![[Anonymus: Vladislav Chodasevic (vor 1921)]](images/chod2.jpg)
Übersteige, überschreite,
Überflügle, wie ist gleich
Sei der Stein aus einer Schleuder,
Ein Stern, der in die Nacht entweicht …
Bis du's Verlorne neu erreichst …
Weiß Gott, was du verzweifelt flüsterst,
Wenn du's Pincenez suchst oder Schlüssel.
Frühling 1921
11. Januar 1922
Aus dem Fenster schaun: Verachten.
Mich trifft Selbstverachtung auch.
Zur Erde ruf ich Donnerkrachen
Und hab den Himmeln nie vertraut.
Solang der Tag, mich wiegend, neckt,
Seh ich das Dunkel sternlos warten …
So krümmt sich nur der Wurm im Dreck,
Zerteilt von einem schweren Spaten.
21. 25 Mai 1921
Im Schnee, der alles dämpft, im stillen Flockenmeer
Ein Haus, das sich am Wege öde streckt.
Da geht ein Mensch. Wenn erst das Messer steckt,
Selbst wenn der Zaun ihn stützte, seufzte er nicht mehr.
Er fiele aufs Gesicht, wär tödlich hingestreckt.
Das kristalline Atmen weiß im Wind,
Die abendlichen rauchdurchsetzten Weisen,
Die frühe Boten sanfter Ruhe sind,
Begännen freier über ihm zu kreisen …
Aus Seitenstraßen, Höfen, kämen schwarze Wellen
Von Ameisen, das Volk, sich zwischen uns zu stellen;
Erfragen wollen sie, warum ich ihn erstach,
Und keiner wird verstehen, wie hier Liebe sprach.
5. November 1921
Wie ein Zaubermeister komm ich
Durch den Frühlingssturm gezogen,
Asiat'sche Trauben bring ich
Euch und bin euch sehr gewogen.
Pfropft noch diesen Zauberreis hier.
Wenn die rechte Zeit beginnt,
In die reinen Kelche gießt ihr
Meinen Saft, der Leben bringt.
Schenkt den Frauen ein, trinkt selber,
Schenkt auch jungen Mädchen ein.
Ich tret zwischen euch höchstselber
Mit dem goldnen Vlies, das mein.
Wortreich ich den Chor beglücke,
Tanze wild im lichten Kreis,
Und den nebelblinden Blicken
Mache ich die Welt ganz neu.
Auch die Kraft wird euch gegeben
Zu wissen, was das Aug verbirgt,
Weder Alter, noch die Gräber
Meine Kinder je verwirrt.
Keine Schlange wird euch beißen,
Auch Trauer nicht solang der Rausch
All die Glücklichen nicht schleudert
Auf das Bett, das grün sich bauscht.
Ich gehe fort, mit schnellen Schritten
Dorthin, wo rosig Nebel rauscht.
Was ich auch trank ich bleibe nüchtern,
Bin stets nur von mir selbst berauscht.
6. November 1921
Sie kennt keine großen Worte,
Doch groß und weiß ist ihre Brust;
Hinter reichverzierter Borte
Seufzt sie voller süßer Lust.
Man sieht sie manchmal barfuß gehen,
Sie hat einen Silberblick,
Doch das Herz wird umso eher
In ihr Doppelspiel verstrickt.
Wenn des nachts die Freunde lagern
Um ein Feuer mit Gesang,
Schweigt sie mit verschränkten Armen,
Doch will Lieder nächtelang.
Für sie klingt die Gitarrenstimme
Nach schicksalhafter Leidenschaft
Und es heißt, dass sie schon viele
Nächte wilder Liebesspiele
Auf weiblichem Gewissen hat.
Ich allein werd niemals stehen
Vor ihrem Haus zum Stelldichein;
Ich kaufe ihre Nächte weder
Für Liebesschwur, noch Ringe ein.
Doch lieb ist mir ihre Erscheinung,
Wenn auf die Ortschaft, die noch schläft,
Sich morgendlicher Dämmer legt:
Denn sie schreitet in die Weite
kaum hörbar, fast schon hell und leicht,
Als hätt sie dem gefallnen Engel
Freimütig die Hand gereicht.
30. Oktober 1921
Petersburg
Geräumig säumt ein Rahmen Weite:
Auf Bach folgt Wiese, dann ein Wald,
Der Wolkenbruch in schwarzen Säulen
Bis hoch hinauf zum Himmel wallt.
Des Regenbogens Hochgewölbe
Bemalt das hohe Kirchenkreuz
Und feiertags in der Gemeinde
Der Hochzeitsmarkt mit Bräuten reizt.
Hier sind Sümpfe, Schlangen, Störche,
Ein Abhang sandig runterbricht,
Hier sind die rauen Dorfgebräuche,
Um Ernte dreht sich das Gespräch.
Die taubedeckten Weizenfelder
Zertrample ich mit schwerem Schuh,
Die Petersburger Nebelbänke
Deckt mein Umhang lieblich zu.
Vor Mädchen, diesen Wangenrosen,
Beug ich das Haupt, das matte, schon,
Behauch sie mit Tuberkulose
Mit Newa und Inspiration.
Und denke: nun, so war's schon immer,
Seit allererster Zeiten Fluch,
Es trifft die Engel und die Menschen
Dieses Gesetz mit voller Wucht.
Und jener hübsche Unglücksvogel
Auf dessen Stirn das Wissensmal,
War nur der erste Sommerfrischler
Im frisch erblühten Erdental.
Als er die Himmelsstadt verlassend
Ins Roseneden friedlich schritt,
Bracht er den Atem des Verfallens
Auf seinen rauch'gen Flügeln mit.
31. Dezember 1921
Petersburg
Ein Stern erstrahlt, der Äther flimmert.
In die Arkaden steigt die Nacht.
Wie soll mich diese Welt nicht kümmern,
Dies Geschenk, das Du gemacht?
Du gabst mir trügerische Sinne.
Du gabst mir Raum und auch die Zeit,
Und durch das Gaukelwerk der Künste
Spielt meine Unbeständigkeit:
Ich erschaffe aus dem Nichts
Deine Meere, Wüsten, Länder,
Deiner Sonne Ruhm, ihr Licht,
Das sie Augen so sehr blendet.
Und mürrisch, wie ein Kind zerstört
Ein festgefügtes Kartenhaus,
Streiche plötzlich ich im Scherz
Diesen ganzen Blödsinn aus.
4. Dezember 1921
Ich spiele Karten, trinke Wein,
Kein Mensch zieht meine Stirn in Falten.
Ich weiß, das Herz kann sich allein
Im heißgeliebten Sturm entfalten.
So flieg, mein kleines Schiffchen, flieg,
Und schwanke hilflos durch die Wellen,
In die uns die Erkenntnis trieb.
Auf diesem Weg wird niemand helfen.
Wir können längst nicht mehr zurück,
Obwohl, in unsrer Nacht, der feuchten,
Versucht vielleicht ein trauter Blick
Vom fernen Ufer uns zu leuchten.
Doch nein, dass uns Vergessen trifft
Ist gut. Es hat nichts zu bedeuten.
Wir sterben singend nämlich nicht
Nur für ein jüngferliches Seufzen.
4. 6. Februar 1922
Moskau
Wir fiebern in gedrängtem Schweigen,
Die finstre Nacht ist feucht und leer,
Als plötzlich singendes Geheule
Ein Auto um die Ecke fährt.
Der schwarze Lack gewaschen funkelt,
Das Glas blitzt an den Kanten auf,
Es streckt ins nächtlich-schwarze Dunkel
Zwei weiße Engelsflügel aus.
Und die Gebäude werden ähnlich
Einem Festsaal angestrahlt,
Und nah bei uns sind die Passanten
Durch dieses Flügelpaar gerannt.
Die regennassen Stäube dienten
Schwankend diesem Licht als Ziel …
Doch höre, mir ist längst erschienen
Ein anderes Automobil …
Es fährt vorbei in Tageshelle,
Es fährt vorbei am hellen Tag
Und hat zwei Flügel, so wie jene,
Doch seine Flügel sind tief schwarz.
Und alles jene, das gelangte
Ins Strahlenbündel seines Lichts,
Unwiederbringlich als Vergangnes
Durchs löchrige Gedächtnis fließt.
Und ich vergesse und verliere
Meine strahlende Psyché,
Die blinden Hände tasten gierig,
Doch ich kann gar nichts mehr verstehn:
Hier stand die Welt, fast ohne Fehler,
Doch seit der Zeit, da dieses fährt,
Sind Löcher in der Welt, der Seele,
Als hätten Säuren sie zerstört.
2. 5. Dezember 1921
Glitsch und Knirsch unter den Füßen.
Wind blies, und der Schnee kam heut.
Wieviel Trauer abzubüßen!
Mein Gott, Herrgott, so viel Leid!
Deine Welt: nur Schwierigkeiten,
Gnade heißt nicht Dein Gebot.
Wozu braucht man solche Weiten,
Gibt es auf der Welt den Tod?
Die Erklärung, keiner fand sie:
Wenn man mit dem Sterben ringt,
Warum man noch immer wandert,
Glaubt, erstarrt und leise singt.
23. März 1922
Auf den Stecken gestützt, ein Pilger spaziert,
Ich weiß nicht warum, doch ich denke an dich.
Mit roten Rädern ein Fuhrwerk flaniert
Ich weiß nicht warum, doch ich denke an dich.
Wenn die Flurlampe abends entzündet wird
Denk' ich die ganze Zeit nur an dich.
Was auch auf See und dem Festland passiert,
Oder im Himmel, ich denke an dich.
11. (oder 13.) April 1922
Petrograd
Verfall und Tod! So viel Verführung lockt,
Und so viel Zärtlichkeit haucht aus den beiden Worten!
Verfall und Tod mit einem Stachel spotten,
Nur der entgeht dem, was von ihnen droht,
Der heimlich wahrt im Herz das Wort allein
Die Quelle voller Trost aus einem andern Sein.
2. November 1921
Die Bäume im Kronwerker Garten,
Rebellisch rauschen sie im Wind.
Die Seele löst sich. Sie erwartet
Nichts, das Tröstung, Freuden bringt.
Ganz furchtlos schaut sie in die Ferne,
Auf ihr jahrtausendaltes Sein
Und dringt in Feuerflügelschwärme
Mit weitgespannten Schwingen ein.
Dort ist alles weit und schallend,
Die Harfe schwebt in jeder Hand,
Mit Geist grollt Geist, wie sonst nur Wolken,
In einer Sprache, wundersam.
Sie war verbannt, erreicht nun wieder
Ihr altes Heimatland, bereit
Zu künden ihren Schreckensbrüdern
Die stolze Ebenbürtigkeit.
Auf ewig lässt sie jenen stehen,
Der hier im schrägen Regen friert,
Der in den Kronwerker Alleen
In seiner Kleinheit phantasiert.
Und das Gehör ist zu erbärmlich,
Auch der Verstand erfasst wohl nie,
Zu welchem Geist sie dort wird werden,
Ob's Hölle ist, ob Paradies.
20. 22. November 1921
Auf den stumpfen Kirchturmspitzen,
Auf den Autodächern blitzend,
Auf den Hütten ist's zu sehn:
Heute fiel der erste Schnee.
Wie oft ich das schon erfasste,
Und wie sehr ich es längst hasste,
Aber heute birgt der Blick
Irgendwie ein neues Glück.
Hab selbst im vergangnen Jahre
In den Abgrund Gottes fahrend,
Umgeschaffen diese Welt,
Die das Jahr umklammert hält!
Und in dieser Welt des Neuen,
Eng, bedrängt, mich zu erfreuen,
Heute fiel der erste Schnee …
Doch nicht der, den alle sehn.
24. Oktober 1921
Es ist durchweicht, durchsäuert und durchfeuchtet,
Vor Nässe sich der Atem kaum noch regt.
Wir sehn, dass glasig uns der Fußweg leuchtet,
Wir sehn den Himmel regnerisch im Dreck …
Ist das nicht seltsam? Im Zertrampelten und Seichten
Man heute in dies hohe Antlitz blickt,
Doch dort am Himmel nah und unerreichbar
Ist auch nur das, was hier am Boden liegt.
30. März 1922
Hab's alte Traumbuch längst verlegt.
Ganz gleich ist's traf's nun ein, ob nicht,
Setz dich zur Nacht aufs Fensterbrett
Und schaue dann ins matte Licht.
Es macht nichts, dass so neblig sind
All diese Himmel und die Zeit:
Wie ein Rätsel ständig blinkt,
Was da vor unserm Fenster weilt.
Alles weiß ich noch, was heiter
Unsre Herzen einst erfreute;
Schau, der Nevskij strömt ins Weite,
Himmel stützt sich auf Gebäude.
Zum Sternendom blickt altertümelnd
Des Tempels Dom in seinem Grau,
Auf ihm steht, mit sechs Spitzen rühmend,
Ein Kreuz, das man zur Zeit nicht schaut.
11. April 1922
Ich glaube nicht ans Schöne dieser Erde,
Der diesseitigen Wahrheit mein Verzicht.
Und jener, der ich einen Kuss verehre,
Lehr ich das Glück, das einfache, wohl nicht.
Durch's zarte Fleisch, dem menschlichen Entzücken,
Zieht's Messer einen purpurroten Riss:
Damit aus dem so zart geküssten Rücken
Erneut ein Flügelpaar bis in den Himmel schießt.
27. März 1922
Freunde, Freunde! Vielleicht bald schon, bald
Und nicht im Traum, in Wirklichkeit
Reiß ich den Faden des Geschwalls
Für alle plötzlich ganz entzwei
Und, hingegeben nur dem Klang
Der Seele, die den Bogen führt,
Erheb ich plötzlich meine Hand
Und eine Blüte wogt in ihr,
Und ich erkenne und entfalte
Die Blumenwelt, die Blumenspur,
Ach, könntet ihr mit mir doch nur
Dorthin, dorthin hinüberschreiten.
25. Dezember 1921
Sie war unbekannt und diesig,
Sie leuchtete im Mondenlicht,
Doch ziemlich körperlich und hiesig
Wurde sie jetzt doch für mich.
Beim Reden über Allgemeines
Fand ich mit Staunen im Gesicht
Plötzlich ein Haar, ein langes, feines,
Das sich auf meine Schulter schlich.
Der Gast, der auf ein Gläschen Tee
Gekommen war, verständig schielt.
Doch ich sehe und verstehe
Mit dem Löffel klimpernd still:
Glücklich ist man traumumfangen
Im ausweglosen Schlummerwahn,
Wenn man von dort uneingestanden
Im diesseitigen Glück erkannt.
7. 10. März 1922
Ja, meine Hand beim Heben scheitert
Von Majas Schirm, der heimlich fällt,
Doch in Pupillen, die erweitert,
Seh ich bei dir die Wunderwelt.
Dort in unfassbarer Verbindung
Sind Lieb und Straße fein vereint:
Des Äthers Feuer ist zu finden
Und Tauwind, der den Frühling meint.
Ein lichter Kosmos scheint erreichbar,
Dort wo der Wimpernvorhang ragt.
Und als ein Stern von Fahrradspeichen
Erblüht er kreisend in den Tag.
23. 24. April 1922
Große Fahnen auf Estraden,
Posaunisten tönen grell.
Schließ die Augen und dann falle,
Falle rücklings in dein Selbst.
Den Tag, den Bläserklang durchbohrte,
Des Himmels blauen Fächer dort,
Verzauber ihn mit einem Worte,
Wisch ihn mit einem Handstreich fort.
Verdreh die Augen unter Lidern
Und halte mit dem Herzschlag ein,
Dann atmest du das Finstre wieder
Tief im Mutterbauch des Seins.
Wie die Reiter auf Kamelen
Besinnungslos wieg dich zurück,
Lass dich ersterbend neu gebären,
Bis du Vergessnes neu erblickst
Erfrischt, dich dann im Trost zu baden:
Als Flimmerbild im Wüstensand
Siehst du die Fahnen auf Estraden
Und hörst den lauten Bläserklang.
26. Juni 17. Juli 1922
Riga Berlin
Ich schaue raues Handwerk an
Und weiß genau, wir sind im Paradies …
Ein Fischer wirft das Ruder auf die Bank,
Den Anker auch, verrostet wie er ist.
Und schiebt mit seinem Kameraden
Das schwere Boot vom nassen Sand,
Um in die Sonne abzufahren
Ins ferne Licht, zum Abendfang.
Und dort, wohin es schmerzt zu sehen,
Wo Wellen hoch am Horizont
Sich kräuseln, wird ein großes Segel
Entfaltet, dreieckiger Form.
Und so spannt sich im Fernen, Weiten,
Ein Flügel rosenfedrig auf.
Du sagst: ein großer Engel schreitet
Überm Wasser langsam aus.
Mit wenig übereilten Schritten
Treten andre auf ihn zu;
Ihre großen Schwingen zittern
Auf des Meeres dunkler Flut.
Dicht balln Wolken sich zusammen,
Gott stellt seine Wachen auf,
Wer wird glauben, dort versammeln
Sich nur Boote, Fisch zu fangen?
19. 20. August
Misdroy
Das Leben, der Gesang sind fast nichts wert,
Denn unbeständig läuft das raue Leben.
Der Bauarbeiter baut, der Schneider näht:
Die Naht reißt auf, das Haus wird man zerstören.
Doch manchmal, hinter all dieser Verwesung
Berührt mich sanft der freudenvolle Klang
Des Klopfens, der dort eingeschlossnen Töne
Aus einem Sein, das unsrem nicht verwandt.
So legt im trägen Laufe ihres Lebens
Ganz liebevoll, ganz zärtlich eine Frau
In tief empfundener, unfassbarer Erregung
Die Hände auf den aufgewölbten Bauch.
21. 23. Juli 1922
Berlin
Gehockt und verloren im Leuchten,
Im kreisrunden Zimmer, betrübt:
Ich seh Stukkaturen des Himmels,
Die Wendel der Sonne erglühn.
Ringsum trifft desgleichen das Leuchten
Den Tisch, und mein Bett, das Gestühl.
Gehockt, vor Verwirrung der Sinne
Weiß ich meinen Händen kein Ziel.
Gefrorene, schneeweiße Palmen
Auf lautlosen Scheiben erblühn.
Die Uhr muss, metallisch im Ticken,
Das Kreisen der Zeiger erfülln.
Erbärmliche, drückende Enge
Des Lebens: Kein Ausweg verspricht's!
Wem soll ich erzählen, wie bange
Es mir um die Dinge hier ist?
Und langsam beginn ich zu schaukeln,
Und halte die Knie umarmt,
Und plötzlich beginn ich in Versen
Zu sprechen mit mir wie in Trance.
Verworrenes lustvolles Reden,
Du trägst den Zusammenhang fort!
Die Klänge bewahren Bedeutung,
Doch stärker bleibt immer das Wort.
Und Musik, und Musik, und Musik
Verflechtet sich in den Gesang,
Mich durchsticht, und durchsticht, und durchsticht
Die Klinge in göttlicher Hand.
Weit über mich selbst kann ich wachsen,
Dem Toten kann ich mich entziehn:
Den Versfuß in höllischen Flammen,
In fließenden Sternen die Stirn.
Ich sehe mit riesigen Augen
Den Augen der Schlange, vielleicht
Wie's Ungestüm meiner Gesänge
Das Leiden der Dinge erreicht.
In kreisenden, fließenden Tänzen
Das Zimmer ein Gleichmaß bewegt,
Bis jemand die wuchtige Leier
Im Wind in die Hände mir legt.
Und kein stukkaturener Himmel,
Kein Wendel der Sonne erglüht:
Auf schwarze, geebnete Felsen
Hält Versfüße Orpheus gestützt.
9. 22. Dezember 1921