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Der Vater der Asen beobachtet von seinem
Hochsitz oft das Reich der Vanen. Im goldenen Zeitalter
besuchten sich die Angesehensten der beiden Göttergeschlechter
häufig in ihren Wohnstätten. Die Vanen meiden Streit, halten
sich nicht für klüger als andere und sind wegen ihrer Fröhlichkeit
bei den Asen beliebt. Viele Vanen sind der Sinnesfreude zugetan.
Der bedeutenste Vane ist Frey. Die Menschen rufen ihn nicht nur
an, weil er Frieden und Wohlstand, sondern auch reiche Ernte gewährt.
Einmal weilten Frey und sein Vater Njörd in der Halle Odins.
Als der Vater der Asen nach reichlich Wein eine Rede in Versen
hielt, schlich sich der junge Frey aus der Halle und stieg auf
Hlidskjalf, was verboten war. Ihn trieb Neugier. Von Hlidskjalf
schaute Frey, wie sonst nur der Göttervater, über alle Welten.
Er sah drei- und sechsköpfige Riesen, Fünf- und Siebenhänder.
Die bösartigen Riesen werden Thursen genannt. Dann gewahrte
Frey im Norden Riesenheims ein prächtig umzäntes Gebäude. Vor
dem ging ein Mädchen über den Hof. Das Bild währte nicht länger
als der Schein eines Sonnenstrahls.
Frey stieg wieder zur Festhalle hinab, sprach kein Wort mehr,
wies sogar Met zurück, was noch nie vorgekommen war. Das Mädchen
vor dem umzäunten Gebäude heißt Gerd und ist die Tochter des
gefürchteten Bergriesen Gymir. Rächte sich so Freys
Vemessenheit, Odins Verbot übertreten zu haben?
Als Gott des Genusses und der Liebesfreude ist Frey sehr
frauenkundig. Nach den harten, eisigen Winterb fährt er
festlich auf mit Kühen bespannten Wagen über Land und bringt
Fruchtbarkeit für Saat und Weiden; da geben sich ihm die schönsten
Frauen und Mädchen hin. In der Halle Odins verstand niemand
Freys Schweigen. Keiner wagte ein Wort an ihn zu richten.
Njörd sorgte sich sehr um seinen Sohn, rief dessen Gefährten
Skirnir, den Strahlenden, und bat ihn, Frey zum Reden zu bringen
und auszuforschen, warum er so bedrückt im Saal hocke.
Skirnir ging widerwillig, weil er von Frey eine schroffe Antwort
befürchtete. Auf eine Frage erwiderte Frey:
"Wie könntest du meinen Schmerz fassen! Die Sonne scheint
für jedes Büschel Gras, aber nicht für meine Liebe."
"Die kann so mächtig nicht sein", erwiederte Skirnir,
"wie oft saßen wir nebeneinander beim Gelage, da war kein
Platz für Verschlossenheit." Und er erinnerte Frey an
dessen Liebschaften, die keiner zählen könne
Frey pries das Mädchen in Gymirs Hof: "Als sie die Hand
hob, die Tür zu öffnen, leuchteten von ihren Armen Himmel und
Meere, und die Welt strahlte wider von ihrem Glanz. Wann liebte
ein Jüngling so ein Mädchen! Wenn ich sie nicht bekomme, will
ich nicht länger leben."
Nach Skirnirs Bericht begriff Njörd, wie ernst es Frey war, und
bat den Gefährten seines Sohnes, dessen Bitte zu erfüllen und
um Gerd zu werben. Die Verbindung eines Gottes und einer Riesin
fördere zudem den Zusammenhalt der Welten.
Skirnir wollte um Gerd werben, wenn Frey ihm sein Schwert gebe.
Das focht von selbst und dessen Träger galt als unbezwingbar.
Frey gab ihm auch sein Pferd, das vermochte die Waberlohe, den
schützenden Feuerwall, um Gymirs Hof zu überspringen.
Skirnir ritt nach Riesenheim, wohlgerüstet und mit Geschenken.
Die Nacht war finster. Feucht glitzerte das Felsengebirge im
Morgenschimmer.
Da sprach Skirnir zu dem Pferd: "Entweder führen wir Gerd
heim, oder der grimmige Gymir zerschmettert uns." Die
meisten Riesen waren gutmütig und friedfertig. Aber Gerds Vater
gehöhrte zu den streitsüchtigsten und boshaftesten Bergriesen.
Auf einem Hügel beim Hofe Gymirs saß ein Wächter und hielt
Ausschau. Vom Zaun des Hofes kläfften bissige Hunde.
Skirnir sprach zu dem Wächter: "Ich habe eine Botschaft für
Gerd, aber die Hundemeute wütet."
"Du wirst die Schöne nie sehen!" rief der Wächter.
"Eher wirst du streben. Oder sitzt schon ein Toter im
Sattel?"
Weder Wächter noch kläffende Hunde hielten Skirnir von seinem
Auftrag ab. Und skirnir meinte, den letzten Tag seines Lebens
bestimme ohnehin nicht er, gab dem Pferd die Sporen und setzte
mit einem gewaltigen Sprung über die Waberlohe.
Im Hofe griff ihn Gerds Bruder an, brüllend, ein wütiger
Riese, der bei seiner Schwester wachte, wenn der Vater unterwegs
war. Skirnir wollte ihn schonen, denn das Blut des Bruders würde
Gerd abschrecken. Der Riese hieb auf Skirnir ein, spaltete
seinen Schild, haute ihn kleiner. Um nicht zu fallen, mußte
Skirnir das gefürchtete Schwert ziehen. Die Klinge suchte sich
die Blößen des Gegners und fällte den Bergriesen.
Das Krachen der Schwerter klang bis in die Halle Gerds. Die Schöne
fragte ihre Magd: "Was ist das für ein Lärm? Der
Saalboden zittert, der ganze Gymirhof bebt."
Die Magd sah nach und berichtete, ein Mann sei vom Pferd
gestiegen und lasse es grasen, er trage ein schmales Schwert und
wirke überaus entschlossen.
"Laß ihn in die Halle treten", sagte Gerd,
"biete ihm Met an."
Skirnir trat in den Saal.
Gerd fragte den Fremden, ob er ein Ase oder Vane sei. "Und
warum ritest du allein durch die flackernde Waberlohe?"
Skirnir verneinte göttliche Abkunft, er sei nur ein Bote des
Vanen Frey, der sende ihr goldne Äpfel der Verjüngung. Skirnir
zeigte Gerd die elf Äpfel und sagte: "Die schenke ich dir,
Gerd, als Zeichen für Freys Liebe und damit du ihm deine
bekennst."
Gerd wies die Äpfel wütend zurück und rief: "Nie beuge
ich mich einem Werber, nie werde ich in Freys Halle sitzen, so
lange ich lebe!"
Skirnir bot ihr die kostbarsten aller Ringe.
Auch den wehrte Gerd ab. Ihr fehle es weder an Gold noch
kostbaren Steinen. Der Riese Gymir hatte für seine Tochter drei
Höhlen voller Schätze gehortet.
Wie sein Herr war Skirnir Feind von Unterwerfung und Gewalt.
Aber er fürchtete für das Leben Freys. Widerstand die störrische
Gerd aus Stolz und riesischem Eigensinn? Verzehrte sie sich
heimlich wie manche Riesin nach dem schönen Frey? Sträubte sie
sich aus Furcht vor ihrem Vater, oder weil ihr Bruder fiel? Also
drohte Skirnir mit dem Äußersten:
"Sieh dieses scharfe Schwert. Die Ornamente auf seiner
Klinge brenn ich dir ein. Den schönen Kopf hau ich dir vom
Halse, wenn du nicht einwilligst!"
Gerd erwiderte noch trotziger: "Nie beuge ich mich Zwang
und Männerliebe! Gleich wird mein Vater in die Halle stürmen
und dich niederstrecken."
Skirnir zückte das Schwert und hielt es in Richtung der Tür:
"Das fällt auch den Alten."
Gerd blieb kalt wie draußen der Fels.
Da zog Skirnir das Zauberreis und sprach zur Widerspenstigen:
"Zähmen wird dich mein Wille, Weib. Hocken sollst du auf
einer steilen Felsenklippe, nur Adlern zugänglich. Sollst dich
ekeln vor jeder Speise, mehr als die Menschen vor der giftigsten
Schlange. Wahnsinn und Neid, Enttäuschung und Ungeduld treiben
dich zu Tränen. Tag für Tag quälen dich Trolle. Tag für Tag
sollst du dich vor hunger hinschleppen in die Halle der
Frostriesen. Statt der Freude sättige dich Leid. Bei dreiköpfigen
Thursen sollst du hausen oder unvermählt alt und krumm werden.
Begierde schüttle dich. Höhrt, ihr Asen und Vanen, ich banne
von der Anmutigsten allen Mannesgenuß!"
Skirnir sah, wie eine winzige Falte neben Gerds Mund sich unter
seinen Verwünschungen tiefer in die Haut grub. Der Gefährte
Freys verwünschte die Eingeschüchterte weiter:
"Hrimgrimnir, das scheußlichste Ungeheuer, soll dir täglich
zwischen die Schenkel gehen, am Tor zum Totenreich. Trolle
werden dir Ziegenpisse einflö,ßen. Jeder andere Trank wird dir
verweigert. Das tust du dir an, Mädchen. Das zwing ich dir auf.
Gleich ritz ich dir Runen, ein Zeichen für die Thursen. und in
die drei Stäbe schneid ich Geilheit, Leid und
Liebesrasen!"
Langsam setzte Skirnir das Messer an, um den Runenzauber wirken
zu lassen. Da nahm Gerd rasch den gefüllten Kristallkelch und
rief:
"Hier, trink den Met. Nie hätte ich geahnt, den
stattlichen Frey zu wählen!"
Nach dem Versöhnungstrunke bat Skirnir um eine Botschaft an
Frey, wann Gerd sich ihm hingeben wolle.
Dann ritt Skirnir heim. Frey stand schon draußen vor der Tür
und drängte auf eine Antwort, noch ehe der Gefährte den Sattel
abnahm und einen Fuß vor den anderen setzte.
Skirnir nannte ein Kornfeld, dort wollte im Frühlingswind Gerd
in neun Nächten Hochzeit halten.
"Eine Nacht ist lang, länger sind zwei, wie übersteh ich
drei?" rief Frey. "Oft vergeht ein Monat rascher als
eine halbe Nacht Sehnsucht."
Frey und Gerd feierten Hochzeit und blieben Mann und Frau. Sie
hatten zusammen einen Sohn Fjölnir, der wurde ein mächtiger König.
Zum Dank schenkte Frey seinem Gefährten Skirnir sein Schwert,
so groß war seine Liebe - vielleicht war dem Fruchtbarkeitsgott
die Waffe ohnehin lästig, aber er konnte nicht ahnen, wie sie
ihm einst fehlen würde.
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