Zeitungsausschnitte
Neues Deutschland 08./09. Mai 1997
Dynamische Schwellenwert-Modelle in der
Sozialforschung: Moralisten und Hedonisten, die DDR und das Chaos
Schabowski war der Schmetterling
Von Martin Koch
Große soziale Umwälzungen gehen mitunter von scheinbar
singulären Ereignissen aus. Wir erinnern uns: Als SED-Politbüromitglied Günter
Schabowski am 9. November 1989 vor die Presse trat, verfolgte er im Grunde nur die
Absicht, das Prestige der neuen SED-Führung zu heben. Die hatte entschieden, wie
Schabowski den Reportern voreilig mitteilte, ständige Ausreisen fortan über alle
DDR-Grenzübergangsstellen zu gestatten. Doch dann wollte ein Journalist wissen, ab wann
das gelte. Schabowski irritiert: "Wenn ich richtig informiert bin, nach meiner
Kenntnis, unverzüglich."
Keiner konnte damals ahnen, daß viele Menschen vor dem Bildschirm mißverständlich
annehmen würden, die SED hätte sich entschlossen, jeden DDR-Bürger sofort in die
Bundesrepublik und wieder zurück reisen zu lassen. Der folgende Ansturm auf die
Grenzübergangsstellen in Ostberlin und anderswo führte noch am selben Abend zur Öffnung
der Mauer und wenig später zum Untergang der DDR. Eine offenbar unterschätzte Maßnahme
gab dem Prozeß der demokratischen Erneuerung in der DDR schlagartig eine neue Richtung.
Seither streiten sich die Forscher, ob die "Wende" überhaupt als Revolution
angesehen werden darf. Ja wird sagen müssen, wer unter "Revolution" eine
grundlegende Änderung der politischen und wirtschaftlichen Ordnung versteht, ungeachtet
der Tatsache, daß im Herbst ´89 vieles aus dem Rahmen der gängigen sozialtheoretischen
Erklärungsmuster fiel. Vor allem überraschte die Friedfertigkeit des Geschehens. (Im
Gegensatz etwa zu Lenin 1920: "Große Fragen werden im Leben der Völker nur durch
Gewalt entschieden.") Die Wende verlief nicht im Zeichen ferner Geschichtsziele, ja
fast ohne "Philosophische" Vorbereitung. Man stülpte der Bewegung kein
ideologisches Dogma über und verzichtete auf die führende Rolle irgendeiner Gruppierung.
Ob und wiefern die Strukturen einer Gesellschaft instabil geworden sind, zeigt sich erst im Ergebnis ihrer versuchten Veränderung. Aus diesem Grund ist für soziale Umwälzungen das Handeln einer Avantgarde unverzichtbar. Denn in der Art und Weise, wie der Staat darauf reagieren vermag, offenbart er zugleich die Stabilität seiner Macht.
Trotzdem entstand eine Massenbewegung, die sich mit ungeheurer Dynamik selbst
organisierte. Um ihren Verlauf zu rekonstruieren, liegt es nahe, auf das
Schwellenwert-Modell der US-amerikanischen Soziologen Mark Granovetter und Roland Soong
zurückzugreifen, das kollektive soziale Phänomene an spontane individuelle Handlungen
knüpft. Es geht von der (im Grunde selbstverständlichen) Voraussetzung aus, daß ein
Mensch in jeder Gesellschaft zwei Handlungsalternativen besitzt: sich entweder den
herrschenden Zuständen anzupassen oder dagegen aufzubegehren. Vor dieser Entscheidung
standen im Herbst 089 auch viele Leipziger: Bleibe ich zu Hause in Sicherheit oder gehe
ich auf die Straße und riskiere verhaftet zu werden? Den eines war klar: Kam eine
Veränderung zustande, dann profitierten davon am Ende auch die Zauderer, und wenn nicht,
waren nur die anderen von Sanktionen betroffen. Nicht umsonst wird diese Situation in der
Soziologie als Schmarotzer-Dilemma bezeichnet.
Bekanntlich nahmen am 4. September 1989 nur etwa 1000 Menschen an der Montagsdemonstration
teil. Am 25. September war ihre Zahl erst auf 5000 gestiegen. Am 9. Oktober trauten sich
immerhin 70000 auf die Straße, am 16. Oktober waren es schon 11000, am 30. Oktober gar
450000 Teilnehmer. Alle Demonstrationen, die vor dem 9. Oktober stattfanden, wurden von
der Polizei aufgelöst, wobei es öfter zu "Zuführungen" und Schlägen kam.
Selbst angesichts des rapiden Machtverfalls griff die SED-Führung nicht zu militärischen
Mitteln, über die, was gerne vergessen wird, allein sie verfügte. Die Entscheidung, ob
die Wende in einem Blutbad enden würde oder nicht, lag letztlich in ihren Händen.
Nach der Demonstration vom 9. Oktober, die erstmals nicht aufgelöst wurde, überwanden
immer mehr Menschen ihre Furcht und schlossen sich den nachfolgenden Protesten an. Hinfort
wurde der revolutionäre Prozeß von einer sich selbst verstärkenden Dynamik getragen.
Das heißt: Je größer die Anzahl der Teilnehmer wurde, desto mehr sanken die
Hemmschwellen der anderen, ebenfalls zu demonstrieren. Außerdem bestanden in der Masse
geringere Gefahren für den Einzelnen, zur Zielscheibe von Repressionen zu werden -
während zugleich die Chancen stiegen, einen grundlegenden Wandel herbeizuführen.
Daß ausgerechnet Leipzig zur Wiege der Proteste wurde, ist nach Auffassung des Hamburger
Soziologen Karl-Dieter Opp neben gravierenden sozial-ökologischen Problemen auch den
örtlichen Gegebenheiten geschuldet. Leipzig besitzt einen zentralen innerstädtischen
Platz, den früheren Karl-Marx-Platz, auf den sich die Montagsdemonstranten jede Woche
nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche zubewegten. Und was dort geschah, erfuhren die
daheimgebliebenen sofort aus den Westmedien, so daß eine zentrale, geplante Koordinierung
der Proteste am Anfang gar nicht nötig war. Die Proteste selber wurden, so der Mannheimer
Soziologe Hartmut Esser, von zwei Gruppen getragen. Die Mitglieder der ersten Gruppe (sie
seien kurz "Moralisten" genannt) waren auf eine Veränderung der politischen
Zustände aus, ohne sogleich die DDR abschaffen zu wollen. Ihre Mitglieder besaßen
dementsprechend niedrige Hemmschwellen für Protest, im Gegensatz zu den Personen der
zweiten Gruppe (den "Hedonisten"), die später hinzukamen und neben materiellen
Verbesserungen die rasche Wiedervereinigung wollten.
Deutlich sichtbar kam es nach dem 9. November zu einem Knick in der bis dahin ansteigenden
Kurve der Teilnehmerzahlen: von 450000 am 6. November auf 175000 am 13. November. Die
Vermutung liegt nahe, daß die meisten "Moralisten" ihre Ziele als
grundsätzlich erreicht ansahen und auf eine weitere, innere Demokratisierung setzten. Im
Gegensatz dazu forcierten die "Hedonisten" den Einheitskurs und führten die
Demonstrationen mit dem Ziel fort, die Dominanz des bundesdeutschen Fremdeinflusses zu
sichern.
Warum bleibt zu fragen, kam es erst im Herbst ´89 zu dieser Entwicklung? Denn die meisten
DDR-Bürger waren schon lange zuvor mit wirtschaftlichen Zuständen und politischer
Bevormundung unzufrieden. Ein interessanter Hinweis findet sich bei dem Historiker Alexis
de Tocqueville, der 1856 die Vorgeschichte der Französischen Revolution studierte: "
... es ist nicht immer so, daß Revolutionen ausbrechen, wenn die Dinge sich
verschlechtern. Im Gegenteil, es geschieht häufiger, daß ein Volk, welches lange Zeit
ein Unterdrückungsregime widerspruchslos ertragen hat, sich gegen dieses erhebt, wenn es
spürt, daß die Regierung ihren Griff lockert."
Rasch kann in Situationen, in denen das Regime gegen seine eigene Legitimation verstößt
, der repressive Apparat an Handlungsfähigkeit einbüßen. Anders gesagt: Wer ein
diktatorisches System nur "ein bißchen" reformieren will, läuft Gefahr, es
gänzlich zu zerstören.
Letzten Endes aber hängt der Erfolg einer Revolution vom Instabilitätsgrad der
politischen uns sozialen Strukturen ab. Und darin liegt das eigentliche Problem: Man kann
"soziale Instabilität" nämlich weder messen noch anderweitig "von
außen" bestimmen. Ob und inwiefern die Strukturen einer Gesellschaft instabil
geworden sind, zeigt sich erst im Ergebnis ihrer versuchten Veränderung. Aus diesem Grund
ist das entschlossene und risikoreiche Handeln einer Avantgarde für soziale Umwälzungen
unverzichtbar. Denn in der Art und Weise, wie der Staat darauf zu reagieren vermag,
offenbart er zugleich die Stabilität seiner Macht.
In instabilen Systemzuständen genügt ein geringer Impuls, um große Veränderungen auszulösen. Auch in Sozialsystemen entstehen solche "Schmetterlingseffekte". Sie basieren auf der Bereitschaft großer Menschengruppen, vorhandene soziale Energien für eine zufällig entstandene singuläre Orientierung zu mobilisieren.
Stabile diktatorische Herrschaftsformen gründen sich im Regelfall auf eine strenge
Kontrolle der Information. Ein geschickter Herrscher, wußte schon der schottische
Philosoph David Hume, unterläßt alles, wodurch "seine Feinde sicheren Aufschluß
über ihre Anzahl und Stärke gewinnen könnten, und gib ihnen keine Gelegenheit sich
gegen ihn zu organisieren".
Lange besaß die SED-Führung einen relativ großen Spielraum, repressive Maßnahmen gegen
einzelne Protestgruppen anzuwenden. Solange Moskau im Rahmen der Breshnew-Doktrin
garantierte, jede instabile politische Situation notfalls mit Brachialgewalt zu
bereinigen, mußte sich die SED keine ernsthaften Sorgen um einen etwaigen Machtverlust
machen. Diese Gefahr wurde erst akut, als Michail Gorbatschow schrittweise von der Politik
seiner Vorgänger abrückte. Jetzt gewannen die Oppositionsgruppen, die bis dahin eher
überschätzte Gefahr für das System darstellten, an realem Einfluß. Je stärker der
Informationsfluß zwischen ihnen und der Bevölkerung wurde, desto mehr entglitt dem Staat
das Informationsmonopol. Mit dem Resultat, daß immer mehr Menschen die drängenden
sozialen Probleme als solche empfanden und die Chancen auf die Herausbildung einer breiten
Volksbewegung stiegen.
Normalerweise ist eine Gesellschaft in hierarchisch organisierte Menschengruppen
unterteilt. Deshalb werden jene Gruppen, die an der Veränderung sozialer Mißstände am
meisten interessiert sind, auch zuerst handeln. Doch nur dann, wenn andere Gruppen sich
ihnen anschließen, haben ihre Bestrebungen Aussicht auf Erfolg. So war es auch im Herbst
´98: Allwöchentlich zeigten die Leipziger Montagsdemonstrationen den noch zögerlichen
DDR-Bürgern an, ob und wieweit die angelaufene Protestwelle an Kraft gewonnen hatte. Was
in Leipzig vieltausendfach verkündet wurde, breitete sich lawinenartig über das ganze
Land aus und führte dazu, die politischen Strukturen zwischen Sonneberg und Saßnitz
weiter zu destabilisieren. Damit einher ging ein rapider Abfall der individuellen
Protest-Schwellen selbst bei Leuten, die ansonsten nur hinter der Gardine
"protestiert" hätten. (Was ohnehin noch genug taten.)
Im November ´89 hatte die Destabilisierung der Verhältnisse ihren Höhepunkt erreicht.
Die DDR war in einen gleichsam "kollektiven Erregungszustand" geraten, der auf
rasche Entladung zielte. Was noch fehlte, um die angestauten sozialen Energie zu
entfesseln, war ein Zündfunke. Ein Zündfunke allerdings, der die Erwartungen und
Sehnsüchte der Menschen in sich bündelte. In der Naturforschung wird ein vergleichbares
Systemverhalten als Chaos bezeichnet und durch den berühmten
"Schmetterlingseffekt" illustriert. Der besagt nichts weiter, als daß in
instabilen Systemzuständen bereits ein vergleichsweise geringer Impuls ausreicht (im
übertragenen Sinn eben ein Schmetterling!), um große, unvorhersehbare Veränderungen
auszulösen.
Instabile entstehen natürlich auch in Sozialsystemen und damit
"Schmetterlingseffekte", die nachhaltig deren Entwicklung beeinflussen. Sie
basieren auf der Bereitschaft großer Menschengruppen, die vorhandenen sozialen Energien
für eine zufällig entstandene singuläre Orientierung zu mobilisieren. Daß im Herbst
´89 ausgerechnet der bullige Günter Schabowski zum "Schmetterling" des
DDR-Chaos wurde, ist mit Blick auf das hochsensible Mauerproblem im nachhinein
verständlich. Die von ihm ungewollt ausgelöste Bewegung besaß darüber hinaus gute
Chancen, einen echten sozialen Neubeginn zu initiieren. Nur leider klappte das vom Chaos
aufgestoßene "historische Fenster" viel zu rasch wieder zu. Kaum angelaufen,
viel die politische Selbstorganisation Ostdeutschlands der Fremdorganisation der
Vereinigung zum Opfer. Damit verbunden: ein Verlust der basisdemokratischen Impulse der
Wende, die für eine Fremdorganisation nicht taugten. Die Wahlen vom 18. März 1990 trugen
ebenso wie die Währungsunion dazu bei, die neuen (von außen aufgeprägten) politischen
und ökonomischen Strukturen zu stabilisieren, so daß es binnen weniger Monate möglich
wurde, das lebendige demokratische Chaos des Herbstes 1989 in die festgefügte
parlamentarische Ordnung des 3. Oktober 1990 zu überführen.