![[Ju. Annenkov: Vladislav Chodasevic (1921)]](images/chod1.jpg)
für Nina Petrovskaja
Geliebte, zu dir trat auch ich,
Als Treidler hinter andern Leuten.
Mit frohen Bändern schmückte sich
Der alte Wanderstab aufs Neue.
Wie Gottesnarren sich erfreun,
Schaut ich, wie Purpurdrachen tanzten,
Und küsste dich im Pflaumenhain,
Dort wo geschnitzte Bänke standen.
Der Park war schattig, Lindenbaum,
Ich wusste wohl, was soll's bedeuten,
Du flüstertest: »Ich lieb dich auch«
So rot wie Jungfern alter Zeiten …
Doch Augenblick die Nachtigall
Vermocht den Trug nicht zu vollenden!
Ein schiefes Lächeln auf einmal
Der Marmorpan durch Zweige sendet …
Die Herzen schlugen wieder gleich, dann
War das Flammen schnell verzischt,
Und ich begriff, dass ich ein Leichnam
Und dass du nur mein Grabstein bist.
8. Oktober 1906 8. Januar 1907
»In diesem Palazzo Desdemona wohnte …«
Obwohl es gelogen, schämt man sich zu lachen,
Denn schau nur die herrliche Säulenrotonde
Hier in dem Palaste.
Zum Abend wird stiller die ferne Piazza,
Das Firmament kreist ganz lautlos dort oben,
Mit Sternen bestickt, wie die Mütze Bajazzos.
Vergangnes es fällt wie ein Bub vom Balkone …
Was kommen muss, kommt, da kann man nichts machen …
Vielleicht ist es wahr und Desdemona wohnte
Hier in dem Palaste? …
5. Mai 1914
Meine Zeit zog sich dahin,
Lieblos, kraftlos, ohne Klagen …
Tränen musst' ich mir versagen …
Meine Zeit zog sich dahin.
Von der Stille wie ertaubt,
Hör ich Fledermäuse kreisen,
Rascheln dürrer Spinnenbeine
Wird in meinem Rücken laut.
O welch bitterböser Schmerz
Brachte mich dahin zu schweigen:
Qualen, die mein Herz betäuben
Und ein bitterböser Schmerz!
In Kneipen und am Scheideweg
Stillt ich meinen Hunger wölfisch,
Von den Lippen längst vergellt ist
Gallenbitternis und Dreck.
Bin jetzt mit dir quitt und schweige.
Klaglos ziehen meine Tage.
Tränen muss ich mir versagen …
Bin jetzt mit dir quitt. Ich schweige.
14. Mai 1907
Lidino
Mein lieber Büchner. Du hast wieder
Zwei Bände weggenagt … Na, Klasse!
Schämst du dich nicht, so auszunutzen,
Dass ich die Mausefalle hasse?
Hättst du als Vorbild mich gewählt,
Der ich in Büchern täglich lese!..
Hat denn schon jemand je gesehn,
Dass ich sie nage, wie den Käse?
In Büchern steht, wie Inder leben,
Wie Eskimos den Seehund jagen.
In einer Zeitung stellen Menschen
Einander kluge Lebensfragen:
Wie kommt man nach Amerika;
Geht man zu Fuß, ist schwimmen besser?..
Mit einem Wort, hier nimm den Keks,
Doch, bitte, lass das Bücherfressen.
12., 27. November 1916
Ohne Seife lebt sich's schlecht
Literatur-Veteranen
So hat Brjusov sich verlegt
Zu gehn ad gloriam per anum.
(1920 1921)
Des blinden Herzens Weisheit! Wie dich deuten?
Auf was hälst du die Antwort schon bereit?
Du quälst dich selbst, Gefangene, und weinest:
Doch niemals hat ein Ausweg sich gezeigt.
Erwachsen zwar aus irdischer Erfahrung,
Doch ratlos vor den Tagesfragen meist,
Bist du bereit, zu bleiben in den Qualen,
Wie ein Skorpion, gebannt im Feuerkreis.
21. Mai 1921
Petrograd
Hören mag ich euch nicht mehr,
Rückt mir nicht mehr auf die Pelle.
Wolfsgleich leg ich mich auf Schnee!
's Rückenfell hoch aufgestellt!
Die weißen Hauer gefletscht,
Zum Himmel empor loszuheulen
Und diese Zunge gleich jetzt
Glatt mit dem Zahn zu durchteilen …
Übrigens sagten sie dann,
Er kann nicht mehr schreiben, voll Freude,
All diese Herrschaften da:
Kritiker, Damen und Freunde.
7. November 1921
Petrograd
Ganz sinnlos ist das Gras gewachsen
Hier, wo die Erdenhölle graut:
Natur ist karg und nicht gewachsen
Dem Seherblick, der sie durchschaut.
Ich kenne nicht des Herren Größe,
Doch kenn ich meine Qual genau
Und mit dem Wahn des Sängers treff ich
Die Entscheidung hart und rau.
Schau, Mönch des Schweigens, fäll dein Urteil:
Getötet liegt die Schülerin,
Sie schaut, berühr' die Brust ich, heil
Zum Spiegel auferstanden hin.
Die Schönheit, die ich auferweckte,
Nehm ich wie eine süße Last;
Zu Deinem Thron, die lange Strecke,
Trag ich die junge Braut gelassen.
Nun senke die erhobnen Brauen
Und schau auf dieses reine Werk,
Schenk Liebe uns, die nichts bedauert,
Verbundenheit, die ewig währt!
Empfange ich aus deinen Höhen
Für dieses Wunder keinen Segen
Dann geht die Liebste jetzt entgegen
Dem Tod ganz ohne Auferstehung.
13. 16. April 1922
Petrograd
In diesen Fragmenten sind wir zwei Helden
Einander völlig unbekannt.
Doch trotzdem gibt es was zu melden,
Was zwischen ihm und mir bestand.
Und Leser, verzeih mir im Voraus, hör zu:
Begegnen wir uns zu müßiger Stunde,
Dann scheint mir doch dass in dem Bunde
Der Dritte fehlt und das bist du.
10. Dezember 1922
Saarow
Ich möchte nicht im Kneipenkampf
Getötet werden und trotz allem
Auch nicht für meine Heimat fallen,
Nur um berühmt zu sein als Mann.
28. Juli 1924
Paris
Der Säugling schlief, solang das Grammophon
Die ganze Zeit die »Traviata« sang.
Bei Kratz und Kreisch, welch träumerischer Ton
Sein kleines Hirn so scharf durchdrang?
Und plötzlich hob die Mutter die Membran
Der Traum riss ab, das Kind erwachte,
Es schreit. Aus einer dunklen Ecke kam
Totale Stille gar nicht sachte …
Erschüttre unsre Seele nicht
Durch Deine Stille, so bedrohlich!
Wir bitten Deinen Traum nicht unterbrich
Für eine ewge Nacht mit Sternen droben.
6. Dezember 1927
Paris
Ich hab für euch kein Wort mehr über,
Im Herzen keinen Klang,
Visionen, die schon längst vorüber,
Ihr Freunde aus Zeiten, die längst vergangen!
Vielleicht bin ich gestorben und
Geworfen in die neue Zeit,
Doch jener, der mit euch verbunden,
Schwamm mit den Wellen in die Weite,
Und ich, der auf die Steine schlug,
Bin blutig, doch am Leben,
Ich sehe aus der Ferne gut,
Wie ihr langsam verebbt.
14. Dezember 1927
Paris
In mir ist Ende und Beginn.
Gar wenig legt' ich vor euch hin.
Bin nur ein weitres Kettenglied:
Dies Glück das Schicksal mir beschied.
Im neuen Russland, groß und wichtig,
Stellt man mein Standbild, zweigesichtig,
Auf eine Kreuzung zweier Wege,
Wo Zeit und Wind und Sände fegen …
28. Januar 1928
Sonett
Sarg
Weich
Barg
Leich
Arg
Bleich.
War
Reich,
Lang
Krank,
Dann
Stank.
Graus
Aus!
9. März 1928
Paris
Halb vergessen war die Freude
Nachts ein Besäufnis abzuhalten:
Du schluckst und brauchst nichts weiter heute,
Du schluckst und willst gleich noch einmal.
Das Leben vorm verschwommnen Blicke
Hat sich genauso tief entblößt,
Wie dieser weiblich zarte Rücken,
Der sich neben dich gesetzt.
Ich seh die feinen Gliederstücke,
Die vom Rückgrat stammen, und
Stürz mich darauf für Augenblicke
Und Puder staubt um meinen Mund.
Die leichte Schöpfung, wie sie lächelt;
Doch mich diese Verbindung freut:
Des Wissens, das untröstlich röchelt,
Mit dem Glück, dass man nichts weiß.
25. März 18. Oktober 1928
Paris
Wenn man auf schwarzen Stangen mich
Schleppt vor das göttliche Gericht,
Sind niedre Herzen sehr erregt
Von dem, was mein Gesicht erweckt.
Wo heimlich sie begeistert sind,
Es gleichfalls neid'schen Schrecken bringt.
Abseits der Prozession, ganz heimlich,
Will keiner eine Leiche scheinen,
Und vor den großen Fensterscheiben
Ist es auch ziemlich unwahrscheinlich
Dass jemand seinen Mund dort schließt
Und leis die Nase niederdrückt,
Mit halb geschlossnen Augen prüft,
Wie sich das andre nicht mehr lüpft.
Dochs helle (nächtliche?) Gefieder
Geht auf den Sonderling nicht nieder.
Er zeigt nur wangenrote Blöße,
Nicht meinen Schrecken, meine Größe:
Nicht diesen Schatten, der da ruht,
Und kündend meine Blässe tupft.
Auchs rücksichtlose Feuer nicht,
Das mich beleckt und mich bekriecht.
Denn meine letzten Eigenschaften,
Ich keinem andren je vermachte …
Ihr äfft nicht nach den Leichnam hier,
Wie ihr den Dichter imitiert.
10. 11. Mai 1928
Paris