Vladislav Chodasevič:
Gesammelte Gedichte (1927)

Petersburg

Der traurigen Eintönigkeit der Geschicke
Gab man mit schwindenden Kräften sich hin.
Ich habe einzig verführend, bestrickend
Sorgenbehafteten halbwegs gedient.

Denn sie betrachteten mich – und vergaßen,
Dass das Wasser im Teekessel sang;
Während die Öfen die Filzstiefel fraßen,
Hörte man meine Gedichtzeilen an.

Damals – im russischen Dunkel des Grabes
Erschien eine Botin mit Blumengebind,
Bündelte mir musikalische Garben
Im Überraschungen rauschenden Wind.

Und ich verlor den Verstand vor Visionen,
Als durch den eisigen Nevakanal,
Unterhalb glatter, zerbröckelnder Stufen,
Sich mir ein Kabeljau stinkend empfahl.

Ich jagte jegliche Zeile durch Prosa,
Ich renkte jeglichen Vers schließlich aus
Und band die klassisch erklingende Rose
Mit dem sowjetischen Wildling zum Strauß.

12. Dezember 1925
Chaville

* * *

Gott lebt! Klug, doch nicht sinnlos klügelnd,
Schreit' ich meine Verse ab;
So unnachsichtig wie ein Abt,
Der seine Mönche friedlich zügelt.
Die Herde, mir gehorsam, wart' ich
Mit dem Stab, der Wachstum bringt.
Der Schlüssel zum geheimen Garten
Laut an meinem Gurt erklingt.
Ich bringe Hoffnung wortgewandt,
Denn sinnlos klügelnd singt berauscht
Ein Engel nur, von Gott gesandt.
Doch's Vieh, das niemals Gott geschaut,
Brüllt sinnlos klug gemuhten Laut.
Kein Engel bin ich, licht und hehr,
Kein dummer Stier, kein böser Drache,
Ich liebe jene Menschensprache,
Die von den Vätern wir ererbt:
Ihre streng durchdachte Freiheit
In verschlungenen Gesetzen …
O könnt' ich meine letzte Beichte
In eine große Ode setzen!

4. Februar – 13. Mai 1923
Saarow


* * *

Es haben die Zartheit des Frühlingsgewebes
Verdichtete Verse verprellt.
Ich liebe das Knirschen von eisernen Zähnen,
Die Kakophonie dieser Welt.

Im Gähnen der rachendurchbrechenden Laute
Gelingt mir das Durchatmen leicht.
Im massigen Drängeln der Mitlaute schaue
Ich Blöcke von berstendem Eis.

Ich sehne aus zinnerner Wolke die Schläge
Gebrochener Pfeile herbei;
Und liebe das Sirren elektrischer Sägen,
Ihr singendes, grelles Gekreisch.

Im irdischen Leben verachte ich häufig
Die Schönheiten der Harmonie
Und schätze das Zittern, das über die Haut läuft,
Den kalten Schweiß und Agonie.

Ich habe die Ganzheit der Träume verloren
Und stürze, verspritzend, hinein,
Wie Schlamm von den Reifen der Autos geworfen,
In andere Sphären des Seins.

24. – 27. März 1923
Saarow

Der Blinde

Mit dem Stock den Weg ertastend,
Sieht man einen Blinden ziehn.
Vorsichtig das Bein belastend,
Brummelt er was vor sich hin.
Eine ganze Welt flektiert
Sich im weißen Star des Blinden:
Haus und Wiese, Zaun und Stier,
Blau, das Wolkenrisse ziert –
Alles, was sein Blick nicht findet.

8. Oktober 1922, Berlin
10. April 1923, Saarow

* * *

Hoch aus den Wolken wird vergoldet
Das Tischchen und der Tee (schon kalt).
Verweile, winterliches Leuchten,
Versink' nicht hinterm schwarzen Wald!

Lass noch die Feder etwas schreiben
In deinem rötlich-gelben Glanz,
Ich hör im Rascheln ihrer Eile
Das Seufzen meines Daseins ganz.

Mit dem geteilten Stahl gestalte
Ich etwas, das leis zitternd fließt,
Bis sich auf dem so weiten Blatte
Dann einer spiegelt … Nein, nicht ich:

Nur jene spitzenreiche Kurve
Des Weges, der durch Höhen führt,
Wo er, der steigen, fallen durfte,
Mein Geist noch leidend existiert.

19. – 28. Januar 1923
Saarow


Am Meer

1

Als Aufgusstierchen im Gewimmel,
Den Blick der Augen links geschürzt,
Erscheint mir der Emaillehimmel
Wie eine Schüssel, umgestürzt.

Die ganze Welt ist wie gewöhnlich,
Die Utensilien sind bekannt.
Die Brandung schäumt, und untertänig
Läuft sie auf den flachen Strand.

Die weißen Badeinseln glänzen,
Die Frauenschulter wird gebräunt.
Ein Wasserbecken ohne Grenzen!
Der Sonnenbrand am Himmel scheint!

Und aus den überhitzten Stränden,
Nicht ganz lebendig, nicht ganz tot,
Steigt Gras in dichten Büschelständen:
Stachlig, weißlich, – und verstroht.

Doch ausgelaugt durch Glut und Hitze,
Durch Leibermassen, braun und schön,
Geht Kain, der Unerkannte, schwitzend,
Auf seiner Stirn schwillt ein Ekzem.

15. August 1922
Misdroy

Am Meer

2

Er hockt herum in Tabakläden,
Befleckt vom simplen Alltagstrott,
Und spiegelt sich in den Vitrinen
Im weitschößigen Ausgehrock.

Wie auf dem Lindenblatt die Fliege
Erzittert er in unsrer Zeit.
Die Lippen sich zum Lächeln biegen
In ihrer Andersartigkeit.

Er ist sehr arm, doch wirkt gefestigt,
Und was den Strandauftritt betrifft,
Dient ihm zur Reinigung der Weste
Von Flecken ein ganz weißer Stift.

Er weiß nichts mehr. Als Lastenesel
Durchtrottet er den heutgen Tag.
Zuweilen sieht man ihn beim Lesen
Von einem Zeitungsinserat,

Bei einem Gläschen Bier betrachtet
Er Fräuleins, tanzend den Foxtrott,
Und es befällt ihn eine Schwachheit,
Als wenn das Herz im Leibe stockt.

Weshalb? Vergessen. Unverständlich
Wie er dies Leid ertragen kann!
Und er springt auf. Und rennt verängstigt
Unter den Wind, zum Meeresstrand!

Es wirbelt hin und her sein weites
Jackett, – mit einem Seufzer sacht
Sieht man ihn sich die Hände reiben
In Europas schwarzer Nacht.

2. September 1922
Berlin

Am Meer

3

Mit den Fischern stach er in See
Und lag die ganze Zeit an Deck.
Er schwieg – und zwischen gelben Zähnen
Das aufgerauchte Mundstück steckte.

Er schaukelte. Nichts war genehm:
Nicht der Wind, des Himmels Weite,
Worin der Mast im Schlingern schweifte,
Muster zeichnend, glatt und schön.

Mit dem Wind kam Sturm geflogen.
Wie machte ihn der Sturmwind müde,
Der pfiff und donnerte und drohte
Und das Firmament verhüllte.

O weh! nicht erstmals hörte er,
Dort wo sich Takelagen blähten,
Dass Fischer zu Maria flehten
Um Hilfe, als dem Stern des Meers.

Und auch nicht erstmals sprach er hier
Zu Menschen aus dem tiefsten Dunkel:
»Maria oder nicht Maria –
Habt keine Furcht, wir gehn nicht unter!«

Gen Morgen durch den Nebel schwamm,
Durch friedlich-stille Wellenmassen
Die halbzertrümmerte Barkasse
Zum heimatlichen Ufersand.

Die Frauen grüßten aus der Menge
Die Väter, Söhne, ihre Männer.
Er ließ sie alle seitlich stehn,
Um in die Berge fortzugehn

Mit finstrem Schritt, den Rücken beugend
Dem Regen, der kalt niedergeht,
Und hat zu diesem Bild der Freude
Sich nicht einmal mehr umgedreht.

9. Dezember 1922 – 20. März 1923
Saarow


Am Meer

4

Zerstörerische Langeweile
Seit Morgens unerträglich schwärt.
Am Strand die Kinder lauthals schreien,
Ein Bötchen schaukelt auf dem Meer.

Im Kaffeehaus hockt er im Eckchen
Und schaut zwei dicke Männer an,
Die grübelnd diskutiern im Blättchen
Den Abfahrtsplan der Eisenbahn.

Mit verblitzten Spritzern glitzend,
Kreist die Sonne wie ein Rad.
Er stößt durch die Zähne: »Wird's denn!«
Seine Faust gibt dumpfen Schlag.

Das Bier vom Eisentischchen fegend,
Stürzt er diesen gleich mit um.
Was nichts nützt, ist zwar vergebens,
Doch das Dasein krebst herum.

Einem herrenlosen Hunde
Folgte er die ganze Zeit,
Bis am Meer zur Abendstunde
Dieser Schatten ihm enteilte.

Irgendwann wurd's aufgegriffen,
Tief betäubt und wach gemacht,
Eingenebelt und entrissen,
Weggeschleudert, hergebracht:

Unterm Fuß die Erdenscheibe
Kann sein Auge nicht mehr sehn –
Über Berg und Flusslauf schreitend
Siebenmeilenstiefel gehn.

10. Dezember 1922 – 19. März 1923
Saarow


Berlinisches

Was sein soll? Schüttelfrost, es wintert, –
Drum heißer Grog, schenkt Kognak ein.
Hier ist Musik, die Teller klimpern,
Und violetter Dämmerschein.

Und dort, hinter dem dicken, weiten,
Geschliffnen Panoramaglas,
Wie zum Aquarium erweitert,
Von blauer Finsternis erfasst, –

Schwimmt zwischen Unterwasserlinden
Vielaugendlich die Straßenbahn,
So wie sich Neonfische winden
Als träger Elektronenschwarm.

Und dort, durch nächtge Fäulnis schlendernd,
Auf fremden Glases dicker Schicht,
Spiegelt sich in Wagenfenstern
Meines Tisches Obersicht, –

Und, in ein fremdes Leben lotend,
Erkenn ich voller Ekel doch
Meinen abgeschlagnen, toten,
In die Nacht gestürzten Kopf.

14. – 24. September 1922
Berlin

* * *

Von der berliner Straße
Ist hoch der Mond zu sehn.
Durch die berliner Straßen
Die langen Schatten gehn.

Die Häuser – wie Dämonen,
Zwischen den Häusern: Nacht;
Die Reihen der Dämonen
Nur der Wind durchbrach.

Alltägliche Gedanken,
Die Tagesseelen – fort;
Alltägliche Gedanken:
Die Nacht ist nicht ihr Ort.

Wenn sich mit Dunkelheit
Die Kreuzung überzieht,
Dann gehn wir aus dem Haus
Zum Hexenritt zu dritt.

Unmenschlicher Geist,
Unmenschliches Greinen:
Über buckligen Rücken
Hundsköpfe erscheinen.

Als grünes Pünktchen glotzt
Der Mond im Augennass
Und unsre Nüchternheit
Der blanke Hass erfasst.

Ein trockner, trüber Glanz
Auf spiegelndem Asphalt
Und über unserm Haar
Ein Funkenschlagen schallt.

Oktober 1922, Berlin
24. Februar 1923, Saarow

An Mariechen

Was machst du dort hinter der Theke?
Glaubst du, dass das zu dir passt?
Hier muss man flink sein, sich regen, –
Du aber bist krank und blass.

Was soll dieses riesige Röslein
Über der knospenden Brust?
Da hätte friedhöflich ein Kränzlein
Eher als Schmuck hingemusst.

Die Ewigkeit zeigt sich erkenntlich,
Stirbt man jung, rein wie ein Lamm.
Dir suchen deine Eltern ständig
Schon den rechten Bräutigam.

So ein braver Mann, der eben,
Sozusagen, zu dir passt,
Drückt dein schwaches, kurzes Leben
Dann mit seiner schweren Last.

Da wär's besser, und im Stillen
Hab ich das für mich durchdacht,
Du gerätst an einen Killer
Dort im Waldstück, in der Nacht.

Besser wär's, schnell aufeinander
Folgten Schande und der Tod,
Und du müsstest nicht durchwandern
Zweimal Fäulnis, zweimal Not.

Lägst nur mit zerdrücktem Kleidchen
Einsam, still im Birkenhain,
Denn ein Messer drang ins linke, veilchen-
Blaue Brüstchen ein.

20. – 21. Juli 1923
Berlin

* * *

Über der Straße die Dunkelheit nahte,
Als man ein schlagendes Fenster gewahrte.

Licht glänzte auf, ein Vorhang im Wind,
Und an der Wand fiel ein Schatten geschwind.

Glücklich ist jener, der kopfüber fällt,
Kurzfristig sieht er ganz anders die Welt.

23. Dezember 1922
Saarow

* * *

Nein, ich find' kein Futter heute,
Euch verträumt mit Trost zu kommen:
Denn Charmeure, arme Leute,
Regen – alles kommt von oben.

Strom, der Wiesen schwach beleuchtet,
Wenn sie fällt, die Abendstunde,
Finster auf die dumme Meute
Räudig-graumelierter Hunde.

Der da, dessen Maul verkotet,
Stößt sich, dreht sich und entflieht,
Jener da mit Krallenpfoten
Schabt den huschenden Granit.

Die da – kauern sich und hecheln,
Nur die Zunge seitlich hüpft, –
Bis aus höchster Kammeröffnung
Ruft des Herrchens lauter Pfiff.

Alles kötert, ausgepfiffen.
Schlurf auch du im Schmutz dahin,
Wo das Herz seufzt, tief ergriffen
Vom Rasselton der Jalousien.

23. März – 10. Juni 1923
Saarow


Sommerfrisches

Missgeburten, Ausgeburten, Brut
Durchwühln den ganzen Tag des Seegewässers Flut.

Dann wird es überm See finster und auch nass,
Die Fröschlein quaken grün im tiefen Gras.

In Hütten sieht man bald die Lichter glimmen
Und auf den Wegen Regenwürmer wimmeln.

Im Fernen, wo die Nacht schwarz alles streicht;
Die Nadel eines Grammophons beschleicht

Den Schwingkreis einer ausgefrästen Rille
Und aus dem Trichter dröhnt Schaljapins Brüllen.

Ein Teufel steigt zur feuchten Welt hinab …
Nur irgendwo, auf nassem Rasenplatz,

Da wandeln Braut und Bräutigame keck
Und was sie tun der Regenschirm verdeckt.

Ein Breitmaulzwerg, halbblind, schaut ihnen gerne
Unter den Rock mit seiner Blendlaterne.

10. Juni 1923, Saarow
31. August 1924, Causway

Unter Grund

Wo es nach Schwärze riecht karbolisch
Und irdisch-fauligem Gestank,
Steht er, markant und fast lakonisch,
Mit dem Profil zur Klinkerwand.

Er geht nicht fort, macht keine Wendung,
Im Ganzen schaukelt er nur leicht,
Doch schlägt sein Ellenbogen ständig
Im Ausgehrock, der alt und feucht.

Und Schüler gehn vorbei, Soldaten,
Ein Arbeiter in blauer Kluft.
Er steht, wie an die Wand genagelt
Von seinem Traum aus wilder Lust.

Hier baut er auf und lässt sie stürzen,
Die Welten, die nur Wollust schaut,
Jedoch aus nachbarlicher Hütte
Sieht all das eine alte Frau.

Dann werden in der offnen Tür
Sitzkissen sichtbar, Stühle, Flaschen.
Sie kam heraus – und man kann hier
Ihr schrilles Schimpfen gut erhaschen.
Dann scheucht ein Besen für den Dreck
Den Wahnsinnigen aus dem Eck.

Und er verlässt den dunklen Schoß,
Gebeugt, ein Greis, obwohl recht groß,
Im abgetragnen Ausgehrock,
Eine Melone auf dem Kopf,
Und geht den breiten Aufgang hoch;
Als Hadesschatten hell ins Licht,
In den berliner Tag und mischt
Sich oben, wo die Wüste blaut,
Im Sonnenschein mit Alltagsgrau …
Doch in mir kochen Wut und Leid,
Mein Stock schlägt fremden Stein erneut
Und will nicht schweigen allezeit.

21. September 1923
Berlin


* * *

Es ist ganz Stein. Wo sich die Steine spalten
Verläuft die Nacht. In Eingangstoren halten

– Wie Statuetten – Paare sich umschlungen.
Ein schwerer Seufzer. Rauch drückt schwer die Lungen.

Ein Schlüssel klirrt auf Steinen, und ein Riegel knarrt.
Geh über Steine bis um morgens fünf, dann wart':

Es bläst ein scharfer Wind die Okarina
Durch Riss und Spalt der weiten Berolina, –

Aus Häusern steigt der raue Tag, als regte
Sich diese Stiefmutter russischer Städte.

23. September 1923
Berlin

* * *

Erhebe mich zerschlagen aus dem Bette,
Mit keinem Gott hab ich die Nacht gekämpft, –
Mir ist, als ob sie mich durchstoßen hätten,
Die Radiostrahlen, heimlich und gedämpft.

Und fühle, dass sie noch im Körper leben,
Denn durch die Adern laufen sie bis jetzt:
Der Börse weltumspannende Gespräche
Und Moskauer rebellisches Geschwätz.

Verworren und nicht gänzlich zu verdrängen,
Vermischten sich in meinem stillen Sein
Nächtliche Stimmen, die aus Melbourne zu mir drängen,
Mit dem, was nächtlich meine Seele weiß.

Und irgendwelche Namen und auch Ziffern
Stürmen ein auf mein zerfressnes Hirn
Und, hochgetürmt zu abgedämpften Chiffren,
Sind's Blitze, die aus Meereswolken schwirrn.

Ich gehe – und vernehme voller Schrecken
Einen Lärm, den niemand sonst vernimmt.
Obwohl die Hände fest das Ohr bedecken –
Der immergleiche Klang. Doch mittendrin …

O hättet ihr nur selber eine Ahnung,
Ihr Söhne von Europas Dunkelheit,
Von welcher klangerfüllten andren Strahlung
Ihr fast unmerklich tief durchdrungen seid.

5. – 10. Februar 1923
Saarow

Die Verwahranstalt

Träge geh ich durch die Säle.
Wahrheit nimmt mich nicht mehr ein.
Das noch nie gesehne Schöne
Kenn ich schon von vornherein.

Und beschwerlich, fast bedrückend
Setzt sich fort der Seelengang
Auf verblichnem Landschaftsrücken,
Den sich einer einst ersann.

Menschliches Genie steigt eben
Mal hinauf, und mal herab,
Doch dies Fallen und Erheben
Hat man irgend einmal satt.

Nein! Mir reicht's, die schweren Lider
Vor Madonnen hochzuziehn, –
Tröstung spendet einzig wieder
Säuerliches Aspirin.

23. Juli 1924
Paris

* * *

Intrigen der Börse, Aufbruch der Nazis,
Diese Lawine breitet sich aus,
Doch unter den Bögen der Prokurazien
Ist noch ein sorgloser Geist zuhaus.

Denn Ursula geruht zu schlafen,
Zog die Schühchen aus, recht brav,
All das kann sie nicht belasten
Bei Alinari hinter Glas.

Mein bittres Lachen kaum verbergend,
Denk ich mir im Gehen aus,
Wie Jemand, weise und verärgert,
Vielleicht auch einmal hierhin schaut,

Und Heiterkeit bricht die Verzweiflung,
Sein Lachen setzt die Welt ins Licht.
Er sieht den Schal des süßen Weibes
Und er vergisst, wie heute ich, –

Und all das schwindet unwiederbringlich,
Doch nicht, weil's Fegefeuer ätzt, –
Nur so, im leichten und beschwingten,
Venezianischen Geschwätz.

19. – 22. März 1924
Venedig


Sorrentiner Fotografien

Bizarr sind die Erinnerungen
Und ungehorsam. – Sie sind wie
Oliven: knotig und verschlungen,
Und nichts beschränkt und hindert sie.
Mit ihren zauberhaften Zweigen
Verknoten sie im wilden Reigen
All die Entsprechungen ganz fest –
So leben sie und wachsen stets.

Ein Fotograf, der schusslig war,
Verschwitzt die Filmbildzahl zuweilen
Und lichtet ab der Freunde Schar
Auf Capri mit schneeweißem Geißlein, –
Daselbst, auf gleichem Film, zerstreut,
Verewigt er den Meeresbai,
Der hinterm Heck des Dampfers leuchtet,
Und den verrußten Schornstein auch,
Aus dessen Stirn es zornig raucht.
Grad dieses machte jüngst ein Freund
In diesem Winter. Und vor ihm
Vermischten Menschen, Rauch und Wellen
Sich auf getrübtem Negativ.
Der Körper eines Freunds verstellte
Leicht durchsichtig die Felsenriesen,
Und's Geißlein, das die Hufe reckt,
Dass sie hoch in den Himmel wiesen,
In den Vesuv die Hörnchen steckt …
Obwohl ich keine Zicklein mag
(auch keine Picknicks in Italien) –
fand ich an der Durchdringung da
Entzweiter Welten doch gefallen:
Denn Angeschautes zu verweben,
Darin verbildlicht sich mein Leben.

Ich sehe Felsen und Agaven,
Doch in, durch sie, und zwischen ihnen,
Ein Häuschen, klein und altgedient,
Beherbergt einen Schneiderladen.
Und wie ich wende meine Blicke,
Stets ist es hin- und hergehuscht,
Als wär's über die Bergesgipfel
Geklettert grad vom Moskva-Fluss.
Und auf den grünen, hocherhabnen
Gebirgspass von Amalfi kam's
Herangeeilt als trauter Schatten,
So dass ein Fußabdruck entstand
Auf einer Schicht erstarrter Lava.

Die Kellerwohnungstür steht offen
Und es tragen, tief betroffen,
Vier Waschfraun aus dem Flur zum Hof
Auf einem Tuch den Brettersarg,
In dem Savel'ev liegt. Er starb,
Nachdem er Dielen eingewachst.
Auf ihm: sein streifiges Jackett
Und die Ikone auf der Brust
Unter dem Vollbart, der brünett.
»Was ist denn, Olga, kommst du jetzt?«
Und Olga folgt ihm auf dem Fuß.
Sie hält in starker Hand das Tuch
Und fängt ganz laut zu klagen an.
Und unter weiblichem Geheule
Gehn sie vom Hof ganz ohne Eile.
Und bei den stachligen Agaven
Entschwinden sie durchs kleine Tor,
Die blasse Stirn wird fortgetragen
Gelockt im luftigen Azur.
Gepackt von trauriger Vision
Durchschreit' ich den Olivenhain
In einer wirren Prozession
Und stolpre über fremden Stein.
                  ________

Das Motorrad hat laut geknattert
Und ruckte los. Der Felsensaum
Grell flackerte im Frontlicht auf;
Ein Abgesang von Lärm und Rattern
Ist uns weit hinterhergesaust.
Sorrento schläft im Kreis der Riesen.
Dort sind wir eilig hingelärmt
Und machten halt. Man hört ganz fern
Vom Berg das Wasser runterschießen.
Wie immer leert sich am Karfreitag
Die Welt, die uns vor Augen steht,
Ein Hadeswind antikisch weht,
Der helle Mond nimmt langsam ab.
Hoch hinter Wolken steht er heute.
Die feuchten Straßen glitzern schwach.
Nur eine Osteria leuchtet
Mit gelben Kerzen in der Nacht.

Im Fenster kauernd, ruht der Wirt
Im halben Schlaf mit wirren Haaren,
Dieweil vom Stadtrand hergetragen
Ein dumpfes Singen hörbar wird;
Im Fernen eine krumme Straße
Erstrahlt im lichten Kerzenglanz,
Als schwarzes Segel wird getragen
Durch Straßenschluchten eine Fahne
Mit Troddeln als Gewicht daran;
Damit man gut erkennen kann
Den Zweck der ganzen Prozession,
Erscheinen Geißel, Purpurmantel
Und die geflochtne Dornenkrone,
Auch rostge Nägel sieht man weiter,
Des Henkers Hammer, seine Leiter.

Und lauter tönen die Gesänge.
Im Dunkel schwankt die Menschenmenge,
Bis über ihnen Sie erscheint,
Umringt von lichtem Feuerschein,
Getaucht in Rosen und in Seide,
Im Antlitz Gnade, unentwegt,
Mit einem Kranze, unerreichbar;
So schwimmt Sie, hoch und grade stehend,
Die Hände faltend zum Gebet
Und hält in ihrer Hand aus Wachs
Ein Spitzentuch fürs Tränennass.
Von Menschenängsten zeigt sich nichts
In klaren Zügen des Gesichts,
Weshalb zu Ihr, zu ihren Füßen,
die Träume und Gebete fließen,
Und Rosen schmachterfüllter Liebe;
Im Ansturm der Vollkommenheit
Auch echter Tränen Salzigkeit?
Vor seine Schwelle tritt nun hin
Der graue Wirt der Osteria
Und lächelt zärtlich zu Maria.
Maria! Lächle auch für ihn!

Doch schon vorbei: Sie steht im Tempel
In Strahlenbündeln, Chorgesängen.
Über der Menge, die sich lichtet,
Erstrahlt ein himmelblauer Schein
Und klarer werden die Gesichter
Vom Sonnenaufgang wie bestäubt.
Auf Bergesgipfel, hoch und spitz,
Mit Rosenfingern Eos tritt …
                  ________

Das Motorrad fliegt kurvenreich
Um den Fels herum, versiert,
Mit jedem neuen Kurvenkreis
Erweitert sich die Bucht vor mir.
Im Morgenrot mit Winden wehend,
Wirkt sie so zauberhaft belebend.
Wenn wir zur rechten Seite streben
Tritt das Ufer links zurück,
Doch nach der Kurve unaufhaltsam,
Im Bogen, der vergoldet ist,
Beginnt es rechts sich zu entfalten.
Procida glänzt in Nebelluft,
Nach Norden hin raucht der Vesuv.
Der Marktplatzruhm hat ihn befleckt,
Doch wirkt er feierlich und keck
In angebrannt-rostfarbnen Lumpen,
Die hundertfach durchlöchert funkeln.
Doch da – ein rotes Strahlen neckt
Durch weit entfernte Nebelschwaden.
Aus dem Dunst steigt auf – Neapel;
In Fensterscheiben: Spiel des Feuers
Den Strand entlang an kleinen Häusern.

Dort helle Weiten sich entspinnen,
Gärten, Felder, Berge schwimmen,
Doch in, durch sie und zwischen ihnen –
Schon wieder, wie auf falschem Filme
Scheint's durch die Umrisse hindurch
Wie's damals war: im heißen Rauch
Einst in Novembers Morgenrot.
Auf achteckiger Spitze dort
Der goldgeschwingte Rosenengel,
Ganz unbewegt – doch über ihm
Durch längst verzognen Rauch und Kälte
Die Krähenscharen krächzend ziehn.
In grünen Welln castellammarisch
Sich widerspiegelnd leicht gerippt,
Steht Russlands Wächter, riesig, zarisch,
Jedoch kopfüber umgekippt.
So spiegelte die Newa ihn
Mit Feuergeist im finstren Blicke,
So tritt er wieder vor mich hin –
Auf einem Filmbild, das missglückte.

Bizarr sind die Erinnerungen.
So wie die Traumbilder sind sie
Zum Schein von Wahrheit hehr durchdrungen,
Genauso wild und dunkel liegt
Hier Trug mit Wahrem eng verschlungen …
In Sorgen und Verlust getaucht,
Nach so viel schriftlichem Lamento,
Was glänzt jetzt luftbildartig auf
Und was verbirgt in seinem Lauf
Der Fotofilm hier in Sorrento?

5. März 1925, Sorrento
26. Februar 1926, Chaville


Aus dem Tagebuch

Mag sein, das Leben ist auch gut,
Doch was erfasst davon die Flucht
Vom Taufstein in die Leichenhalle;
Solang die Seele Wege sucht,
Ist sie erfreut, spuckt manchmal Galle.

Doch Blei, unfassbar schwer und hart,
Zerquetscht den Traum mit rohen Kräften,
So wirst auch du zuletzt ein Narr,
So wie der Schmied, den Weisheit narrt
Im Umschlag kluger Groschenhefte.

Verweilen reicht, man muss nicht sein,
Statt wachzubleiben, schläft man ein.
So schläft mit hoher Stirn ein Fetus,
Vom Mutterbauch umhüllt, allein,
In weiche Ewigkeit gebettet.

1. – 2. September 1925
Meudon


Vor dem Spiegel

     Nel mezzo del cammin di nostra vita.

Ich, ich, ich. Dies rohe erschreckende Wort!
Ist denn wirklich der jene dort – Ich?
Hat ihn Mamma geliebt und geboren,
Den fast haarlosen, gelb-grauen Toren
Mit allwissendem Schlangengesicht?

Dieser Junge, der in Sommerfrische
In Ostankino tanzte beim Ball, –
Bin das ich, der gelbmündig zischelnd,
Die Dichter bösartig bekrittelnd,
Nur Schrecken verbreitet und Qual?

Dieser jene, der nächtlich beim Streiten
Ganz lausbübisch flink stets pariert, –
Bin das ich, der noch höchstens zu Zeiten
Die tragischsten Weinerlichkeiten
Mit Schweigen und Scherzen quittiert?

Doch seufzt man nicht stets voller Kummer
In der Mitte des Erdenwegs schwer:
Von der Nichtigkeit bis hin zum Grunde,
Schaust in Wüsten verirrt in die Runde
Und findest die Spuren nicht mehr.

Doch kein Panther hat mich schon vor Jahren
Auf die Dachböden Frankreichs gejagt.
Auch Vergil ist hier nicht vorzukramen, –
Nur Einsamkeit spricht aus dem Rahmen
Des Glases, das Wahrheit besagt.

18. – 23. Juli 1924
Paris

Fenster zum Hof

Der glücklose Trottel im Hinterhofschacht,
Seit morgens schon tönt sein Gejaule,
Hätt' ich nur zum Werfen noch Hausschuh gehabt,
Das wäre die Ursache für seine Laune.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Mit Töpfen und Tellern klirrt das Klavier,
Mit Bälgern im Kampf: die Kinderfrauen,
Den Tauben am Fenster sein Lächelmund ziert,
Von eigener Stille verzaubert.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Der Stupsnasenmime vorm Standspiegel steht,
Schreibt Briefe pompös und küsst ein Porträt, –
In echter Bemühung und wirklichkeitsnah
Stirbt dieser Held heut zum sechzehnten Mal.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Im Flur stand der Vater in Mantel und Hut,
Läuft eilig zurück, schreit blass, voller Wut:
»Gleich kriegt der Junge noch eine gewischt,
Weil er nicht gerne die Lauchsuppe frisst!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Der bärtige Greis hat sein Bett abgerückt,
Schlägt sorgfältig Stahlnägel ein,
Der Gast auf der Treppe den Klingelknopf drückt,
Zu stören die Handwerkelein.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ein Arbeiter liegt mit Blumen im Bett,
Die Augen mit kupfernen Münzen bedeckt.
Die Hände gefaltet – die alte Leier:
Heute ins Eis und morgen ins Feuer.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Es bleibt, wie es ist. Niemals mit Gewalt
Bekommt man ein Weib auf die Pritsche.
Erst trällert man Verse von seichtem Gehalt,
Danach ist ein Tafelwein nützlich …

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ein Wasserstrahl zischt in den Tiefen der Wand,
Von bleiernen Rohren im Laufe gebannt:
In Finsternis immer von Enge bedrängt,
In dieser Enge so finster beschränkt!

16. – 21. Mai 1924
Paris


Arme Reime

Die ganze Woche bei kargem Gehalt
Ersticken, und zittern, und magern,
Um am Samstag des hässlichen Weibes Gestalt
Beim Weinglas verträumt zu umarmen.

Am Sonntag zu trockenen Wiesen
Im Zug fahrn, du setzt dich aufs Tuch,
Um wieder zu träumen und dies zu genießen,
Was du im Geheimen verfluchst.

Zur Wohnung zurück dann im Zug
Mit dem Tuch, und der Frau, dem Jackett;
Und kein einziges Mal auf die Welt und das Tuch
Mit der Faust schlagen von A bis Z –

O, in solch unverbrüchlicher Weise
In gesetzlicher Friedfertigkeit,
Gehn die Blasen im Rohr auf die Reise,
Immer rauf durch den Siphon zu zweit.

2. Oktober 1926
Paris


* * *

Während der Winter sie unwirtlich plagt:
Den Koffer trägt er, sie trägt einen Sack.

Über's Parkett parisischer Wiesen
Schlendern Frau und Mann verschwiegen.

Und ich folgte ihnen lang,
Und sie kamen am Bahnhof an.
Es schwieg die Frau, es schwieg der Mann.

Mein Freund, ob ich was zu sagen hätt'?
Sie trägt einen Sack. Den Koffer trägt er …
Die Absätze wurden aufs Pflaster gesetzt.

Januar 1927

Ballade

Ich halt es nicht mehr mit mir aus,
Ich verlier fast den Verstand:
Ins Kino geht mit schwang'rer Frau
Ein invalider Veteran.

Ein Engel gibt die Leier mir,
Die Welt wird durchsichtig, wie Glas, –
Ein Grinsen seinen Mund verziert
Bei Charlie Chaplins dummem Spaß.

Warum vertreibt die leere Zeit
Ein guter, friedfertiger Mann
In solcher Ungerechtigkeit
Und einem Ärmel ohne Arm?

Ich verlier fast den Verstand,
Wenn mit seiner schwang'ren Frau
Der invalide Veteran
Aus dem Kino geht nach Haus.

Mit meinem langen Ledergurt
Und langgezogenem Geschrei
Prügle ich die Engel durch,
Bis sie durch Häuserzeilen weit

Bis in den Städtehimmel fliehn.
So flohen auf dem Markusplatz
Die Tauben voller Angst und blind
Dereinst vor meinem lieben Schatz.

Jetzt zieh ich höflich meinen Hut
Und trete an den Mann heran,
Berühre seinen Ärmel und
Vollführe diese Rede dann:

»Pardon, monsieur, wenn Höllenpein
Für all mein arrogantes Sein
Wird die gerechte Strafe sein,
Doch sie im Paradies zu zwein

In stiller Ruhe sich ergehn,
Aufs Jammertal hinuntersehn
Und, während Zauberklänge wehn,
Mit weißen Flügeln leuchtend stehn, –

Dann lassen sie aus kühlen Höhn
Ein Federchen herunterwehn;
Das dann als Flöckchen niederfällt
Auf meine Brust, die Hitze quält.«

Der Invalide blickt kurz auf,
Ein kleines Lächeln sich ergibt,
Entfernt sich dann mit seiner Frau
Und hat nicht mal den Hut gelüpft.

Juni – 17. August 1925
Meudon

John Bottom

1

John Bottom als ein Schneider war
      In Raston wohlbekannt.
Er nähte grade, schnitt genau,
      Den Preis man niedrig fand.

2

In saubrem Häuschen lebte er
      Mit der geliebten Frau.
Er bügelte und nähte gern;
      So ging's tagein-tagaus.

3

Auch aus der Ferne Bottom nahm
      Bestellungen gern an.
An seiner Tür hing angeschraubt
      'ne gusseiserne Hand.

4

Tock-tock – ein Kunde, der was will,
      Die Tür macht Mary auf, –
»Nimm, Bottom, deinen Schneiderstift,
      Und was du misst, schreib auf.«

5

Doch einmal … Ob im nachhinein
      Man es erst so empfand? –
Es klopfte stärker an die Tür
      Die gusseiserne Hand.

6

Jahr Vierzehn! Ach, es sei verflucht
      Des Krieges Todeshauch!..
Man zog den armen Bottom ein,
      Wie alle andern auch.

7

Der treue John den ganzen Tag
      Nahm Abschied von der Frau,
Betrachtete den ganzen Tag
      Ringsum sein kleines Haus.

8

Die treue Mary war ihm gut,
      Sein Häuschen war so schön.
Was soll man machen? Ganz egal:
      Man kann dem nicht entfliehn.

9

Ein Bild von ihr er mit sich nahm,
      'ne Locke von den Haarn,
Am nächsten Tag zum Kontinent
      Hat ihn ein Schiff gefahrn.

10

Und mutig, so wie alle, John
      Um Pflicht und Ehre focht.
Doch nachts, am dritten Februar,
      Da traf ihn ein Geschoss.

11

Ein Splitter schlug ihm durch die Brust,
      Er starb in selber Nacht,
Die Rechte nahm ihm ein Geschoss
      Noch mitten in der Schlacht.

12

Die Deutschen schlug man schnell zurück.
      Als man die Opfer barg,
Fand man gen Morgen unsern John
      Und legt' ihn in den Sarg.

13

Man fand auch eine tote Hand
      Nur eine Meile weg
Und legte sie ihm auf die Brust …
      Nicht seine war's – o weh!

14

Er war nur eines Tischlers Hand
      Mit Schwielen. Armer John!
Die Nadel führn mit solcher Hand
      Hätt' er niemals gekonnt.

15

Im Paradiese sorgte sich
      Bald seine Seele sehr:
»Was soll ich mit des Tischlers Hand?
      Gebt mir doch meine her!

16

Hab zwanzig Jahr mit ihr genäht
      Nach jeglicher Fasson!
Ein Ring steckt an ihr, ein Türkis,
      Bin ohne sie nicht John!

17

Selbst wenn ich ein Verbrecher wär,
      Und er ein heilger Mann, –
Ich aber will auf keinen Fall
      Dort ruhn mit seiner Hand!«

18

So flog in Edens schönsten Höhn
      Der arme John herum,
Im Chorgesang der Engel blieb
      Nur seine Stimme stumm.

19

Und während dem an Bottoms Frau
      Ein Vorgesetzter schrieb,
Dass John ganz wie ein Held gekämpft
      Und unbekannt verblieb.

20

Zwei Jahre weinte seine Frau:
      »O John, was soll ich tun?
Ich kenne nicht einmal das Grab,
      Wo deine Glieder ruhn!..«

21

Die Deutschen gaben endlich auf.
      Wir hetzten sie so lang,
Bis sie zum Frieden von Versailles
      Der König schließlich zwang.

22

Und dorthin, wo gefallen lag
      Ein unbekannter Held,
Da haben Generäle sich
      Mit Ordensschmuck gestellt.

23

Und ausgegraben wurde John,
      Nach London überführt
Und mit Salut und großem Lärm
      In der Abtei geehrt.

24

Der König selbst ging hinterm Sarg,
      Das Volk, es klagte laut.
Auf diese Ehre hat erstaunt
      Vom Himmel John geschaut.

25

Für diese Fügung er sogar
      Ein bisschen Stolz empfand.
Doch etwas, das betrübte ihn,
      Die Sache mit der Hand!

26

Es war doch eines Tischlers Hand
      Mit Schwielen … Armer John!
Die Nadel führn mit solcher Hand
      Hätt' er niemals gekonnt.

27

Und viele Mütter, tief betrübt,
      Und viele treue Frau'n
Besuchten täglich jenes Grab,
      Es trostvoll anzuschaun.

28

Nur seine Mary wollte nicht.
      Ein ganzes Jahr verfloss.
Im fernen Raston sie allein
      Der Tränen viel vergoss:

29

»Du grausam mich verlassen hast,
      O John, was soll ich tun?
Ich kenn' doch nicht einmal das Grab,
      Wo deine Glieder ruhn!«

30

Nach London schicken Nachbarn sie
      In die Abtei, wo man
Beim Unbekannten trauern kann
      Um Vater, Sohn und Mann.

31

Doch Mary weint: »Das will ich nicht!
      Treu bin ich John allein,
Bin seine Frau und trau're nicht
      Um jemand allgemein!«

32

Das alles sah vom Himmel John,
      Fing neu zu murren an.
Und ging zu Petrus um Bescheid,
      Was man da machen kann.

33

Und sprach zu ihm: »Sag, Petrus, mal,
      Ich hab da so gehört,
Manch Toter Lebende besucht,
      Sie nächtlich aufzustörn.

34

Mach auch für mich die Pforte auf,
      Damit ich irgendwann
Erscheine einmal meiner Frau
      Und ihr dann flüstern kann,

35

Dass ich das bin, dass ich das bin,
      Kein andrer als ihr John,
Der unbekannt begraben liegt
      Zu Westminster im Dom.

36

Dass ich das bin, dass ich das bin,
      Der dumpf im Grabe ruht –
Und bei mir eine falsche Hand
      Und Erde tief im Mund.«

37

Mit Schlüsseln klirrte Petrus streng
      Und sprach mit lautem Schall:
»Das müssen Sünderseelen tun,
      Doch du – auf keinen Fall!«

38

Und schweigend schlich John Bottom fort,
      Von Schwermut tief durchwühlt,
Und weiß im Paradies nicht mehr,
      Was er dort soll und will.

39

Den lichten Ort durchfliegt sein Geist
      Mit zornumwölkten Brau'n,
Selbst auf sein feierliches Grab
      Mag er nicht länger schaun.

9. März – 19. Mai 1926
Paris


Sterne

Oben ist ein billiges Bordell.
Im billigen »Casino«, unten,
Hockt die Schaulust. Es ist dunkel.
Erwartungsvolle Pfiffe gelln.
Manche kichern, andre gähnen …
Sein Stöckchen hebt ein kahler Kopf
Mit angeklebten Unglückssträhnen.
Es öffnet sich ein dunkles Loch,
Und dann – im dichten Tabaksqualm –
Sieht man ein grünes Licht erstrahln.
Im Vordergrund ein roter Frack,
Ein breites Goldzahnmündchen blinkt,
Weil ein Geck mit Chapeau claque
Ein Lied vom Sternenhimmel singt.
Zu diesem Doppelbetttraktätchen
Unterm verschlissnen Himmelszelt
Haben zweifelhafte Mädchen
Sich in Reihen aufgestellt.
Durchs Wolkenparadies der Sphären
(Ein Lächeln hier, und eines da)
Schwebt der Polarstern als Hetäre
Mit einem Fächer, chinois.
Ihm hüpfen eilig hinterher –
Mit mageren und breiten Hüften –
Sieben Sterne: der große Bär;
Es wippen vierzehn nackte Brüste.
Und ebenfalls vollständig nackt,
Mit glitzerndem Brillantenschweif,
Steppt ein Komet im Trommeltakt,
Bis Staunen nach der Menge greift.
Es schauen Schneider und Soldaten
Auf reichverzierten Schwachsinn-pur,
Fettpolster tanzen auf den zarten
Schenkeln des Etoile d'amour.
Die Sterne jagen, zucken, tanzen,
Die Combo dröhnt. Der Goldzahn funkelt.
Strumpfbänder fliegen diamanten
Durch Dunkelheit ins Licht, ins Dunkel.
Und immer in demselben Loche
Verschwinden sie am Horizont, –
Dein Vierter Tag, die Schöpfungswoche,
Blieb nicht von diesem Sumpf verschont.
Die Welt, gleich Dir, neu zu erschaffen,
Gerechter Gott, es ist nicht leicht,
Dass sie der Sterne altes Strahlen
Und ursprüngliche Schönheit zeigt.

23. September 1925, Paris
19. Oktober 1925, Chaville

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Europäische Nacht

Petersburg
Gott lebt! Klug, doch nicht sinnlos …
Es haben die Zartheit des Frühlings …
Der Blinde
Hoch aus den Wolken wird vergoldet
Am Meer
1. Als Aufgusstierchen im …
2. Er hockt herum in Tabakläden
3. Mit den Fischern stach er in See
4. Zerstörerische Langeweile
Berlinisches
Von der berliner Straße
An Mariechen
Über der Straße die Dunkelheit nahte
Nein, ich find' kein Futter heute
Sommerfrisches
Unter Grund
Es ist ganz Stein. Wo sich die Steine …
Erhebe mich zerschlagen aus dem Bette
Die Verwahranstalt
Intrigen der Börse, Aufbruch der Nazis
Sorrentiner Fotografien
Aus dem Tagebuch
Vor dem Spiegel
Fenster zum Hof
Arme Reime
Während der Winter sie unwirtlich plagt
Ballade
John Bottom
Sterne

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Vladislav Chodasevič