aschengrund spärliche Funken,
Es gibt noch ein Feuer, zu zünden den Brand!

30. Dezember 1908


* * *

        für Boris Sadovskoj

Der brennende, goldene Ball
Schickt in das All den riesigen Strahl,
Den schattigen Kegel lang und schmal
Wirft in das All ein anderer Ball.

So ist die unentstandne Welt.
Der Kegel ist die Erdennacht.
In ihr – erneut durch Äther wälzt
Sich ein Trabant, der golden wacht …

Ich habe, Liebe, oft beklagt
Deiner Augen hellen Schein:
Viel schrecklicher als Nacht und Tag
Ist es leuchtend nicht zu sein.

6. Januar 1912


* * *

Zeiten gibt es, Tage, wenn
Tief ins Herz der Schneewind bläst,
Keine Arbeit dich erlöst
Und kein Stimmchen rettend tönt …

Als erschreckter Vogel fliegst du,
Doch der Morgen ist voll Blut …
Traurig, lustvoll, wie im Fieber
Schwelt der Liebe Wahnsinnsglut …

Gespaltnes Herz: Gewitterwolke,
Darunter: alles taub und stumm,
Und sie – die früher nur gewollte –
Ist schon 'ne andre, tauscht sich um …

Dunkel, schwül, bedrückend fröhlich,
Nach Atem ringend, atemlos,
Ist schon der Andern gänzlich hörig
Die Seele, die einst voller Stolz!

(22. November 1913)


* * *

Den ich vergaß, ich seh den Glanz
Und hör es augenblicklich klingen
Hinter den Geigen – andres Singen,
Den Brustton, tief, der einst erklang,

Als meine Freundin Antwort gab
Auf meine allererste Liebe.
Ich kenne ihn auch heute wieder
Wenn Schneesturm tobt, an solchem Tag,

Wenn vom Vergangnen nichts mehr blieb,
Und nur die fremde Lust zeigt manchmal
Etwas von dem, was einmal war,
Erinnert manchmal noch – ans Glück.

12. Dezember 1913


* * *

Hell wie der Tag, doch unverständlich,
Real, doch wie ein Traumfragment,
Kommt sie mit Reden, die verständig,
Ihr folgt auf immerdar – der Lenz.

Hier setzt sie sich, fängt an zu reden.
Mich aufzureizen macht ihr Spaß
Und anzumerken, dass ein jeder
Weiß wie geheim ihr Feuer rast.

Streng acht ich nicht auf Einzelheiten,
In denen ihre Rede tanzt,
Ich seh, wie sich Erregung weitet,
Am Zittern der Schultern, im Augenglanz.

Kommt endlich auch das Herz zur Sprache,
Wird sie durch Geist und Duft berauscht;
Ich hab in Augen, Schultern, sachte
Den Vers, den Frühlingswind belauscht, –

Die kalt wie Handgelenke leuchten,
Sich unterbrechend fängt sie an
Selbst festzustellen, Leidenschaften
Sind nichts verglichen mit kaltem Verstand!..

20. Februar 1914


* * *

Du warst treuer als alle, herrlicher, heller,
     Fluche mir nicht, lass es sein!
Mein Zug fliegt dahin, wie Zigeunerlieder,
     Wie jener Tage verblichener Schein …

Alles was schön war – vorbei ist's, vorbei …
     Vor mir liegen unkenntliche Strecken …
Es sei gepriesen, was nicht mehr zu retten,
     Unwiederbringlich … Verzeih!

31. August 1914


* * *

Das feurige Rot einer Wolke des Donners
Zieht fließend über das Firmament.
In meiner Zelle mal ich die Madonna,
Ich male – es wächst, was in mir denkt.

Das Antlitz skizziert' ich voll Zartheit,
Hier ist unterm Pinsel die Hand erblüht,
Hier sind in schneeweißer Schönheit
Zwei himmlische Flügel, zwei leichte, erglüht …

Das Feuerrot spiegelt sich heller
Auf meiner Leinwand, die rau und enthemmt …
Das unausweichliche Denken wird greller,
Umarmt mich und hat sich eng an mich gedrängt …

31. August 1914


* * *

Hätt' ich auch gelebt ohne Liebe,
Hätt' ich auch all meine Schwüre gebrochen, –
Du erregst ganz meine Seele,
Wo ich auch immer dich angetroffen!

O diese Hände, die fernen!
Im dumpfen Alltagsbetrieb
Deine Verzauberung trägst du
Zu mir – sogar nach dem Abschied!

In meiner Wohnung alleine,
Kalt, nicht einmal eine Maus,
Seh ich im Traum, dem nie freien,
Ein altes verlassenes Haus.

Erinnre vergangne Minuten,
Erinnre vergangene Jahre …
Für immer ist das, was du warst
Eingefasst, in meinem Blute!

Wer mich auch ruft – keine Lust
Auf zärtliches Übereilen.
Ich bin lieber hoffnungslos – bleibe
Schweigend unter Verschluss.

<8. Oktober 1915>


* * *

Die Tage vergingen, die Jahre,
Ich habe – so dumm! und so blind! –
Erst heute im Traume erfahren:
Sie hatte mich niemals geliebt …

Es war nur des Zufalls Begegnung,
Die uns eine Wegstrecke trug,
Die kindliche Glut: sie musste sich legen,
Und sie sagte schließlich: Mach's gut.

Mein Herz jedoch: diese Liebe erfüllt's,
Vergiftet ist's: andre berühren es kaum,
Dieselben Gedanken – dies einzelne Lied
Erklang heute in meinem Traum …

30. September 1915

* * *

Hinter den Bergen, den Wäldern,
Hinter den staubigen Wegen,
Hinter den Hügeln der Gräber,
Du blühst unter anderen Sternen …

Weißes bedeckt jenen Berg,
Im Tal grünen frühlingshaft Gräser,
Das Jenseits ermahnt mich voll Schmerz
Und alles Geschehene scheint mir wie gestern …

Ich kann dich in Träumen erkennen
Und drücke voll Schmerz deine Hand,
Die wundertätige, mit meinen Händen
Und habe wieder den Namen genannt.

30. September 1915

* * *

So wie das Meer die Farbe tauscht,
Wenn aus den hochgetürmten Wolken
Plötzliches Licht herniederrauscht, –
So muss das Herz dem Klangsturm folgen
In seinem Schlag, und Seufzer bangen;
Die Brust haucht Glückes Tränennass
Und das Blut schießt in die Wangen
Vor dem Auftritt Carmencitas.


4. März 1914

* * *

Am Himmel grünt das Blau, und mit verwaschner Sichel
Der Mond schläft im Azur, der Wind wagt keinen Hauch,
Der Frühling und das Eis vergehn mit letzten Stichen,
Die Seele steigt verwirrt in Traum und Wirbel auf …

Was ist so mondenzärtlich und höher als die Sonne,
Die in der Dämmerung am Horizont verlischt?
Behalte dies für dich: dass unterm Dach, dem hohen,
Erleuchtet ist ein Fenster, nicht nur durch Dämmerlicht.

24. März 1914

* * *

Den Morgendämon gibt's. Er ist rauchig-hell,
Ist goldgelockt, von Glückes Fülle.
Sein blauer Umhang, himmlisch wie er fällt,
Ist von perlmuttergleichem Schillern.

Doch wie's Azur zur Nacht vom Finstern wird durchzogen,
Durchzieht sein Antlitz manchmal tiefer Schreck,
Das Gold der Locken – schweres Hellrot deckt,
Die Stimme – manchen Sturms vergessnes Toben.

24. März 1914


* * *

Mit Schnee und Eis der Frühling tobt.
Ich höre auf im Buch zu lesen …
O, schlimme Stunde, als sie dort
Zuniga aus der Hand gelesen.
José mit ihren Blicken reizte,
Verächtlich 's Auge auf ihn warf!
Es blitzt der Zähne Perlenreigen
Und ich vergaß, was vorher war,
Das Herz durchpeitscht des Blutes Walln,
Das Hirn vergisst die Heimat eben …
Die Stimme sang: Mit deinem Leben
Wirst du für meine Liebe zahln!


18. März 1914


* * *

Bei denen, die in Carmens Bann,
Die, sie als buntes Volk umringend,
Versuchen für sich zu gewinnen,
Wirft einer Schatten an die Wand
Von Lillas Pastias Nachttaverne,
Er schweigt und blickt nur finster hin,
Sucht keinen Anteil, bleibt ihr ferne,
Und wenn die Trommel hell erklingt, –
Betäubend ihre Schellen lärmen, –
Denkt er an seines Frühlings Freuden;
Und wenn ihr Vollklang tosend schallt,
Schaut er auf ihre Klanggestalt
Und sieht in schöpferische Träume.

26. März 1914


* * *

Erzürnter Blick aus Augen, fahl.
Ihr stolzes Fordern, Hass, durchdringend.
Aller Linien – Schmelzen, Singen.
So sah ich dich zum ersten Mal.
Nacht im Parterre. Atem stockt.
Das schwarze Mieder rückt immer näher …
Das bleiche Antlitz … und gelockt
Konnt ich die Strähne fallen sehen …
O, nicht zum ersten Male war's,
Dass ich empfand solch stummes Grauen!
Doch dieser Hände, Schultern zartes,
Und fast erschreckendes Erschauern …
Wie sich das stolze Haupt bewegte,
Unmittelbar den Ärger zeigte …
(So schaut auf Menschen aus dem Käfig
Der Löwen wutergrimmte Meute).
Doch dort, beim runden Lampenschirm,
Verstummte schon die Seguidilla;
Groll, Eifersucht, weil nicht zu dir
Kam der verliebte Escamillo,
Doch du hast nicht die Schnur benützt,
Unnützen Lichtschein zu vermindern,
Die Perlenreihe nicht mehr blitzt
Der Zähne – jenem Unglückskinde …
Nicht hinschaun, schweigen – keine Kraft,
Die Sprache war nicht mehr gelitten
Und du bist schon (als Stern der Nacht),
Mit elegantem Schritt geglitten,
Gehst – Mattigkeit befällt dein Gang,
Das Lied der zarten Schultern war
Bis zum Erschrecken längst bekannt,
Und das Herz muss es bewahrn,
Ein andres Heimatland erstrebend,
Dein Bild, das ewig teuer währt …

Doch da: Gehn wir aus diesem Leben,
Gehn wir aus diesem bittren Leben!

Schreit dort ein Mensch im Todesschmerz …

Und nassen Schneefall bringt der März.

25. März 1914


* * *

Weiden – sie sind der Frühling, das Tauen,
Irgend etwas erheitert uns traurig,
Das heißt – eine Kerze brennt irgendwo leis,
Und meine Gebete erklingen so heiß,
Und ich küsse die Schulter dir leis.

Gerstenähren – sie sind die Felder,
Kranichgeschrei, ein Hochwasser meldend,
Dies bedeutet – am Zaun mich erwart'
Bis zum Vergehen des schwülheißen Tags,
Das heißt – du hast an mich gedacht.

Rosen – Angst ihre Farbe mir macht,
Sind sie – deiner Zöpfe rötliche Nacht?
Sind sie – der Musik geheimer Verrat?
Ist's Herz nun in Carmens Gefangenschaft?

30. März 1914


* * *

Du, wie der Nachhall vergessener Hymnen
In meinem schwarzen und wilden Geschick.
Carmen, traurigen Zauber verkünd' ich,
Den ich im Schlaf geträumt über dich.

Frühlingserzittern, Lispeln und Rascheln,
Wilde Tränen, die Tiefschlaf erhelln,
Die deinen Liebreiz verschüchtert erhaschen –
Wie die Gitarre, im Frühling die Schelln!

In Trugbildern und in Gedanken versinkend,
Wie eine Zarin glückseliger Zeit,
Mit einem Kopf, in Rosen ertrinkend,
Schwebst du in Sagen und Träumen vorbei.

Schläfst, dich schlangengleich hin und her wendend,
Schläfst wie betäubt – im Schlaf siehst du dann:
Die Weite des Meeres und glückliche Strände,
Den Traum, den ich nicht erreichen kann.

Du siehst einen Tag, keine Dämmerung bringend,
Dein sengendes, trautes Heimatgebiet,
Das blau, so blau, singend und klingend,
Selig-erstarrt ist, wie's Paradies.

Im sterbenden Eden von Stille ergriffen,
Wo Zweige sich flechten in Strauch und Busch,
Rühmt deine Stimme von seltsamer Tiefe
Zauberhaft stürmisch zigeunernde Lust.

28. März 1914


* * *

O ja, frei ist die Liebe, wie ein Vogel,
     Ja, ganz egal – bin dein!
Ja, meinem Traum ist sowieso gewogen
     Deine Gestalt, dein Feuerschein!

Ja, schöner Hände Raubtierkraft,
     Augen, worin Schwermut trügt,
Dort fiebert meine Leidenschaft,
     Darin die Nacht mit Carmen liegt!

Ich werde dich besingen, Himmeln
     Deine Stimme überstelln!
Als Priester deinen Feuerritus
     Hinauf bis zu den Sternen gelln!

Stürmisch hebst du dich als Welle
     In meiner Verse Fluss,
Ich wasche nicht von meinen Händen,
     Carmen, deinen Duft …

In nächtlich stiller Stunde flammend
     Blitzt auf im Augenblick,
Mit weißen Zähnen mich entflammend
     Dein unausweichlicher Blick.

Ich quäle mich in süßer Hoffnung,
     Dass du, im fremden Land,
Dass du gedankenvoll, verstohlen
     An mich denkst, irgendwann …

Nach Lebensstürmen und Erregung,
     Nach all der Schwermut im Betrug, –
Denkst du an mich, meine Gestrenge,
     Einfache, Weiße, wie die Wege
     Auf weiter Reise, Carmen, du!

28. März 1914


* * *

Nein, niemals wirst du mein, und kannst es niemals werden.
Das ist's, was mich so lockt, von Jahren tief bedrängt,
Durch leerer Tage Abgrund, durch Mühsal und Beschwerden.
Darum bin ich der Dichter, der so an dir hängt!

Hier – das Schreckenssiegel weiblicher Verneinung
In zauberischer Schönheit – und man begreift es nie.
Dort – wilder Welten Schmelz, wo Seelenteile weinen,
Entsprungen aus dem All, der Sternenharmonie.

Erschreckendes Begeistern im dunklen Saal den Abend!
Hier hast du, Arme, das, was mich so zu dir zieht!
Die Augen, die mich so fremd begleitet haben,
Noch rätselnd, noch nicht wissend … nicht verliebt!

Du selbst bist dein Gesetz – du fliegst, und fliegst vorüber
Zu anderen Gestirnen, die Kreisbahn kennst du nicht,
Für dich ist diese Welt – nur roter Rauch und Fieber,
Wo etwas singend brennt, erregtes Flackerlicht!

In seinem roten Schein muss deine Jugend irren …
Musik ist alles, Licht: kein Glück, kein Treuebruch …
In einer Melodie, wo Leid und Freuden schwirren …
Und doch – ich liebe dich: so, Carmen, bin ich auch.

31. März 1914


* * *

Wir sind vergessen, alleine auf Erden.
Wir sitzen im Stillen, in kuschliger Wärme.

In diesem warmen Zimmereckchen
Schaun wir in finstre Oktobernächte.

Die Lichtlein, wie einst, hinterm Fensterspalt,
Liebe Freundin, wir beide sind alt.

Alles, die Unwetter, Stürme, der Graus,
Liegt lange zurück. Was blickst du voraus?

Du schaust, als wolltest du tatsächlich lesen
Eine Botschaft, noch nie da gewesen?!

Hast du den Engel der Stürme im Blick?
Alles vorbei, nichts kehrt mehr zurück.

Es sind nur Wände, nur Bücher, die Zeit;
Liebe Freundin, gewöhnliches Zeug.

Ich erwarte nichts, murre nicht mehr,
Nichts, was vergangen ist, drückt mir das Herz.

Nur, dass du wieder begonnen hast,
Auf Fäden zu ziehen den leuchtenden Strass,

Wie schon damals, weißt du noch, wann …
Was warn das für Jahre! Die Zeit verrann …

Doch, als du damals noch jünger warst,
Besticktest du hellere Seide mit Glas

Und es bewegte sich schneller die Hand …
Doch wähle auch jetzt ein buntres Gewand,

Damit die Seide, so farbig bestickt,
Durch Buntheit all diese Finsternis schmückt.

(19. Oktober 1913)


Inhalt:  >>

Verm. Gedichte (1908 – 1916)
Den Freunden
Der Rauschgoldengel
Für Anna Achmatova
Vor Gericht
 
Harfen und Geigen (1908 – 1916)
Ich bin an die Kneipentheke genagelt
Nicht deshalb wollt' ich …
Der brennende, goldene Ball
Zeiten gibt es, Tage, wenn
Den ich vergaß, ich seh den Glanz
Hell wie der Tag, doch unverständlich
Du warst treuer als alle, herrlicher, heller
Das feurige Rot einer Wolke des Donners
Hätt' ich auch gelebt ohne Liebe
Die Tage vergingen, die Jahre
Hinter den Bergen, den Wäldern
 
Carmen (1914)
So wie das Meer die Farbe tauscht
Am Himmel grünt das Blau, …
Den Morgendämon gibt's …
Mit Schnee und Eis der Frühling tobt
Bei denen, die in Carmens Bann
Erzürnter Blick aus Augen, fahl
Weiden – sie sind der Frühling, das Tauen
Du, wie der Nachhall vergessener Hymnen
O ja, frei ist die Liebe, wie ein Vogel
Nein, niemals wirst du mein, …
 
Was der Wind singt (1914)
Wir sind vergessen, alleine auf Erden

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Aleksandr Blok (6)