II. Anton Bruckner
Biographie
Kindheit und Erziehung
Anton Bruckner wurde am 4. September 1824 als erstes von zwölf Kindern eines Dorflehrers und einer Tochter des Amtsverwalters in dem kleinen Dorf Ansfelden in Oberösterreich geboren. Von seinem Vater, der als Lehrer auch für die musikalische Begleitung aller öffentlichen Angelegenheiten in der Umgebung zuständig war, erhielt er sehr früh die erste musikalische Ausbildung. In dieser ländlichen Abgeschiedenheit - im Dorf hatte sich seit Hunderten von Jahren kaum etwas geändert - und mit dem musikalischen Einfluß seines Vaters wuchs er bis zu seinem 11. Lebensjahr auf.
Der Vater erkannte das Talent seines Sohnes und schickte ihn zu seinem Paten Johann Baptist Weiß, der ebenfalls Lehrer war und auch komponierte. Bruckner erhielt von ihm Unterricht im Orgelspielen und Generalbaß und machte seine ersten Erfahrungen mit den großen Komponisten Europas wie Haydn und Mozart; bereits mit zwölf Jahren komponierte er vier Orgelpräludien. Im Jahr 1837 kehrte er zu seiner Familie zurück, da sein Vater schwer erkrankt war und Bruckner vorläufig dessen Aufgaben übernehmen mußte. Kurze Zeit nach seiner Rückkehr verstarb der Vater: Bruckner verkraftete diesen Rückschlag nur schwer.
Seine Mutter zog mit den anderen Kindern nach Ebelsberg und Bruckner kam dank des Prälaten Michael Arneth in die Chorschule des Augustiner-Chorherren-Stift Sankt Florian. Neben seiner weiterführenden Schulausbildung bekam Bruckner - vorbereitend zum Lehrerberuf - Unterricht in beziffertem Baß, Klavier-, Orgel- und Geigenspiel. Besonders beeindruckend aber war für Bruckner das palastähnliche Stift mit seiner klösterlichen Atmosphäre und dem Klang der großen Orgel in der Stiftskirche. Es liegt nahe, daß diese Erfahrungen und Eindrücke den Grundstein für Bruckners tief verwurzelte Religiosität und sein enges Verhältnis zur Kirche legten.
1840 wurde Bruckner nach Linz zu einem zehn Monate dauernden Präparandenkurs geschickt. Dieser Kurs bildete ihn als Lehrer - speziell als Kirchenmusiker und Mesner - aus. In dieser Zeit hörte er zum ersten Mal Orchestermusik, unter anderem von Beethoven.
Er bestand die Abschlußprüfung hervorragend und bekam mit 17 Jahren seine erste Anstellung als Schulgehilfe in Windhaag. Nach zwei Jahren allerdings hielt er es - angesichts der miserablen Umstände - dort nicht mehr aus und wurde in das Dorf Kronstorf versetzt. Hier lernte er alsbald die Musik Schuberts kennen und ein befreundeter Organist gab Bruckner Unterricht in Musiktheorie. Neben seinem Lehrberuf war das die einzige musikalische Förderung - Bruckner lernte autodidaktisch. Im Jahr 1845 bestand er das Examen als Hauptschullehrer.
Lehrer in Sankt Florian
Befähigt zu einer besseren Stellung kam er 1845 wieder nach Sankt Florian und wurde an seiner früheren Schule Hilfslehrer. Er führte seine Theoriestudien fort und 1848 wurde er als provisorischer Organist angestellt. Seitdem er in Kronstorf war, beschäftigte er sich mit dem Komponieren. In den Jahren 1850 und '51 besuchte er einen verbesserten Präparandenkurs in Linz und wurde '51 in Sankt Florian definitiver Stiftsorganist. Er unterzog sich 1854 einer Orgelprüfung in Wien und bestand diese erfolgreich. Ein Jahr später ließ er sich als "höherer" Lehrer prüfen und absolvierte sämtliche Fächer mit "sehr gut".
Domorganist in Linz
Im Jahr 1855 entschied sich Bruckner gegen den Lehrerberuf und wurde Domorganist in Linz. Trotz seiner bereits weitreichenden musikalischen Ausbildung und seines Könnens - immerhin wurde er jetzt schon als Orgelmeister bewundert und verehrt - entschied sich Bruckner abermals, in die Lehre zu gehen. Das Zusammentreffen mit dem Musiktheoretiker Simon Sechter stellte das erste bedeutende Ereignis in Bruckners Laufbahn als Komponist dar. Sechter führte Bruckner an die Musik Bachs und Beethovens heran: "Bach und Beethoven waren vielleicht die einzigen Komponisten, von denen Bruckner etwas lernen konnte. Diejenigen Elemente in ihnen aufzuspüren und zusammenzuführen, die einander widersprachen, hieß für ihn, sich selbst zu finden." 1
Im Jahr 1858 ließ sich Bruckner abermals in Theorie und Orgel in Wien prüfen; 1859 bekam er von Sechter Zeugnis über seine bisher absolvierte Lehre. Im Jahr 1860 verstarb seine Mutter, was ihn schwer mitnahm.
Der Liedertafel "Frohsinn" 2 trat Bruckner als Tenor bei und komponierte eigens hierfür eine Reihe von Werken. Sie wählten ihn 1860 zum Chormeister, aber die Dirigentenpflichten beanspruchten ihn stark, zumal auswärtige Chorfeste hinzutraten. Im Oktober 1861 legte er einen ihm von seinen Mitsängern gespielten Streich als Beleidigung aus und zog sich somit aus der Gesangsvereinigung zurück.
Von 1861 bis '63 wurde er in Formenlehre und Instrumentation von dem Linzer Cellisten und Kapellmeister Otto Kitzler unterrichtet.
Bruckner entdeckt sich selbst
Im Februar 1863 hörte Bruckner Wagners "Tannhäuser", was das zweite bedeutsamste Erlebnis seines Lebens darstellt, denn erst jetzt - fast 40jährig - entwickelte sich Bruckner zum großen Komponisten. Erst jetzt fühlte er sich - dank seiner handwerklichen Ausbildung, seiner völligen Beherrschung der Technik und seiner inneren Entwicklung - befähigt, große Messen und Symphonien zu komponieren. Im Jahr 1865 reiste er nach München und macht die Bekanntschaft Richard Wagners. Zwei Jahre später wird Bruckner Opfer einer Nervenkrise - nervöse Spannungen, die ihn noch sein Leben lang quälen sollten. Im Sommer 1867 begibt er sich in die Kaltwasserheilanstalt Bad Kreuzen und verläßt diese nach viermonatigem Aufenthalt wieder als geheilt.
Wie bereits in Sankt Florian, fühlte sich Bruckner auch in Linz unterfordert und strebte nach etwas Größerem und Bedeutungsvollerem: Als kurz darauf Bruckners ehemaliger Lehrer Simon Sechter stirbt, bittet sich für ihn die Gelegenheit: Er bewirbt sich um Sechters Stellung als Professor am Wiener Konservatorium.
Übersiedlung nach Wien
Bruckner wurde als Professor für Harmonielehre, Kontrapunkt und Orgelspiel angenommen und siedelte ein Jahr später nach Wien um. Bruckners Schwester Anna, die ihm zeitweise schon in Linz aushalf, zog zu ihm und sorgte für den Haushalt. Wien als Mittelpunkt der musikalischen Welt - in der Stadt Haydns, Mozarts, Beethovens und Schuberts - bedeutete für Bruckner alles, denn hier wurden die "großen Entscheidungskämpfe des Musiklebens ausgetragen" 3 .
Reisen nach England und Frankreich
Im Jahr 1869 reiste Bruckner nach Nancy zur Einweihung einer Orgel, zu der die Orgelbaufirma nur berühmte Organisten geladen hatte. Bruckners internationaler Erfolg begann hier und er folgte einer umgehenden Einladung nach Paris, wo er das Publikum abermals in Erstaunen versetzte und einen "triumphalen Erfolg" 4 feiern konnte.
Im Juli 1871 wurde Bruckner nach London eingeladen, wo er ebenfalls grandiose Erfolge erzielen konnte, gar in einem Zeitungsbericht gebeten wurde, baldig wiederzukehren um das Londoner Publikum zu begeistern.
Geldsorgen
Seine Schwester Anna verstarb 1870 und Bruckner mußte sich nach einer neuen Haushälterin umsehen. Zusätzlich ergaben sich für ihn Geldverlegenheiten, denn das Wiener Leben war keineswegs rosig: Er mußte ungefähr dreißig bis vierzig Unterrichtsstunden pro Woche geben, der Dienst in der Hofkapelle war - solange er nur "Expentant" 5 war - unbezahlt. Um seine finanzielle Lage zu bessern, gab er als Hilfslehrer Unterricht für Klavier, Theorie und Orgel an der Lehrerinnenbildungsanstalt Sankt Anna, bis er aufgrund einer Beschuldigung, die sich als falsch herausstellte, dort nicht mehr arbeiten durfte. Selbst ein erneutes "Künstlerstipendium" half ihm finanziell nur unzureichend.
Freundschaft zu Wagner
Im Jahre 1873 besuchte Bruckner in Bayreuth Richard Wagner; seitdem verband beide eine enge Freundschaft und im Oktober 1873 trat Bruckner dem Wiener Akademischen Richard-Wagner-Verein bei. Im November 1875 bekam Bruckner die Zulassung als Lektor für Harmonielehre und Kontrapunkt an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, an der Eduard Hanslick 6 bislang der einzige Professor für diese Bereiche war. Im Jahr 1876 folgte Bruckner der Einladung Wagners zu den "Bayreuther Festspielen" um der ersten Aufführung des "Ring des Nibelungen" beizuwohnen. Zwei Jahre später wurde Bruckner "wirkliches" Mitglied der Wiener Hofkapelle. Im Jahr 1882 fuhr Bruckner erneut zu Richard Wagner um den "Parsifal" zu hören - dieses Zusammentreffen war das letzte der beiden: Wagner starb im Februar 1883 an einem chronischen Herzleiden.
Abnehmende Gesundheit
Sieben Jahre später wurde Bruckner wegen einer Krankheit für ein halbes Jahr beurlaubt und anschließend in den Ruhestand versetzt. Im Juli wurde Bruckner einstimmig zum Ehrendoktor der Wiener Universität ernannt. Im Jahre 1892 wurde er Ehrenmitglied der "Gesellschaft der Musikfreunde" in Wien. Seine Gesundheit verschlimmerte sich und seine nervösen Spannungen vermehrten sich. Er setzte sein Testament auf: Seine Beisetzung sollte in Sankt Florian stattfinden, als Universalerben setzte er seinen Bruder Ignaz und seine Schwester Rosalie ein. Die Originalpartituren sollte die Hofbibliothek erhalten.
Im Jahr 1894 reiste er nach Berlin um einer Aufführung seiner 7. Symphonie beizuwohnen. Im gleichen Jahr wurde Bruckner Ehrenbürger der Landeshauptstadt Linz.
1895 siedelte er in das Kustodenstöckl des Belvedere-Schlosses um.
Im Januar 1896 hörte er zum letzten Mal eines seiner Werke. Am 11. Oktober verstarb er und wurde in Sankt Florian in der Krypta unter der Orgel beigesetzt.
1 ... Wilfrid Mellers: Musik und Gesellschaft - Eine Musikgeschichte von 1750 bis 1830. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main und Hamburg 1957, 151 f
2 ... Männerchor in Wien
3 ... Walter Abendroth: Bruckner - Eine Bildbiographie. Kindler Verlag, München 1958, S. 47
4 ... Walter Abendroth: Bruckner - Eine Bildbiographie. Kindler Verlag, München 1958, S. 50
5 ... Expendant bedeutet hier, daß Bruckner noch nicht fest angestellt war
6 ... Siehe Bedeutung Bruckners in der Romantik