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Die Götter treffen sich
zum täglichen Rat auch beim Weltenbaum, der Esche Yggdrasill.
Er ist der größte und beste aller Bäume, breitet seine Äste
über alle Welten aus und schützt Midgard. Seine Krone stützt
den Himmel. Der Lebensbaum steht immergrün; verdorrt ein Zweig,
sprießen am nächsten Tag neue Blätter. Drei starke Wurzeln
greifen weit aus und halten Yggdrasill aufrecht. Die erste
Wurzel reicht zu den Göttern und Menschen, die zweite zu den
Riesen, die dritte nach Nifelheim. Unter jeder Wurzel entspringt
ein Quell.
Wie alle Stätten, wo Rat gehalten wird, ist auch diese bei der
Weltenesche unverletzlich, also heilig. Die Götter reiten zu
ihr über die Asenbrücke Bifröst. Nur Thor geht zu Fuß und
durchwatet zahlreiche Flüsse.
Auf der Spitze des Weltenbaumes wacht ein Hahn, er glänzt von
Gold und leuchtet in der Sonne. In den Zweigen der Esche sitzt
ein weiser Adler und hält Ausschau nach möglichen Feinden.
Zwischen den Augen des Adlers sitzt ein Habicht und macht das
Wetter. Der Habicht heißt Der im Sturm Zerzauste.
Vier Hirsche laufen außen um die Esche, fressen mit zurückgebogenen
Hälsen Blätter und beißen frische Knospen ab. Aber je emsiger
in der Frühzeit die Tiere weideten, desto mehr Zweige trieb
Yggdrasill. Kein kahler Ast stach aus dem dichten Laubwerk.
Unter der Eschenwurzel, die über Niflheim leigt, hausen mehr
Schlangen, als eine Zunge zählen kann, und knabbern an den
Wurzeln von Yggdrasill. Einige Schlangen heißen Höhlenwölfin,
Graurücken, Aufhetzerin. Inmitten dieser Ottern liegt der
Drache Nidhögg, der grimmig Hackende, und zerbeißt
Pfahlwurzeln. Die Untiere nagen und mühen sich, den Stamm zu
lockern, doch Yggdrasill senkt neue Wurzeln in die Erde. In der
Frühzeit galt den Asen der Baum unfällbar, obwohl oben an den
Zweigen Hirsche fraßen, die Seiten des Baumes faulten und unten
Nidhögg nagte.
Zwischen dem Drachen Nidhögg und dem Adler eilt das Eichhörnchen
Ratatosk, was Nagezahn heißt am Stamm der Weltenesche auf und
nieder. Es ist flink, neugierig und geschwätzig. Das Eichhörnchen
tuschelt mit dem Adler über den Drachen und mit dem Drachen über
den Adler, es flüstert, damit Worte mißverstanden werden.
Nagezahn verrät dem Adler die Schmähungen von Nidhögg und
jenem die Vorwürfe des Adlers. So entsteht Streit zwischen dem
Adler als Vertrautem der Götter und dem Drachen, bis daraus
Feindschaft erwächst.
Unter der Wurzel bei Niflheim, wo Nidhögg und die Schlangen
nagen, liegt Hvergelmir, der brausende Kessel. Bei der Wurzel,
die zu den Frostriesen führt, befindet sich der Brunnen des
Mimir. Dieser Mann ist voller Weisheit; in dem Brunnen den er
hegte, liegen Verstand und Scharfsinn. Und so lange er den
Brunnen behütete, trank er von dem Wasser täglich mit dem
Gjallarhorn, das er für Heimdall verwahrte. DerWwächter von
Asgard würde dieses lauttönende Horn erst vom Brunnen holen
und darauf blasen, wenn für die Welten Gefahr drohe.
Unter jener Wurzel der Weltenesche, die zu den Menschen reicht,
liegt der Brunnen der Norne Urd. In einem prächtigen Saal
wohnen hier drei Nornen, die Schicksalsfrauen. Täglich schöpfen
sie Wasser aus dem Brunne und besprengen die Esche, damit die
Zweige nicht vertrocknen. Und mit dem Lehm im Wasser düngen sie
Yggdrasill. Das Wasser ist so heilig, daß alle Dinge, die damit
benetzt werden, sich weiß färben wie die innere Eihaut. Tau fällt
von der Esche und feuchtet die Erde. Er heißt Honigtau, weil
sich davon die Bienen ernähren. Auch zwei Schwäne, die im
Urd-Brunnen leben, trinken davon. Von beiden stammt das ganze
Geschlecht der Schwäne.
Die Nornen messen allen Wesen ihr Schicksal zu; das tut die
Norne Urd für die Vergangenheit, die Norne Verdandi für die
Gegenwart und die Norne Skuld für die Zukunft.
Es gibt auch andere Nornen, sie weben ebenfalls am künftigen
Geschick. Einige Nornen stammen von den Asen ab, andere von den
Lichtalfen oder von den Zwergen. Es heißt, Nornen aus gutem
Geschlecht teilen Gutes mit, solche von böser Herkunft verhängen
Unheil. Manchen Menschen werden Wohlleben und Macht beschert,
andere bekommen weder Vorteil noch Ruhm: der Lebensfaden wird
verschieden lang gesponnen. Jeder Mensch, wird erzählt, habe
von Geburt an eine Norne, sie begleite ihn sein Leben. Einigen
Nornen wird Hilfe bei der Geburt zugesprochen.
Auch die Götter greifen in das Schicksal der Menschen ein; aber
den Asen bliebe ihr eigenes verborgen, behaupteten die Nornen
und verkündeten: Wir weben die Zukunft der Götter, nur wir
kennen ihr Schicksal; einst wird der Weltenbaum verdorren, und
von Muspellsheim, der heißen Gegend im Süden, kommt deren Anführer,
der Feuerriese Surt; und brennt mit seinem Flammenschwert alle
Welten nieder, Yggdrasill wird lodernd zusammenstürzen.
Balder und Höd lachten über diese Prophezeiung.
Thor vertraute seiner Kraft und der Macht und der Weisheit der Götter.
Heimdall spähte nach Weltfeinden.
Odin stieg von Ahnungen getrieben auf Hlidskjalf.
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