GK Sozialwissenschaften

 
     
  Lehrer:
Herr Kiefer
 
     
 

GK Sowi

 

Herr Kiefer lehrte uns die Grundlagen der Sozialwissenschaft mit großem Engagement. Der Unterrichtsablauf bestach durch seine Stringenz und Kontinuität und erlaubte dem Schüler eine verläßliche Vorhersage des Verlaufs: Vorlesen der Hausaufgabe, Besprechen dergleichen im Kursverband, Erarbeiten neuen Materials, Klärung von begrifflichen Schwierigkeiten, erneutes Besprechen usw. So etwas lässt kaum ein gemütliches Beisammensein von Schülern und Lehrer vermuten. Es verhinderte aber, dass man sich vom Geschehen treiben lassen, seinen Gedanken anderen Dingen widmen und so geistiger Arbeit aus dem Weg gehen konnte. Außerdem erzwang es bei vielen Schülern Wohlwollen statt Desinteresse und Demotivation. Leistungsbewertung auf Grundlage von Strichlisten, welche die Beiträge seitens der Schüler minutiös registrierten und auf Dauer dokumentierten, taten ihr Übriges. Hier lag die Crux für ein späteres Handeln um ein oder andere Notentendenz. Die Striche standen für Objektivität und konnten sich nicht irren. Ein System was dennoch funktioniert, ungeachtet dessen aber zunehmend zum Auslaufmodell degradiert um modernen Unterrichtsformen Einfluss zu gewähren. Schade.
Regelmäßig erhielten wir zu aktuellen politischen Themen tendenziöse Zeitungsartikel, welche ausschließlich der "ZEIT" oder der "Süddeutschen" entstammten. Das politische Milieu, mit welchem Herr Kiefer sympathisierte war also nicht zu verbergen. Im Gegenteil, gelegentlich hatte ich den Eindruck Herr Kiefer kämpfte gegen einen Verlust ökologischen Bewusstseins. Was die Kopien anging, war ihm umweltschonendes Recycling - Papier selbstverständlich. Sein individueller Haarschnitt, sofern sich einer erkennen lässt, die Ledertasche und der rote Füller waren unmissverständlich und formten ein Bild, was von dort an unwiderruflich war.
Um dem sich zunehmend durchsetzenden Trend des Zuspätkommens entgegenzuwirken, begann Herr Kiefer mit der Einführung von Stundenprotokollen. Eine Maßnahme, welche erfolgreich war und zugleich drohende Autoritätsverluste seitens des Lehrers prophylaktisch verhinderte. Freilich, dieses rigorose Vorgehen stieß selten auf einen Gemeinwillen, eine "volonté generale", doch jegliche Art von Widerstand war ohnehin zwecklos. Genauso verhielt es sich mit der unmissverständlichen Aufforderung mir gegenüber den Unterricht zu verlassen, ohne dass überhaupt klar war, warum. Ich ging. Solche pädagogisch überaus sinnvollen Disziplinierungsmaßnahmen waren die Ausnahme. Ausnahmslos durchgesetzt wurde die Sitzordnung, auch wenn jedesmal zehn Minuten dabei verloren gingen. Weitaus mehr Zeit verging, bis ich als einziger unser SoWi-Buch ersetzt hatte. Diese Maßnahme war äußerst fragwürdig, handelte es sich lediglich um noch nicht getrocknete Kaffeeflecken, die weitere Benutzung keineswegs beeinträchtigten, sondern einen Eindruck intensiver Beanspruchung entsprachen. Dieses Buch also wird auf lange Zeit in meinem Besitz bleiben, mir das beruhigende Gefühl gebend, auch später einmal nachschlagen zu können, was wir alles gelernt haben. Zugegeben., wer die Stunden aufmerksam verfolgte, hatte was gelernt.

Ullrich Behrendt