II. Anton Bruckner

Bedeutung Bruckners in der Romantik

Anton Bruckner ist ein "seltsames Phänomen" 1 der Romantik. Aufgewachsen in zutiefst feudalen Verhältnissen glaubte er "wie ein Bauer im Mittelalter" an die Kirche und lebte in ruhiger Übereinstimmung mit Gott. Daher auch die unzähligen Anekdoten über und mit ihm, die dank seiner Naivität und seines unerschüttbaren Glauben schon damals für Heiterkeit sorgten.

Sein Leben ist gekennzeichnet durch Enttäuschungen, unzählige Prüfungen und Kämpfe um Anerkennung, die diesen "unbeholfene Mann" 2 nicht davon abbringen konnten, das zu tun, was er für richtig hielt. "Das fundamentale Rätsel bei Bruckner, diesem schüchternen und scheinbar beschränkten Mann, ist die unerklärliche Gabe, mit einer Sicherheit und einem Reichtum der Ideen zu komponieren, die seinem Alltagsleben völlig fehlten." Im Unterschied zu anderen zeitgenössischen Komponisten mußte er sich Schritt für Schritt hinaufarbeiten: Vom einfachen Dorfjungen zum Domorganisten bis hin zum Professor der Musiktheorie. Angesichts dieser Tatsachen scheint es also nicht verwunderlich, daß er erst im Alter von 40 Jahren anfing meisterlich zu komponieren. So selbstkritisch und ängstlich wie er, war wohl kaum ein anderer Komponist: Sein ganzes Leben lang ließ sich Bruckner prüfen und Zeugnisse ausstellen, die sein Können amtlich belegten und im hohen Alter ließ er all seine Werke mit der Hilfe seiner Freunde auf Fehler oder - Bruckners Meinung nach - unzureichende Kommentare und Hinweise überprüfen und korrigieren. Einige Werke wollte er sogar vernichten, ließ sich dann aber doch wieder umstimmen und erkannte sie an.

Bruckner ist ebenfalls kein Romantiker - er schöpft lediglich die musikalischen Mittel (Harmonisierung und Instrumentation) vollständig aus und erfüllt somit den "romantischen Anspruch" 3. Denn anders als die anderen Komponisten seiner Zeit komponierte er aus tiefstem Glauben. Eduard Liszt sagte einmal über Bruckner, daß er ein "Minnesänger der Gottheit" sei, denn seine Werke waren Glaubensbekenntnisse, die sogar dazu führten, daß er als alter Mann seine letzte Symphonie "dem lieben Gott" widmete - mit der Zusatzbemerkung "wenn Er sie annehmen will".

Ein weiterer bedeutender Faktor in Bruckners Leben spielte der führende Wiener Kritiker Professor Dr. Eduard Hanslick, den Bruckner als "Dämon seines Lebens" 4 bezeichnete. Hanslick sagte einmal: "Wen ich vernichten will, den vernichte ich" 5 . Damit beschrieb er auch das Wien, in das Bruckner 1868 kam: "Was "musikalisch schön" war, bestimmte Hanslick und wer sich mit ihm nicht gut zu stellen wußte, durfte sich keinen Hoffnungen hingeben." 6

Hanslick war Bruckner anfangs offenbar freundlich gesinnt, unterstützte ihn hier und da sogar mit einigen wohlgemeinten Ratschlägen. Aber mit der wachsenden Freundschaft zwischen Bruckner und Wagner geriet Bruckner in ein Schlachtfeld zweier Gruppen, was letztendlich dazu führte, daß Hanslick sein ärgster Kritiker und Gegner wurde.

Grund dieses öffentlich ausgetragenen Kampfes zwischen den Gruppen um Wagner und Brahms waren nicht etwa zentrale musikalische Fragen, sondern vielmehr der Wagnerische Begriff des "Gesamtkunstwerkes", des Dramas. Für Bruckner kam erschwerend hinzu, daß Wien die Hochburg der Wagnergegner war.

Erwähnenswert scheint auch die Tatsache, daß Bruckner als Komponist von seinen Zeitgenossen und Kritikern nur schwer einzuordnen war. Einerseits beschäftigten sich die Gemüter mit der grundsätzlichen Frage, wodurch sich Bruckners Werken von denen seiner Zeitgenossen unterschieden, denn die Anerkennung und den Ruhm bekam Bruckner erst als alter Mann.

Einig war man sich nur in der Frage, ob Bruckner nun Anhänger Wagners oder Brahms' war, denn seine Freundschaft zu Wagner schien eine eindeutige Bekennung zu sein.

Über die Frage, ob Bruckner Anhänger des "Caecilianismus' " war oder eher zur "Neudeutschen Schule" 7 gezählt werden müsse, machte man sich keine Gedanken. Aus heutiger Sicht sagt man, daß Bruckner zwischen beiden Richtungen stand.

Er verband beide Stile miteinander, indem er das "große Sinfonieorchester der Romantik mit seinen klangmalerischen Möglichkeiten der Textausdeutung und die spannungsreiche Harmonik und die überwältigende Ausdruckskraft des späten 19. Jahrhunderts" 8 nutzte.

Bruckners Gesamtwerk umfaßt nicht nur Kirchenmusik, sondern auch weltliche und instrumentale Werke. Hervorzuheben sind seine drei Messen in d-Moll, e-Moll und f-Moll, seine neun Symphonien, das "Te Deum" sowie der "150. Psalm".



1 ... Wilfrid Mellers: Musik und Gesellschaft - Eine Musikgeschichte von 1750 bis 1830. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main und Hamburg 1957, 149
2 ... Erwin Doernberg: Anton Bruckner - Leben und Werk. Albert Langen Georg Müller Verlag GmbH, München und Wien 1963, S. 18
3 ... u.a. die bedeutsame Ausweitung des Gefühlsausdrucks (siehe "Bedeutung der Messe in der Romantik")
4 ... Erwin Doernberg: Anton Bruckner - Leben und Werk. Albert Langen Georg Müller Verlag GmbH, München und Wien 1963, S. 15
5 ... Erwin Doernberg: Anton Bruckner - Leben und Werk. Albert Langen Georg Müller Verlag GmbH, München und Wien 1963, S. 84
6 ... Walter Abendroth: Bruckner - Eine Bildbiographie. Kindler Verlag, München 1958, S. 46
7 ... siehe Seite 4 - die "neue deutsche Schule" ist die Gegenbewegung zum Caecilianismus
8 ... Dieses Zitat stammt von einer Kopie aus einem Musikschulbuch, leider fehlt mir die Quellenangabe dazu