Die Wikinger


Wikinger in Massachusetts

Runen auf einem Stein lassen vermuten, daß die "Nordmänner" bis zum heutigen Cape Cod vorgedrungen sind


Schon seit Jahrzehnten streiten sich die Gelehrten, wie weit die Wikinger auf dem nordamerikanischen Kontinent nach Süden vorrückten. Stein des Anstoßes war der "Kensington-Stein", ein mit Runen beschrifteter Felsblock, der 1898 in Minnesota gefunden worden ist. Auf ihm wird das Schicksal einer Drachenbootsbesatzung im Jahre 1362 geschildert. Europäische Archäologen halten ihn allerdings für eine Fälschung. Hingegen könnte ein anderer Stein erstmals die Anwesenheit der Wikinger südlich Neufundlands nachweisen. Diese Granitplatte trägt zwei Reihen von eingravierten Zeichen und befindet sich seit den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts in der "Aptucxet Trading Post", einer alten Handelsstation in Massachusetts. Hergebracht wurde er von den amerikanischen Archäologen Nathan Bourne Hartford und Percival Lombard, die damals die Handelsstation nach ihren Grabungsbefunden rekonstruiert haben. Jetzt wurde der Lausanner Anglistikprofessor Ian Kirby auf den "Bourne-Stein" aufmerksam und holte sich Rat von dem Düsseldorfer Archäologen Peter Pieper. Zwar vermag auch dieser ausgewiesene Runenkenner das Alter der Inschriften auf dem Stein nicht eindeutig zu bestimmen - weil eben diese nicht zu entschlüsseln sind. Trotzdem fanden Experten inzwischen eine Menge heraus: Die erste Zeile der Inschrift besteht aus vier "Sachems", indianischen Totemzeichen, wie sie Häuptlinge beim Abschluß von Verträgen mit Siedlern einzuritzen pflegten. Darunter findet sich eine Reihe von Symbolen, die bis auf die ersten drei Zeichen den sogenannten Futhark-Runen zugeordnet werden können. Daß deren Folge für uns keinen Sinn ergibt, ist - so Peter Pieper - nichts Besonderes: Runen waren kein bloßes Alphabet, sondern jede hatte auch eine individuelle inhaltliche Bedeutung. Gruppen solcher, ebenfalls für uns heute nicht lesbarer Runen finden sich auch auf den "Brakteaten", Amuletten aus der europäischen Völkerwanderungszeit. Auf dem Bourne-Stein ist eine Dreiergruppe von Runen zu erkennen, die exakt so von einem Brakteaten bekannt ist - für Pieper ein Hinweis auf die Wikinger. Jene ersten drei Zeichen der Inschrift aber sind vermutlich als die lateinischen Buchstaben "AVM" zu lesen. Sie könnten für "Ave Virgo Maria" - gegrüßet seist du, Jungfrau Maria - stehen und auf die Zeit des frühen Christentums im Norden hinweisen. Bevor der Stein in die Handelsstation kam, soll er bereits seit 1687/88 in einem Versammlungshaus der Wampanoag-Indianer im "Bournedale" als Türschwelle benutzt worden sein. Solche Versammlungshäuser waren von den Pilgervätern erbaut worden, die mindestens seit 1627 mit der holländischen Kolonie Nieuw Amsterdam, dem heutigen New York, Handel trieben. Der Düsseldorfer Archäologe meint, falls es Stein und Gravuren zu dieser Zeit schon gegeben habe, spreche das für deren Echtheit. Damals habe niemand ein Interesse gehabt, einen Runenstein zu fälschen, der die Anwesenheit der Wikinger in jenem Gebiet nachweist. Daß der Stein bis heute nahezu unbekannt geblieben ist, spricht ebenfalls für seine Authentizität; Fälscher hätten für mehr Aufsehen gesorgt. Schließlich sei auch dessen Standort ein Indiz für die Echtheit des Steins: Die Station Aptucxet Trading Post liegt am Cape Cod Canal, rund 270 Kilometer nordöstlich von New York. Dieser Kanal quert heute eine Landenge. Sie könnte von Wikingern genutzt worden sein, ihre Schiffe in bewährter Manier auf Baumstämmen zum anderen Ufer hinüberzurollen und so die Seereise rund ums Cape Cod zu vermeiden.


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