[W. Burljuk: Welimir Chlebnikow (1913)]

Velimir Chlebnikov (1885 – 1922)

* * *

Völker, Menschen und die Jahre
Müssen fliehen immerdar,
Wie das Wasser, ständig fließen.
Schwankend spiegelt die Natur
Sterne: Netze für uns Fische,
Götter: Schattengeister nur.

1916

* * *

Die Freiheit kommt ganz unbekleidet,
Und wirft dem Herzen Blumen zu,
Wir schreiten mit ihr Seit an Seite
Mit Himmlischem auf du und du.
Wir, Krieger, schlagen mutig drein
Auf raue Schilde mit der Hand:
Lasst das Volk nun Herrscher sein
Auf immer und ewig, in Stadt und Land!
Im Kriegsgesang der alten Manen
Auch Mädchenstimmen tönen soll'n,
Vom nur der SONNE untertanen,
Selbst sich frei bestimmenden Volk.

19. April 1917

Tod eines Pferds

Und auch
Beim Verkauf
Von Pferdefleisch
Heißt's »Auge um Auge«
Und gibt es den Glauben an künftige Rettung.
Wir werden gröber
Und stillere Gräber.
Wo in den Ringen der Deichsel ich singe,
Fiel ich zu Boden auf schlagenden Hintern,
Auf Pferdeschinken,
Ich bin das weiße Ross der Städte
Mit hellem zernixenden Blick
Absehenden Auges
Dunkelnden Blaues
In schwarzem Gedeichsel und Anschirrgerät,
Zerschlage ich
Wie strömender Schnee.
So poltere ich
Verbrechen versprechend.
Clowns holpern vorbei
Tut-tut und tut-tut,
Doch poltere ich
Verbrechen versprechend.
Die Stadt aber zog zu jeglicher nächtlichen Sonne
Durch Übel und Hohn
Und auf die Frage: schon?

1918 – 19


* * *

Dumpf beteten Läuse mich an,
Jeden Morgen die Kleidung bekriechend;
Jeden Morgen hielt ich Gericht,
Lauschte wie leise knackten die Panzer;
Doch strömten sie wieder in ruhiger Brandung.
Mein göttergleiches weißes Hirn
Habe ich, Russland, dir übergeben:
Sei mein, geh Chlebnikowege.
Dem Volksverstand schlug ich Stämme ein, Achsen,
Und baute das Pfahlhaus
»Die Zukünftler: wir«.
Alles das tat ich als Bettler und Dieb,
Allüberall von den Menschen verdammt.

1920 – 1921


Mit den Läusen, die über das Lyrische Ich herfallen, sind wohl
weißgardistische Truppen gemeint, da das Gedicht im Kontext des
Bürgerkriegs zwischen Kommunisten und Weißgardisten steht,
an dem auch ausländische Truppen beteiligt waren.
Zukünftler: russ.: budetljane, Chlebnikovs Lehnwort für die
Futuristen, als deren Vorbild und zeitweiliger Anführer er in die
Literaturgeschichte eingegangen ist.
(E. B.)

Absage

Der Blick auf die Sterne
Ist mir weitaus angenehmer,
Als die Unterzeichnung
Eines Todesurteils.
Es ist mir weitaus angenehmer,
Den Stimmen der Blumen zu lauschen,
Die flüstern: »Das ist er!« –
Mit gesenktem Köpfchen,
Wenn ich durch den Garten gehe,
Als die dunklen Waffen der Wache
Zu betrachten, die jene erschießen,
Die mich ermorden wollen.
Deshalb werde ich niemals,
Nein, niemals ein Herrscher sein!

Januar, April 1922

* * *

Heiliger Gottes!
Starez, grau ist dein Bart!
Sag, wer du bist?
Bist du ein Mensch,
Oder ein Teufel?
Und wie – lautet dein Name?
Und die Hügel antworteten:
Bist du ein Mensch,
Oder ein Teufel?
Und wie – lautet dein Name?
Er schwieg.
Er trug nur ein weißes Buch
Vor sich her
Und spiegelte sich im blauen Wasser wider.
Und auf dem Buch stand eine alte Glagoliza geschrieben,
Und der Wind, der den Bart zauste,
Störte beim Gehen
Und störte beim Tragen.
Und im Buch stand geschrieben:
»Fürchte drei Beine beim Pferd,
Fürchte drei Beine beim Menschen!«
Starez Gottes!
Warum gehst du?
Und die Hügel antworteten:
Warum gehst du?
Und von wem stammst du ab,
Und woher bist du gekommen?
Ich komme von dort, wo zweie den Hakenpflug ziehn,
Und der dritte die Erde pflügt.
Nur drei Bauern im schwarzen Feld
Und die Rabenfinsternis!
Da ist der Hirte mit der Peitsche,
In deren Knoten sich Teufelchen
Vor dem Regen verbergen.
Sie werden ihm helfen, die Kühe zu treiben.

Mai – Juni 1922



Starez: wörtlich der Alte, gemeint sind aber Männer von
unterschiedlicher theologischer Bildung, die als Prediger durch
die Lande zogen oder in den Klöstern als Novizenerzieher tätig waren.
Sie wurden im Volk als Ratgeber in geistlichen wie auch weltlichen
Angelegenheiten sehr geschätzt.
Glagoliza: eine altrussische Schrift, die im Mittelalter noch
benutzt wurde, seit der Neuzeit aber keine Verwendung mehr fand. Der
Legende nach wurde sie von den Slawenaposteln Kiril und Metod
erfunden, so dass sie eine hohe geistliche Ausstrahlung besitzt.
Ihre wirkliche Herkunft ist aber nicht geklärt.
Fürchte drei Beine beim Menschen: Nach der griechischen Ödipus-Sage
handelt es sich um einen Teil des Rätsels der Sphinx. Der dreibeinige
Mensch ist hiernach der alte Mensch, der am Stock geht. Der Starez
warnt ironischerweise also vor sich selbst!
(E. B.)

* * *

Ich ging als junger Mann allein
In eine dumpfe Nacht,
Bis zur Erde war ich bedeckt
Mit der Tracht prächtiger Haare.
Ringsum stand die Nacht
Und es war so einsam,
Es wünschte sich Freunde,
Es wünschte sich selbst.
Die Haare entzündete ich
Legte den Fetzen, die Ringe ab
Und entzündete alles ringsum.
In Dörfern, auf Feldern legte ich Feuer –
Und es wurde fröhlicher.
Chlebnikovs Feld lohte grell,
Und das feurige Ich lohte in der Finsternis.
Jetzt gehe ich fort,
Mit entzündeten Haaren,
Und, anstelle von Ich,
Stand es – Wir!
Gehe nun, Nansen, du rauer Waräger,
Geschultert die Ehre
und das Gesetz.

Anfang 1922


* * *

Noch einmal, noch einmal
Bin ich euch
Ein Stern.
Leid kommt über den Seemann, der
Im falschen Winkel sein Schiff
Zu den Sternen stellt:
Er zerschellt an Felsen,
An Sandbänken unter dem Wasser.

Leid komme auch über euch, die ihr
Im falschen Winkel das Herz zu mir stelltet:
Ihr zerschellt an Felsen
Und die Felsen werden lästern
Über euch,
So wie ihr gelästert habt
Über mich.

1922

* * *

Годы, люди и народы
Убегают навсегда,
Как текучая вода.
В гибком зеркале природы
Звезды – невод, рыбы – мы,
Боги – призраки у тьмы.

1916?

* * *

Свобода приходит нагая,
Бросая на сердце цветы,
И мы, с нею в ногу шагая,
Беседуем с небом на ты.
Мы, воины, строго ударим
Рукой по суровым щитам:
Да будет народ государем
Всегда, навсегда, здесь и там!
Пусть девы споют у оконца,
Меж песен о древнем походе,
О верноподданном Солнца –
Самодержавном народе.

12 апреля 1917

Смерть коня

И даже
В продаже
Конского мяса
Есть «око за око»
И вера в пришедшего спаса.
Грубеем
И тихо гробеем.
Где в кольцах оглобли говею,
Падая наземь бьющимся задом,
Кониной,
Я – белый конь городов
С светлым русалочным взглядом,
Невидящим глазом
Синий,
В черной оглобле и сбруе,
Как снежные струи,
Я бьюсь.
Так упаду
Убитым обетом.
Паяцы промчатся
Ду-ду и ду-ду,
А я упаду
Убитым обетом.
А город, он каждому солнцу ночному
Протянул по язве
И по вопросу. разве?

1918 – 1919


* * *

Вши тупо молилися мне,
Каждое утро ползли по одежде,
Каждое утро я казнил их,
Слушая трески,
Но они появились вновь спокойным прибоем.
Мой белый божественный мозг
Я отдал, Россия, тебе:
Будь мною, будь Хлебниковым.
Сваи вбивал в ум народа и оси,
Сделал я свайную хату
«Мы будетляне».
Все это делал как нищий,
Как вор, всюду проклятый людьми.

1921 – 1922

Отказ

Мне гораздо приятнее
Смотреть на звезды,
Чем подписывать
Смертный приговор.
Мне гораздо приятнее
Слушать голоса цветов,
Шепчущих: «Это он!» —
Склоняя головку,
Когда я прохожу по саду,
Чем видеть темные ружья
Стражи, убивающей
Тех, кто хочет
Меня убить.
Вот почему я никогда,
Нет, никогда не буду Правителем!

Январь, апрель 1922


* * *

Сватче божий!
Старец, бородой сед!
Ты скажи, кто ты?
Человек ли еси,
Ли бес?
И что – имя тебе?
И холмы отвечали:
Человек ли еси,
Ли бес?
И что – имя тебе?
Молчал.
Только нес он белую книгу
Перед собой
И отражался в синей воде.
И стояла на ней глаголица старая,
И ветер, волнуя бороду,
Мешал идти
И несть книгу.
А стояло в ней:
«Бойтесь трех ног у коня,
Бойтесь трех ног у людей!»
Старче божий!
Зачем идешь?
И холмы отвечали:
Зачем идешь?
И какого ты роду-племени,
И откуда – ты?
Я оттуда, где двое тянут соху,
А третий сохою пашет.
Только три мужика в черном поле
Да тьма воронов!
Вот пастух с бичом,
В узлах чертики
От дождя спрятались.
Загонять коров помогать они будут.

Май – июнь 1922

* * *

Я вышел юношей один
В глухую ночь,
Покрытый до земли
Тугими волосами.
Кругом стояла ночь,
И было одиноко,
Хотелося друзей,
Хотелося себя.
Я волосы зажег,
Бросался лоскутами, кольцами
И зажигал кр<угом> себя <нрзв>,
Зажег поля, деревья –
И стало веселей.
Горело Хлебникова поле,
И огненное Я пылало в темноте.
Теперь я ухожу.
Зажегши волосами,
И вместо Я
Стояло – Мы!
Иди, варяг суровый Нансен,
Неси закон и честь.

Начало 1922?


* * *

Еще раз, еще раз,
Я для вас
Звезда.
Горе моряку, взявшему
Неверный угол своей ладьи
И звезды:
Он разобется о камни,
О подводные мели.
Горе и вам, взявшим
Неверный угол сердца ко мне:
Вы разобьетесь о камни
И камни будут надсмехаться
Над вами,
Как вы надсмехались
Надо мной.

1922

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Völker, Menschen und die Jahre
Годы, люди и народы
 
Die Freiheit kommt ganz unbekleidet
Свобода приходит нагая
 
Tod eines Pferds
Смерть коня
 
Dumpf beteten Läuse mich an
Вши тупо молилися мне
 
Absage
Отказ
 
Heiliger Gottes!
Сватче божий!
 
Ich ging als junger Mann allein
Я вышел юношей один
 
Noch einmal, noch einmal
Еще раз, еще раз

>>Chlebnikov – Teil 1

Velimir Chlebnikov (2)