[Valentina Chodasevic: Vladislav Chodasevic (1915)]

Vladislav Chodasevič (1886 – 1939)

Im Petrovskij-Park

Er hing, ohne zu schaukeln,
An einem dünnen Band.
Der Hut, herabgefallen,
Lag verschmutzt im Sand,
Die Fingernägel drangen
In die geballte Hand.

Die Sonnenscheibe strahlte,
Begann den Mittagslauf.
Er machte für die Sonne
Die Augen nicht mehr auf.
Er hatte in der Höhe
Sein Leben ausgehaucht.

Und wachsam, wachsam, wachsam
Nach Osten ging sein Blick.
Es sammelten sich Menschen
Im Kreis. Die Menge schwieg.
Es war fast unsichtbar
Der lange, dünne Strick.

27. November 1916

Smolensker Markt

Den Smolensker Markt
Muss ich überquern.
Den Flug der Flocken
Seh ich so gern.
Im Tagesschein
Vergilben Kerzen;
Meinem Herzen
Begegnet die Pein.
Den Kelch zu ertragen,
Wehr' ich mich nicht …
Die Nachbarn tragen
Das Totengericht.
So blau in der Kirche:
Der offene Sarg;
Raureif zeigt sich
Am Stirnbein, so blass …
O Flug der Flocken,
Halte doch ein!
Smolensker Markt,
Verändert erschein!

12. – 13. Dezember 1916


Die Boulevards entlang

Im Dunkeln, im Mantel schleich ich hin und her,
Wie ein kränkelnder Fisch am Grunde der See.
Die Straßenbahn jaulte und warf einen Stern
In den schwarzen Spiegel des Tauwetters.

Ich öffne den ausgetrockneten Mund
Und schnappe gierig die feuchtkalte Luft, –
Doch hinter mir am Nikitischen Tor
Erhing sich gespenstisch ein kleines Mädchen.

25. März – 17. April 1918

Am Meer

Auch mir benetzen Brandungswelln
      Den Fels der Küste,
Der Lethestrom singt und erzählt,
      Ohne zu trösten.

Windstille. Ruhe. Ich bin träge.
      Woher kann sich
Ein Schatten auf die Hände legen
      Im klaren Licht?

Quälst du mich noch in einem fort,
      Mein tauber Leib?
Ein weißer Staub erhebt sich dort
      Und fliegt schon weit.

Es sammelt sich am steilen Hang
      Die Herde Schafe,
Doch mich in dieser Glut durchdrang
      Der kühle Hades.

Juli 1917, Koktebel'
8. Dezember 1917, Moskau


Episode

                                                       … Es geschah
An einem Wintermorgen, trostlos und stürmisch, –
An einem der Morgen des fünfzehner Jahres.
Entkräftet von der trüben Mattigkeit,
Die mich damals quälte, saß ich allein im Zimmer.
In mir, von Kopf und Schultern, zu den Händen,
Zu den Füßen, lief eine unklare Strömung,
Lief leise zitternd und unaufhörlich –
Und, aus den Fingern tretend, glitt sie weiter,
Schon außerhalb von mir. Und ich erkannte,
Dass man sie aufhalten müsse, in sich bewahren, –
Doch mein Wille hatte mich verlassen … Ich schaute
Besinnungslos auf das Bücherregal, die gelbe
Tapete, die Puschkinmaske mit geschlossnen
Augen. Alles erstarrte im rötlichen Licht
Des Morgens. Vor dem Fenster schrien Kinder,
Es rumpelten die Schlitten in den Bergen,
Doch diese Klänge erreichten mich nur noch wie
Durch eine Schicht tiefen Wassers …
Im Wasserwirbel versinkend, hört so ein Taucher
Das Herumgelaufe an Deck und die Schreie der
Matrosen.
Und plötzlich – wie ein Schlag, – doch vorsichtig, leicht, –
Wurde erneut alles sichtbar, lediglich
Mit verändertem Aussehn. So geht es uns,
Wenn wir ein Boot mit dem Ruder vom Ufersand
Abstoßen; noch spürt das eine Bein
Unter den starken Bohlen das Knirschen der Erde,
Und nah erscheint uns noch das grüne Ufer
Mit seinen Holzhaufen, doch da erfasst uns
Ein Schaukeln – das Ufer entfernt sich; es schrumpft
Der Hain zusammen, wo wir grad spazierten;
Rauch steigt hinter ihm auf; und da – über den
Bäumen wird die Lichtung sichtbar, auf der sich
Eine Sauna rötet.

                                Ich sah mich selbst
In diesem Augenblick, wie dieses Ufer;
Sah mich plötzlich von der Seite, so als würde
Ich von links oben schauen. Ich saß da,
Die Beine übereinandergeschlagen, tief
Eingesunken im Diwan, die verlöschte Papirossa
Zwischen den Fingern, ganz blass und abgemagert.
Die Augen waren geöffnet, doch welchen
Ausdruck sie zeigten, – konnt' ich nicht erkennen.
Denjenigen dort, der vor mir saß,
Ich spürte ihn kein bisschen. Doch jenen andern,
Der wie mit körperlosen Blicken ihn beschaute.
So leicht war mir, so ruhig und so gut.
Und jener Mensch, der auf dem Diwan saß,
Erschien mir wie ein alter, guter Freund,
Der ausgelaugt war von den Wanderjahren,
Der zu Besuch zu mir gekommen war,
Der während eines friedlichen Gesprächs
Sich plötzlich zurücklehnte, aufseufzte und starb.
Sein Gesicht entspannte sich und das bittere
Lächeln darauf war verschwunden.
So sah ich mich nicht lange: wahrscheinlich hatte
Grad ein Viertel seines vorbestimmten Kreises
Der Zeiger der Sekunden schnell durchlaufen.
Und so wie ich vordem, entgegen meinen Willen,
Die körperliche Hülle abgelegt – so
Kehrte ich erneut in sie zurück. Nur dass
Dazu eine starke Überwindung, Kraftanstrengung
Nötig war, an die ich mich nicht gern erinnern möchte.
Ich fühlte mich bedrückt, beengt, wie eine Schlange,
Der man es auferlegt hatte, sich erneut
In die längst abgeworfne Haut hineinzuzwängen …

                                                           Und
Von Neuem sah ich vor mir meine Bücher,
Hörte ich die Stimmen. Es fiel mir schwer
Von Neuem den Körper, die Hände, die Beine
Zu spüren … So, das Ruder weglegend und
Das Ufer betretend, fühlen wir uns schwerer.
Von Neuem spürte ich in mir die Erschöpfung,
Wie nach langem Rudern, – doch in den Ohren
Ertönte unbestimmter Lärm, wie der gefangene
Nachhall eines Windes, der von dem See
Oder dem Meer zu mir herüberwehte.

25. – 28. Januar 1918


Variation

Von Neuem diese Schultern, diese Hände
Zu wärmen, trat ich zum Balkon hinaus.
Ich setze mich, – und alle Erdenklänge
Erklingen nur verträumt und wie im Traum.

Und plötzlich, ganz von Mattigkeit erfüllt,
Entschwimme ich: wohin – kann ich nicht sagen,
Doch meine Welt erweitert sich wie's Spiel
Der Wellenkreise, die ins Weite jagen.

Verweile noch, du Wunder zart und wärmend!
Seit ich erneut den zweiten Kreis betrat,
Vernehme ich, schon fast aus weiter Ferne,
Des Schaukelstuhles immergleichen Takt.

August 1919
Moskau


Gold

    Geh nun, schon legen wir Gold in deinen Mund,
    Schon legen wir Honig und Mohn in deine Hände.
    Salve aeternum.
                                      Krasinski

        Im Munde Gold, in Händen Honig, Mohn
Sind irdischer Bemühung allerletzter Lohn.

Ich wär nicht gern als Römer hoffnungslos verbrannt,
        Und in den Schoß der Erde nicht gelangt.

        Als Frühlingsgras will ich aufs neu erblühn
Und, mit den Sternen kreisend, antike Bahnen ziehn.

Im Grabesdunkel faulen wie der Honig, so der Mohn,
        Die Münze lagert tief im toten Mund …

        Nach langen Jahren Finsternis entgräbt
Ein unbekannter Fremdling mein brüchiges Skelett.

Vom Spatenschlag getroffen, mein schwarzer Schädel springt
        Und hell in ihm die schwere Münze klingt –

        Das Gold strahlt in den Knochen auf und scheint
Wie eine kleine Sonne, die meine Seele meint.

7. Januar 1917

Suche mich

Such mich im Durchschein, den das Herbstlicht weckt.
Ich bin so unerfühlbar wie ein Flügelschlag,
Bin Klang und Seufzer, bin ein Lichtreflex,
Und leichter noch als er: er ist, ich war.

Doch, ewger Freund, da wir nicht Abschied kennen,
So höre, ich bin hier. Und mich berührn
Deine erzitternden, so lebensvollen Hände,
Die warm den Fluss der Tagesflamme spürn.

Verbleibe so. Verschließ, erinnernd, treulich,
Die Augen. Dies Bemühn noch gelte mir –
Und an den Fingerspitzen, zitternd, werd ich heimlich
Vielleicht als Hand aus Feuer scheinen dir.

20. Dezember 1917 – 3. Januar 1918

2. November 1917

Sieben Tage und sieben Nächte wälzte sich Moskau
Im Feuer, im Fieber. Doch ein rauer Feldscher ließ es
Dann reichlich zur Ader, – und es erwachte und kam
Zu Kräften am Morgen des achten Tages. Die Menschen
Krochen aus ihren steinernen Kellern auf die Straßen
Hinaus. Auf diese Art und Weise, ein Unwetter abwartend,
Kriechen im Hinterhof die furchtsamen Ratten hervor,
Ziehen reihenweise zur großen Wiese und laufen
Schnell fort, wenn in der Nähe auf einen Stein
Vom hohen Dach ein letzter Tropfen hinunterplätschert …
Gegen Mittag sammelten sie sich in kleinen Gruppen,
Betrachteten aufmerksam die Löcher in den Häusern,
Die zerstörten Spitzen der Türme, kamen in großen
Mengen bei den rauchenden Ruinen zusammen
Und zählten die in die Hauswände eingeschlagenen
Kugeln. Lange Schwänze bildeten sich bei den Läden.
Abgerissene Drähte hingen über den Straßen.
Zerschlagene Scheiben knirschten unter den Füßen.
Wie ein gelbes Auge schaute, ohne zu wärmen,
Die Novembersonne herunter, auf gealterte Frauen
Und unrasierte Männer. Doch nicht nach Blut
Roch dieser Morgen, sondern nach bitterer Galle.
Und währenddem, vom einen bis zum andern Ende,
Vom Presnensker Stadttor bis zum Rogožsker,
Und von Balčug bis nach Lefortovo schleppten sich,
Vom Bürgersteig beengt, die Menschen. Gingen aufzusuchen
Verwandte, Bekannte und Nächste: ob sie noch leben, oder nicht?
Andere trugen Päckchen unter die Achseln geklemmt
Mit karger Nahrung: so ging dereinst in alten Zeiten
Der Moskauer in feierlicher Stimmung auf den Friedhof,
Wenn es Ostern war, um dort ein kleines rotes Ei
Am Grab des Bruders oder des Gevatters zu verzehren …

Zu meinen Freunden ging an diesem Tag auch ich.
Erfuhr, die Kinder sind zu Hause, heil und ganz, –
Was will man mehr? – Und schleppte mich nach Haus.
Der Wind pfiff um die Ecken als ein eiliger Gast,
Jagte den trockenen Staub, Zigarrenstummel und Späne.
Ungefähr fünf Häuser von meinem Haus entfernt
Schaute ich aus Gewohnheit durch ein schmutziges Fenster
In den Keller hinunter, wo ein Bekannter von mir,
Ein Tischler, lebt. Mit einer ungewöhnlichen Arbeit
War er zu Gange. Auf der Werkbank, die Unterseite
Nach oben, lag ein ziemlich langer, schmaler Kasten
Mit beschlagenen Seiten. Mit einem dicken Pinsel
Fuhr der Tischler über den Kasten, und die Bretter
Röteten sich unter dem Pinsel. Mein Bekannter
Beendete die Arbeit: es war ein roter Sarg.
Ich klopfte an das Fenster. Er drehte sich um.
Und, meinen Hut ziehend, verbeugte ich mich tief
Vor Pëtr Ivanyč, seiner Arbeit, diesem Sarg;
Und vor der ganzen Erde und dem Himmel, der sich
Im Glas azuren widerspiegelte. Auch der Tischler
Nickte mir zu, zuckte mit den Schultern und zeigte
Auf den Sarg. Und ich ging von dannen.

Bei uns im Hof, um einen kleinen Korb herum
Mit geflochtenem Türchen, lümmelten sich die Kinder,
Kreischten, schubsten sich und drängelten einander.
Durch die spärlichen, zerbrochenen Flechten hindurch
Wurden weiße Flügelfedern sichtbar. Doch da –
Mit langgezogenem Quietschen, öffnete sich das Türchen
Und ein Taubenpärchen flog, mit den Flügeln schlagend,
Empor in kreisender Aufwärtsbewegung: höher und höher,
Über der stillen Pljuščichaja, über den Fluss …
Bald fallend, bald sich erhebend, waren die Vögel
Im Sturzflug, fast so wie zwei weiße Kähne
In der Weite des Meers. Die Kinder pfiffen begeistert,
Klatschten in die Hände … Lediglich eines von ihnen,
Ein etwa vierjähriger Pausback mit einer Ohrenmütze,
Hockte auf einem Stein, spreizte die Ärmchen
Und schaute mit einem leisen Lächeln empor.
Doch, als ich ihm in die Augen blickte, verstand ich,
Dass dieses Lächeln nur ihm ganz allein selber galt,
Einer jener unerfassbaren Gedanken war, geboren
Hinter der Stirn, der junggewölbten, noch fast ohne Brauen.
Und er lauschte auf nichts als den eigenen Herzschlag,
Das Kreisen der Säfte, sein Wachstum … Inmitten von Moskau,
Dem leidenden, zerstückelten, gefallenen,
Saß er wie ein kleiner Abgott da, gleichgültig,
Mit einem gedankenlosen, geheiligtem Lächeln.
Und ich verbeugte mich auch vor dem Knaben.

                                                                  Zu Hause
Trank ich in Ruhe Tee, ordnete jene Papiere,
Die sich im Verlauf der Woche angesammelt hatten,
Und setzte mich an den Tisch. Doch erstmals im Leben
Konnten weder »Mozart und Salieri«, noch die »Zigeuner«
An diesem Tag in mir die Neugier wecken.

20. Mai – 1. Juni 1918


Mittag

Wie traumhaft, still und klar ist's doch auf dem Boulevard!
Vom Wind erfasst, kam schnell der Sand gerannt
Und läuft durch's Gras, als Wellenkamm verplätschernd …
Jetzt mach ich gern mich auf hierher zu kommen
Und lange so zu sitzen, selbstvergessen.
Mir gefällt's, fast ohne hinzuschaun, zu hören,
Wie Kinder plärrn und lachen, wenn sie Reifen
Den Weg entlang hinterherjagen. Vortrefflich!
Dies ist ein Lärm genau so ewig und wahrhaftig,
Wie der Lärm des Regens, der Brandung und des Windes.

Nicht einer kennt mich. Hier bin ich einfach nur
So ein Passant, ein Spießer, irgend so ein »Herr«
Im dunkelbraunen Mantel und mit rundem Hut,
Gar nichts besonderes. Da setzt sich neben mich
Ein Fräulein mit 'nem aufgeschlagnen Buch. Ein Junge
Pflanzt sich mit Eimerchen und Schäufelchen direkt
Vor meinen Beinen hin. Die Stirn gerunzelt,
Treibt er im Sand sein Spiel, ich komme mir
So riesig vor in dieser Nachbarschaft,
Dass ich dran denke,
Wie ich einst selber bei der Löwensäule saß
In Venedig. Über diesem kleinen Leben,
Über diesem Köpfchen mit grünem Schirmmützchen,
Erhebe ich mich wie ein schwerer Stein,
Jahrhundertalt, der Menschen, Kaiserreiche
Schon viele überlebte, Verrat und Heldentaten.
Doch der Junge füllt fleißig seinen Eimer
Mit Sand und, da er ihn umstürzt, bestreut er
Die Beine und die Schuhe mir … Vortrefflich!

Mit leichtem Herzen entsinne ich mich,
Wie heiß der Mittag war einst in Venedig,
Wie über mir so unbeweglich schwebte
Der geflügelte Löwe mit dem offnen Buch
In den Tatzen, und über ihm so rund
Und rosig lief ein Wölkchen. Doch höher, höher –
Die dunkeldichte Bläue, und in ihr rollten
Die unsichtbaren, aber feuergleichen Sterne.
Jetzt leuchten sie auch über dem Boulevard,
Über dem Jungen und mir. Ihre wilden
Strahlen stehn im Kampf mit Sonnenstrahlen …

                                                          Der Wind
Rauscht ständig in sandigen Wellen und blättert
Im Buch des Fräuleins. Und alles, was ich höre,
Scheint mir wie durch ein Wunder umgewandelt,
So schwergewichtig prägt es sich ins Herz,
Dass ich schon keine Worte und Gedanken
Mehr brauche, und mit verkehrtem Blick schau ich,
wie in mich selbst.
Und so verzückend wirkt der Seele frische Feuchte,
Dass ich mich wie Narziss vom Erdenufer
Losreiße und dorthin fliege, wo ich allein bin,
In meine heimatliche, ursprüngliche Welt,
Ich stehe mir vor Augen, wie ich einst selber war –
Erlange mich erneut … Und kaum vernehmbar
Hör ich die Stimme jenes Fräuleins: »Verzeihn sie,
Wie spät ist es?«

19. April – 1. Mai 1918


Begegnung

Zur Morgenstund bei Santa Margherita
Erblickt' ich sie. Sie stand auf einer Brücke
Den Rücken zum Geländer. Ihre Finger
Belasteten den grauen Stein so leicht
Wie Blütenblätter. Unterm weißen Kleid
Warn die geschlossnen Knie kaum erkennbar …
Sie wartete. Auf wen? Mit sechzehn Jahren
Von wem träumt wohl ein Mädchen in Venedig,
Das aus England kam? Ich weiß es nicht und muss
Es auch nicht wissen. Nicht dummes Rätselraten
Lässt mich an dieses Mädchen heute denken.
Von Sonne übergossen stand sie da,
Die weichen Ränder des Panamahuts
Berührten ihre hochgezognen Schultern –
Ein Schatten schützte kühlend ihr Gesicht.
Von dort ergoss sich klar ein blauer Blick,
Wie jene frischen Wasser, die im Steinbett
Des Gebirgsbachs singend und eilig rauschend
Vorüberziehn … Damals bemerkte ich
Auch diesen Blick, der unbeschreiblich ist,
Der uns, den Dichtern, wohl vorherbestimmt ist,
Ihn einmal nur zu sehn, um ewig dran zu denken.
Nur einen Nu steht er vor unsern Augen
Auf dieser Erde, nistet göttlich sich ein
Im unerwarteten Azurblau solcher Augen.
Doch in ihm flattern flammenreiche Stürme,
Doch in ihm kreisen taubenblaue Wirbel,
Die lange noch danach in mir erklangen
Im Sonnenschein, im Plätschern schwarzer Gondeln,
In fliegenden Schatten der Tauben und im roten
Strom des Weins.
Und abends spät, als ich nach Hause ging,
Besprachen sich im Flüsterton mit mir
Die klangvollen Schritte der Frauen Venedigs,
Und auch mein eigner Schritt erschien mir lauter,
Zielstrebiger und leichter. Ach, wohin,
Entflatterte mein Herz empor im Nu,
Als ich mit Federklang den schweren Schlüssel
Im Schloss herumgedreht? Aus welchem Grund,
Als ich zum kalten Flur die Schwelle übertrat,
Stand ich so lange bei der Steinzisterne
In dieser Dunkelheit? Mich dann die Treppe
Emportastend, nannte ich da nicht Verliebtheit
Meine Erregung? Doch jetzt weiß ich, dass ich
An diesem Tag einen starken Wein kostete –
Und spürte noch auf meinen Lippen seinen
Vergänglichen Geschmack. Doch ewiger Rausch
Nahte sich dann.

13. Mai 1918


Der Affe

Es war sehr heiß. Die Wälder brannten. Träge
Schlich die Zeit dahin. Im Nachbarhüttchen
Schrie der Hahn. Ich ging durchs Gartentor.
Dort, an den Zaun gelehnt, auf einer Bank
Schlief ein serbischer Vagabund, mager, schwarz.
Ein schweres, silbernes Kreuz hing auf seiner
Halbnackten Brust, auf welcher tropfenweise
Schweiß herunterlief. Höher, auf dem Zaun,
Saß ein Äffchen im roten Röckchen und
Fraß verstaubte Fliederblätter
Voller Gier. Ein Lederhalsband zog ihn
An einer schweren Kette fest zurück,
Würgte seine Gurgel. Als mich der Serbe hörte,
Erwachte er, wischte sich den Schweiß und bat
Mich um Wasser. Kaum hatte er gekostet, –
Ob's nicht zu kalt, – stellte er die Schale
Auf die Bank, und sofort kam der Affe,
Steckte den Finger ins Wasser und ergriff
Die Schale dann mit beiden Händen.
Er trank, auf seinen Hinterbeinen hockend,
Die Zehennägel an die Bank geklammert.
Die Bretter fast berührte dieses Kinn,
Über der felllosen Dunkelheit des Rückens
Bog sich sein Kopf zurück. So stand wahrscheinlich
Irgendwann einmal Darius über einer Pfütze
Am Weg gebeugt, am Tag, als er entfloh
Der mächtigen Phalanx des Alexander.
Als er das Wasser getrunken hatte, warf der Affe
Die Schale schwungvoll von der Bank, stand auf
Und – vergess ich jemals diesen Augenblick? –
Reichte mir die schwarze, schwielige Hand,
Die noch ganz kühl war von der Feuchtigkeit …
Ich habe die Hand schönen Frauen, Dichtern,
Auch Führern des Volkes gegeben – aber keine
Besaß solche edlen Konturen, bewegte
Sich mit solcher Eleganz. Keine Hand hatte
Die meine je so brüderlich berührt!
Und niemand hat, weiß Gott, in meine Augen
Mit solcher tiefen Weisheit je geschaut,
Wahrhaftig – bis zum Grunde meiner Seele.
Die süßesten Überlieferungen höchster Antike
Belebte in meinen Herzen dieses niedre Tier,
In diesem Moment erschien mir das Leben
Als ein Ganzes, ich meinte – dass ein Himmelschor
Und Meereswellen, die Orgelmusik der Winde
Und Sphären in meinen Ohren dröhnten,
Wie einst, in vergessenen, anderen Tagen.

Auf seine Trommel schlagend, ging der Serbe fort.
Sich auf seine linke Schulter setzend,
Schaukelte das Äffchen hin und her,
Wie auf dem Elefanten eines Maharadschas.
Eine gewaltige, himbeerfarbene Sonne,
Der Strahlen beraubt,
Hing im opalisierenden Rauch. Und goss
Gewitterlose Glut auf strohiges Getreide.

An diesem Tag erklärte man den Krieg.

7. Juni 1918,
20. Februar 1919


Das Haus

Hier stand ein Haus. Vor kurzem trug man ab
Das Dach für Feuerholz. Vom Erdgeschoss
Blieb nur ein grober Stumpf aus Stein. Am Abend
Komme ich oft vorbei, mich zu erholen.
Der Himmel und des Höfchens grüne Bäume
Erheben sich so jung aus der Ruine,
Die breiten Fensteröffnungen sind deutlich
Erkennbar. Ein herabgestürzter Balken
Zeigt sich wie eine Säule. Muffige Kälte
Geht von der Müll- und Spanansammlung aus,
Die in den Zimmern sich verstreute, wo früher
Sich Menschen eingenistet …
Wo man sich stritt und Frieden schloss, in Strümpfen
Das schmuddelige Geld sorgsam bewahrte
Für schwarze Tage; wo in schwüler Finsternis
Sich Eheleute wärmten, wo im Fieber
Die Kranken schwitzten: wo man Kinder gebar
Und Menschen heimlich starben, – all das steht jetzt
Für den Passanten offen. O selig ist,
Des freier, muntrer Schritt auf diesen Staub
Hier tritt, des gleichgültiger Wanderstab
Die Wände, die alleingelassnen, abklopft!
Paläste, die man einst für Ramses baute,
Des Tagelöhners unbekannte Kate –
Dem Wanderer erscheinen sie ganz gleich:
Ihn tröstet ein und's selbe Lied der Zeit;
Ob feierliche Säulenreihn, ob Löcher
Gestriger Türen – den Wandrer führen sie
In gleicher Art von einer Leere zur andren,
Die ähnlich ist …
                     Die Treppe mit dem Schnitzwerk
Zerbrochenen Geländers steigt zum Himmel,
Der abgerissene oberste Treppenabsatz
Erscheint wie die Tribüne eines Redners.
Nur das dort niemand steht. Jedoch am Himmel
Erstrahlt bereits der Abendstern, die Venus,
Die uns zu stolzem Nachdenken verführt.

Ja, Zeit, bist gut. Doch gleichsam ist es gut,
Vom Schrecken deiner Weite auszuruhn.
Weshalb man sich verbirgt? Das Herz des Menschen
Spielt wie ein Säugling, der grad erst erwacht ist,
Bis Krieg, und Seuchen, oder Rebellionen
Es überfallen und die Erd erschüttern;
Hier reißen, wie der Himmel, die Zeiten auf –
Des Menschen ewig ungestillte Seele
Wirft sich in den ersehnten Wasserstrudel.

So wie ein Vogel in der Luft, ein Fisch im Meer,
Ein Wurm der glitschig über feuchte Erde kriecht,
So wie ein Salamander durch das Feuer –
So ist der Mensch im Zeitstrom. Halb wild wie ein
Nomade, versucht er diesen Abgrund auszuloten
Durch Sternbilder, im Wechselbild des Mondes
Und trägt in ungelehrte Schriften ein
Ereignisse, wie Inseln in die Karte …
Doch löst der Sohn den Vater ab. Gesetze,
Und Städte, Reiche, Wahrheiten vergehn.
Zerstörn und Baun sind Menschen eine Freude:
Er schuf Geschichte – und wie glücklich ist er!
Mit Schrecken und geheimer Wollust sieht
Der Wahnsinnige, wie zwischen dem Vergangnen
Und Zukünftigen, klarer Flüssigkeit vergleichbar,
Die durch die Finger rinnt, – stets unablässig
Das Leben schwindet. Das Herz erzittert
Wie eine leichte Flagge am Mast eines
Schiffes, zwischen Erinnerung und Hoffnung –
Erinnert er sich an die Zukunft …

                                                     Doch hier –
Ertönen Schritte. Eine bucklige Alte
Mit einem großen Sack. Mit faltiger Hand
Reißt sie den Werg von den Wänden und zerrt
Die Bretter heraus. Schweigend tret ich zu ihr
Und helfe ihr, in gutem Einvernehmen
Stehn wir der Zeit zur Seite. Es dunkelt,
Ein grüner Mond geht über Wänden auf,
Und schwaches Licht ergießt sich wie ein Strom
Über die Kacheln eines eingestürzten Ofens.

2. Juli 1919, 1920


Stanzen

Die ersten grauen Haare an den Schläfen
      Muss ich durch schwarze Locken schon verdecken,
Trank ich vom starken Tee zu viele Tässchen,
      Fühlt sich das Herz, als würd's im Schraubstock stecken.

Schon fällt mir lange Arbeit etwas schwer;
      Des Wissens ziemlich scharf gewürzte Früchte
Bezaubern mich schon lange nicht mehr sehr,
      Wie auch der Frauen atemlose Küsse.

Mit kaltem Blick betrachte ich verstimmt
      Den zukünftigen Ruhm mit Langweile …
Weshalb die Worte: Blümchen, Tür und Kind –
      Mir immer öfter von den Lippen eilen.

Zuweilen leihe ich mein Ohr zerstreut
      Den Dichtern, die sich lautstark selber preisen,
Doch meine Seele süß und ganz erfreut
      Nur noch des Kornes Wachstum, still und leise.

24. – 25. Oktober 1918


Für Anjuta

Auf dieser Streichholzschachtel –
Welch Anblick! – Schau doch hin:
Ein Dreimastschiff auf großer Fahrt
Bewegungslos im Wind.

Zwar siehst du keine Mannschaft,
Doch gibt es sie bestimmt;
In Fässchen birgt der Laderaum
Rosinen, Rum und Zimt.

Natürlich führt das Schiffchen
Ein kühner Kapitän,
Der unbekannte Länder
Schon viele hat gesehn.

Dort ist auch ein Matrose,
Der ganz vortrefflich singt;
Er liebt die Nacht der Sterne,
Die hoch am Himmel blinkt …

Auch ich, in Gottes Händen
Und hier auf seiner Erd',
Bin ganz wie der Matrose,
Der zu dem Schiff gehört.

Er sieht, vielleicht grad eben,
Durchs Bullauge im Heck
(Dort ist seine Kajüte)
Und hat uns zwei entdeckt.

25. Januar 1918

* * *

Und fröhlich ist es, doch auch schwer,
Den Körper altersschwach zu tragen,
Was wirbelte durchs Blütenmeer,
Ist heut gereift bei vollem Magen.

Das Blut fließt nicht mehr überstürzt,
Die Hände möchten nur noch hängen,
So steht der Apfelbaum im Herbst,
An dem sich dicht die Früchte drängen.

Ihr Jungen könnt es nicht verstehn,
Wie er mit seinen dicken Zweigen
Nach eurer Biegsamkeit sich sehnt,
Erneut den Boden möcht erreichen.

23. November 1922,
27. März 1923,
Saarow


Ohne Worte

Wortlos botest du mir dar:
Es verlief so schön und fein
Die von dir gesetzte Naht
Durch den Saum des weißen Kleids.

Und ich dachte mir: mein Leben,
Da es Gottes Hände leiten,
Läuft an ebensolchen Fäden
Durch den leichten Stoff des Seins;

Dort verborgen, da zu sehen,
Durch den Tod, durchs Leben eilend …
Und das Tuch, für meinen Teil,
Hab's dir lächelnd umgedreht.

5. – 7. April 1918

Brote

Das Licht in unsrer Küche scheint heut greller.
In dieser Schürze, die leicht mehlig ist,
Bist du viel hübscher als Mignon und Cinderella,
     In deiner Schönheit ohne Hinterlist.

Um dich herum sind fürsorglich erschienen
Mit einem Bündel Holz, mit einem Krug voll Milch –
Es schwirren Flügelfedern – die fleißgen Cherubime …
     Es bricht hervor das Licht

Aus hohen Wolken, bis auf Kupfertöpfen, Dosen
In Strahlenbündeln gelblich es zerbricht.
Das Ofenfeuer flackert blasse Rosen
     Im hellen Tageslicht.

Und dieses Strömen zukünftiger Brote
Vermischt sich mit dem Lärm des Tongeschirrs.
Wahrhaftig wie der Himmel, ein Engel uns gelobte,
     Sind Erde, Arbeit und die Liebe hier.

26. Februar – 11. April 1918


Inhalt:  >>

Den Weg des Korns (2)

Im Petrovskij-Park
Smolensker Markt
Die Boulevards entlang
Am Meer
Episode
Variation
Gold
Suche mich
2. November 1917
Mittag
Begegnung
Der Affe
Das Haus
Stanzen
Für Anjuta
Und fröhlich ist es, doch auch schwer
Ohne Worte
Brote

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Vladislav Chodasevič