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Städtebau und Raumplanung
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Autofreies Wohnen
Die Anfänge   Bereits in den 70er Jahren fordert der Verkehrsplaner Dietrich Garbrecht in seinem Buch "Gehen" die Einführung von NAB-Straßen (Nicht-Auto-Besitzer-Straßen).

Anfang der 90er Jahre beginnt in Deutschland die Diskussion mit dem Bremer Projekt "Wohnen ohne (eigenes) Auto im Hollerland" mit rund 220 geplanten Wohnungen. Ausgangspunkt ist die Studie des Sozialwissenschaftlers Thomas Krämer-Badoni über Haushalte, die sechs Wochen lang auf das Auto verzichteten. Unabhängig hiervon entstehen in Deutschland erste wissenschaftliche Untersuchungen zum autofreien Wohnen.

Zur gleichen Zeit werden in Amsterdam die Planungen für das autofreie Projekt "GWL-Terrein" mit etwa 600 Wohnungen abgeschlossen. Ausgangspunkt in Holland sind systematische Untersuchungen zum kostensparenden Bauen. Die Überlegungen zum autofreien Wohnen basieren auf der Tatsache, daß das Wohnungsneubauprogramm in Holland mit einer autogerechten Infrastruktur kaum zu finanzieren ist.

Der entscheidene Impuls in Deutschland geht jedoch von dem Bremer Projekt aus. In zahlreichen Städten entstehen Initiativen für autofreies Wohnen. Diese überwiegend von privaten Inititiven getragenen Projekte stoßen jedoch auf die Hindernisse Politik, Bau- und Mietrecht. Das Projekt in Bremen ist aus verschiedenen Gründen gescheitert. Neben einigen kleineren fertiggestellten Projekten stehen Ende 1998 in Deutschland einige größere Projekte kurz vor der Realisierung. Das GWL-Terrein in Amsterdam ist mittlerweile gebaut und bezogen.


 
Überblick  

Idee

Autofreies Wohnen wendet sich an Menschen, die bereits kein Auto besitzen oder zukünftig auf das Auto verzichten wollen. Die Projekte konzentrieren sich zur Zeit vor allem auf den Wohnungsneubau in Großstädten. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, daß eine Vollmotorisierung der Haushalte nicht den Tatsachen entspricht. Desto größer die Stadt umso größer der Anteil der autofreien Haushalte und der Menschen, die sich auch bewußt für ein autofreies Leben entscheiden.

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Quelle: Statistisches Bundesamt; Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 1993

Untersuchungen zur Nachfrage zeigen, daß auch Haushalte, die zur Zeit ein Auto besitzen, Interesse am autofreien Wohnen zeigen. Die Absicht, das Auto zukünftig abzuschaffen, ist fast ausschließlich mit dem Wohnungswechsel in ein autofreies Gebiet verbunden.


Neue Qualitäten durch weniger Autos

In autofreien Wohngebieten brauchen autogerechte Straßen und Parkplätze gar nicht erst gebaut zu werden. Autoverkehr innerhalb des Gebietes ist ausgeschlossen - Ausnahmen für Feuerwehr, Krankentransporte, Behinderte sowie Umzüge sind selbstverständlich.

Es entstehen Vorteile für die Bewohner:

  • kein Verkehrslärm und weniger Abgase,
  • keine Unfallgefahren,
  • Kinder können gefahrlos vor der Haustür spielen,
  • mehr Grün anstelle von Parkplätzen und Straßen,
  • mehr Aufenthaltsqualitäten und
  • preiswertere Wohnungen sofern die Kosteneinsparungen - Reduzierung der Kosten für Straßen und Parkplätze (z.B: Baukosten Tiefgaragenstelllplatz 35.000,- DM) - an die Bewohner weitergegeben werden.

Es entstehen Vorteile für die Allgemeinheit:

  • Kosten- und flächensparendes Bauen,
  • Ersparnis der externen Kosten des Autoverkehrs,
  • Diversifizierung des Wohnungsmarktes,
  • Ersparnis von Wohnungsbaufördermitteln (1. Förderweg).

Voraussetzungen

Autofreies Wohnen funktioniert allerdings nicht überall. Die Wohngebiete müssen (sehr) gut an Busse und Bahnen angebunden sein. Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Kindergärten sollten fußläufig erreichbar sein. Arbeits- und Ausbildungsplätze sollten in der Nähe sein und/oder gut mit Öffentlichen Nahverkehrsmitteln erreichbar sein.

Die Größe bzw. die Lage der autofreien Projekte spielt eine entscheidende Rolle für die Qualitäten des Wohnumfeldes. Grundsätzlich wird eine gewisse Mindestgröße erforderlich sein. Ausnahmen sind Sonderlagen, wie beispielsweise die Bebauung innerhalb eines größeren Baublocks.


Ergänzende Mobilitätsdienstleistungen

Zusätzlich sollte autofreies Wohnen durch ergänzende Angebote unterstützt werden:

  • Quartiersbezogenes Car-Sharing: In vielen Familien oder unter Bekannten ist die gemeinsame Nutzung eines Autos selbstverständlich. Diese Art der Nutzung soll auf die Gemeinschaft der Bewohner übertragen werden. Für jeden Bedarf das richtige Auto zu geteilten Kosten und inklusive Service:

    - kleine sparsame Stadtautos
    - Kombis oder Sportautos für den Ausflug am Wochenende und
    - Transporter für den Einkauf im Baumarkt.

    Die Nutzung eines Fahrzeuges erfordert nur eine einfache telefonische Reservierung (keine weitere Anmeldung und Formalitäten etc.). Es gibt mittlerweile Systeme, die auch eine spontane Nutzung der Fahrzeuge ermöglichen.

  • Lieferdienste: für den Transport schwerer und sperriger Waren.

  • Quartiersdepot: für die Annahme von Waren und Postpakten, wenn die Bewohner mal nicht zu Hause sind.

  • Mögliche Dienstleistungen: Fahrradverleih, -anhängerverleih, Transportroller ...


Autoreduziertes Wohnen und Parken am Rand-Projekte

Autofreies Wohnen im Neubau hat zur Zeit ein relativ kleines Marktpotential (grobe Schätzungen gehen von ca. 10 - 15 % des Neubauvolumens aus) - bei insgesamt rückläufigen Neubauzahlen ist dies allerdings für Investoren eine durchaus interessante Marktnische.

Kombinationen eines autofreien Wohngebietes - Bewohner besitzen keine Autos - mit Konzepten, die ein autofreies Wohnumfeld anstreben und (einige) Parkplätze am Rand des Gebietes anbieten, sind möglich und bieten ein breiteres Marktpotential. In unseren Untersuchungen stellen wir fest, daß vielen autobesitzenden Haushalten (vor allem den Haushalten mit Kindern) ein autofreies Wohnumfeld wichtiger ist, als die Möglichkeit vor der Haustür zu parken. Beispiel für ein "Parken am Rand-Modell" ist beispielsweise das Projekt Langwasser-P aus den 80er Jahren in Nürnberg mit rund 1.000 Wohnungen.

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Parken am Rand in Nürnberg Langwasser-P
(Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung 1987)

Voraussetzung für ein sinnvolles "Parken am Rand-Konzept" ist die räumliche, organisatorische und finanzielle Trennung von Wohnung und Parkplatz. Die bislang vorherrschende kontraproduktive Mischkalkulation von Parkplatz- und Wohnungskosten führt dazu, daß Parkplätze zu Preisen vermietet oder verkauft werden, die in aller Regel nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten betragen. Mit der Folge, daß autofreie Haushalte einen Teil der ungedeckten Parkplatzkosten über ihre Wohnungsmiete oder Wohnungskaufpreise mittragen.

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Arkade in Langwasser-P Verbindung zu den Parkplätzen
(Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung 1987)

Ein Mischmodell aus autofreiem Wohnen und Parken am Rand ist zudem flexibler: Autofreie Haushalte, die zukünftig ein eigenes Auto brauchen (z.B. Arbeitsplatzwechsel), müßten sich nicht nach einer neuen Wohnung umschauen. Für diesen Fall kann am Rand des Wohngebietes ein Parkplatz angemietet werden.


 
Neubauprojekte  

Im folgenden wird eine Übersicht über einige ausgewählte Projekte gegeben.

Amsterdam GWL-Terrein

Das ehemalige Wasserwerksgelände liegt zentrumsnah in dem Stadtviertel Westerpark. Auf dem 6 ha großen Gelände sind etwa 600 Wohnungen - je zur Hälfte Eigentums- und Mietwohnungen - 1998 fertiggestellt worden. In den Häusern am Rand sind Büros und gewerbliche Räume integriert.

Das Gebiet ist sehr gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden, Einkaufsmöglichkeiten sind in unmittelbarer Nähe fußläufig erreichbar. Die Entfernung zum Hauptbahnhof beträgt etwa 2 km. Im Stadtteil wurde ein Car-Sharing-Angebot eingerichtet.

In das Wasserwerksgelände darf bis auf Ausnahmen nicht hineingefahren werden. Für die Wohnungen sind statt des üblichen einen Stellplatzes nur 0,2 Stellplätze je Wohnung gebaut worden.

Bereits während der Planung meldeten etwa 6.000 Haushalte ihr Interesse an einer Wohnung an. Alle Wohnungen in dem autofreien Wohngebiet sind mittlerweile verkauft bzw. vermietet.

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Entwurf Kees Christiaanse


Bremen Grüne Straße

Durch den Neubau eines Hauses mit 23 autofreien Mietwohnungen in unmittelbarer Nähe der City (700 m Luftlinie) wurde eine Baulücke geschlossen. Das Gebäude ist seit 1995 bezogen. In der Nähe des Projektes sind zwei Stellplätze für Car-Sharing eingerichtet worden.


Hamburg Saarlandstraße

Auf dem ehemaligen Fabrikgelände erfolgte 1998 der Baubeginn des ersten (größeren) autofreien Wohngebietes in Deutschland. Auf dem rund 2 ha großen Gelände sollen insgesamt 210 Wohnungen sowie Raum für gewerbliche Nutzungen entstehen.

Das Gebiet liegt in etwa 300 m Entfernung zur U-Bahn. Die Fahrzeit in die City beträgt ungefähr 10 Minuten. Einkaufsmöglichkeiten sind fußläufig vorhanden.

Je Wohnung werden etwa 0,15 Stellplätze gebaut, so daß für Car-Sharing und Besucher etwa 30 Parkplätze zur Verfügung stehen.

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Entwurf APB / Hass Hamburg


Münster Weißenburgkaserne

Auf dem rund 3,6 ha großem Gelände sind 270 Miet- und Eigentumswohnungen geplant. Vorgesehen ist die Integration von Altenwohnungen. Nach der Durchführung eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs werden die zukünftigen Bewohner an der Planung beteiligt. Baubeginn ist voraussichtlich 1999.

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Entwurf Luggenhölscher Gladbeck


Köln Marktuntersuchung

Im Auftrag des Stadtplanungsamtes hat Fedora 108. eine Marktuntersuchung für vier geplante autofreie Wohngebiete in Köln durchgeführt. Die politische Beschlußlage ermöglicht an allen vier Standorten die Realisierung von autofreien (Teil-)Projekten vor.


 
Förderung NRW  

In Nordrhein Westfalen werden folgende Verfahrensschritte zur Umsetzung autofreier Gebiete durch das Land gefördert (80 %):

  • Marktuntersuchungen zur Nachfrage
  • Moderationsverfahren, Bewohnerbeteiligung
  • Städtebauliche Planung, Wettbewerbe

Voraussetzung ist eine politische Beschlußfassung im Stadtrat und die Auswahl von Wohngebieten für autofreies Wohnen durch die Gemeinde.


 
Recht   Folgende Fragen spielen bei der Planung und Umsetzung autofreier Gebiete in der Regel eine Rolle:

Kann im Rahmen der Baugenehmigung auf Stellplätze verzichtet werden?

Die Rechtssituation in den einzelnen Bundesländern ist sehr unterschiedlich. Dennoch besteht die Möglichkeit, den Stellplatznachweis am voraussichtlichen Bedarf zu orientieren. Auch besteht in einigen Bundesländern die Möglichkeit, daß die Gemeinden sog. Stellplatzverzichtssatzungen erlassen. In Nordrhein-Westfalen werden bei autofreien Gebieten nur noch 0,2 Stellplätze je Wohnung gefordert. Vorbild ist das Land Berlin, welches mittlerweile überhaupt keine Verpflichtung zum Bau von Stellplätzen vorsieht.


Sollen und/oder können Mieter, Eigentümer und Genossen in Verträgen dauerhaft zur Autofreiheit verpflichtet werden?

Entsprechende Verträge sind bereits zum Projekt "Wohnen ohne (eigenes) Auto" in Bremen von dem Juristen Prof. Derleder entwickelt worden. Die Situation hat sich seitdem nicht geändert: Es ist nach wie vor unklar, wie zukünftig Gerichte über die Rechtmäßigkeit der Verträge entscheiden werden.


 
Wohnungsbestand   Die Altstadt von Venedig ist ein gutes Beispiel für eine autofreie Stadt. Die Prinzipien von Venedig (autofreie kleinteilige Struktur, leistungsfähiger öffentlicher Nah(boots-)verkehr, einige kostenpflichtige Stellplätze am Rand) sind grundsätzlich übertragbar. Nur ein kleiner Teil der Venezianer besitzen Autos (auch keine Motorboote).

Grundsätzlich beinhaltet ein Konzept für den Wohnungsbestand folgende Ziele:

  • Autos raus aus den Straßen,
  • Öffentlichen Nahverkehr verbessern,
  • Parkplätze an den Rand verlagern beispielsweise in öffentliche Parkhäuser, die nachts grundsätzlich leerstehen,
  • Car-Sharing-Angebot entwickeln oder erweitern.

Potentiell geeignete Standorte sind innenstadtnahe Gebiete, da hier der Anteil autofreier Haushalte am höchsten ist und die Rahmenbedingungen für ein autofreies Leben am günstigsten sind. Ein solches Konzept kann allerdings nur gelingen, wenn die Bewohner (Autobesitzer und Nicht-Autobesitzer) intensiv an der Planung beteiligt werden und sich herausstellt, daß die Bewohner das Konzept mittragen. Günstig für die Akzeptanz sind Konzepte, die von vornherein als Test vorgesehen sind: Autofreies Quartier für einen Monat.

 

 

 

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