I. Einleitung

Bedeutung der Messe in der Romantik

Wie in dem Einblick in die Entwicklung der Messe zu erkennen ist, hat sich die Messe im Laufe der Zeit vom einfachen Lobgesang Christi hin zum großen und aufwendigen orchestralen Werk gewandelt. Dafür waren Brüche und Spaltungen notwendig, wie beispielsweise im 17. Jahrhundert als sich zwei verschiedene Kompositionsstile entwickelten.

Die große Messe der Romantik - oder sollte es besser "die große Konzertmesse der Romantik" heißen? - stellt in der Entwicklung der Messe einen bedeutenden Einschnitt dar. Nicht nur, daß die Komponisten aus einer vollkommen neuen Motivation heraus schrieben, nein: Die Gesellschaft änderte sich grundlegend.

Die Zeit der Romantik bedeutet vor allen Dingen die Zurückwendung vom Zeitgeschehen hin zum Mittelalter, den Hang zu Phantastik, die Neigung zum Pessimismus, die Todessehnsucht, die Weltflucht, eine bedeutsame Ausweitung des Gefühlsausdrucks und die Freude an der Natur.

Dank der französischen Revolution und der danach folgenden Aufklärung formte sich eine neue Gesellschaft. Das von den freiheitlichen Ideen inspirierte Bürgertum emanzipiert sich von der Kirche. Die geistliche Musik verlor an Bedeutung, und die Kirche und die Religion bekam einen neuen aber oberflächlicheren Sinn. Der Sinn des Glaubens definierte sich durch das Mystische, das Geheimnisvolle des Göttlichen, welches alles Weltliche erfülle und das "Sein erspüren" könne. Nicht mehr der Verstand, sondern das Gefühl würde die Dinge erleben und die Welt erklären können.

Es veränderten sich auch die kirchlich-musikalischen Einrichtungen: Die Kirche war nicht mehr in der Lage, ihre Berufssänger und -musiker, die bis dahin die Kirchenchöre bildeten, in finanzieller Hinsicht zu unterhalten. Daraufhin fand eine Reorganisierung der Kirchenchöre statt: Freiwillige Bürger - amateurhafte Laien - sangen in den Chören und bildeten Vereine, um die Kirchenmusik am Leben zu erhalten. Allerdings brachte diese Lösung einige nicht unbedeutende Nebenerscheinungen mit sich: Einerseits stand die Kirchenmusik nicht mehr im Vordergrund, denn der musizierfreudige Bürger bestimmte von nun an das Niveau, andererseits fand die geistige Musik Einzug in das Privatleben und somit in alle Bereiche der Gesellschaft, also auch in den Konzertsaal. Vor allen Dingen aber benötigte man eine neue, leichtere und einfachere Musik, die jedermann singen konnte und somit eine volkstümliche Weise haben mußte. Diese Kompositionen wurden nun als Gebrauchs- oder auch Salonmusik bezeichnet und auch so gehandhabt.

Die neue Gesellschaft brachte natürlich auch ein neues Publikum mit sich: Aus Bürgern bestehend, ist es grundlegend anders als der alte auserlesene Kreis der Zuhörern, denn dieser hatte durch seine Traditionen und Kenntnisse die Voraussetzungen, auf die die Komponisten aufbauen konnten um sicher zu sein, daß die Messe als Ganzes, als zutiefst religiöses Werk verstanden werden konnte. Die neue Gesellschaft hingegen versteht die Meßliturgie nicht - für sie besteht der Sinn des Zuhörens in der Stimmung, die geschaffen wird, nicht in den Wörtern, im gemeinten Sinn oder im liturgischen Geschehen.

Es fand ebenfalls ein Umdenken bei den Komponisten statt: Sie verfassten ihre Werke nicht mehr im Auftrag der Kirche, wie es bisher üblich war. Als gleichermaßen emanzipierte Künstler entschieden sie selbst, für wen sie was komponieren und vor allem zu welchem Zweck. Angelehnt an die Erwartungshaltung des ehemals klassischen Zuhörers, eine Messe müsse angenehm, fröhlich unterhaltend und festlich sein, entwickelten sie die Gebrauchsmesse weiter und setzten dabei ihre Schwerpunkte, die zur Innigkeit, zur Stimmungserschaffung tendierten und somit den Charakter der Messe gänzlich veränderten. Es entstand die Konzertmesse, die als kulturell-musikalisches Ereignis an Bedeutung gewann und beim Publikum großen Anklang fand.

Die Instrumentalmusik "ist die romantischste aller Künste [...] Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt ..., in der er alle bestimmten Gefühle zurückläßt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben" 1

Obwohl diese Verlagerung der liturgischen Messe hin zur Konzertmesse vom Publikum wohlwollend aufgenommen wurde, spalteten sich die Meinungen über diese Kompositionen. Es entstand die Reformbewegung der Caecilianer, die sich - nach der Heiligen Caecilia, der Patronin der Kirchenmusik, benannt - gegen eine zunehmende "Verweltlichung" der Kirchenmusik richteten und eine Erneuerung der Kirchenmusik nach dem "stile antico" 2 forderten. Sie wiesen die Kirchenmusik der Wiener Klassik sowie deren Vorgänger und Nachfolger zurück und verboten Orchestermessen und Instrumentalmusik in der Kirche - mit Ausnahme der Orgelmusik.

Ungeachtet der Tatsache, daß die Anhänger dieser Reform im Widerspruch zu der augenscheinlich vorteilhaften Entwicklung der Meßkompositionen standen, ist es ihnen zu verdanken, daß trotz der erfolgreichen Umsetzung des "stile novum" die Meisterwerke der klassischen Polyphonie auch in den folgenden Jahrhunderten nicht an Bedeutung verloren.


1 ... Zitat von E.T.A. Hoffmann
2 ... siehe Fremdwörter