Zum Tode Dagmar von Malotkis

 

Wenn das Leben selbst die beste Schule ist, dann sind lebendige Menschen folglich auch die besten Lehrer. Pädagogik hin und Pädagogik her, Menschen überzeugen hauptsächlich durch sich selbst. "Du, Schätzelein" war Dagmar von Malotkis Anrede an jeden Schüler; aber auch an die Klasse als Ganzes. So genau wollte sie da keinen Unterschied machen: Unterhalten hat sie sich immer mit der ganzen Klasse so, als erzähle sie einem kleinen Jungen die große Geschichte vom Leben, das mal lustig, oft traurig, zeitweise langweilig aber meistens doch spannend zu sein pflegte. Der Unterschied zwischen den kleinen Schülern und den großen Kollegen, den jungen und den alten hat Sie nie für besonders bedeutend gehalten. Die Klasse als ganzes war immer das "Schätzelein" und duzen kann man ja eigentlich auch fast jeden. Das sind nämlich alles Menschen wie du und ich und die sind alle irgendwo "Du" und alle irgendwo "Schätzelein".
Von Ihrem Privatleben hat Dagmar v. Malotki nicht oft gesprochen. Da gibt es ein paar Geschichten von Ihrem Hund und wenige von Ihrem Sohn. Dennoch: Sie war alles andere als verschlossen. Wer sie kannte, dem waren herzhaftes Lachen, tiefer Ernst und ehrliche Trauer in ihrem Gesicht vertraut. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen irgendwem und Dagmar von Malotki. Sie sprach nicht nur als Religionslehrerin von einem Gewissen, Nächstenliebe und Konsortien. Als "die Malotki" ließ sie sich von Dingen berühren. Man konnte Ihre Sensibilität deutlich spüren. Aber Ihre Zartgefühl zeigte sich nie als Schwäche; fast immer als Stärke. Wie in vielen andern Dingen auch brach sie in dieser Form der Ehrlichkeit Konventionen. Wenige können in der Unterrichtsstunde zusammenbrechen und erhobenen Hauptes die Klasse verlassen.
In einem schweren Bild verstarb Dagmar von Malotki am Ende dieses Winters. Vielleicht nur mit einer stummen Ahnung dessen, was sie verwirklicht hat. Ehrfurcht.