III. Die Messe d-Moll

Untersuchung eines Ausschnittes

Ich habe einleitend versucht, daß gesamte Kyrie grob zu umreißen um den Ausschnitt, den ich analysiere, nicht aus dem Zusammenhang zu nehmen. Der Partiturauszug befindet sich samt Anmerkungen und Markierungen im Anhang.

Das Kyrie, dessen deutsche Übersetzung "Herr, erbarme dich! Christe erbarme dich! Herr, erbarme dich!" lautet, stellt die Anrufung an Gott dar und versucht sein Erbarmen zu erflehen. Das Kyrie wirkt hier sehr gezwungen, zerknirscht wäre wohl der passende Begriff, um die Situation darzustellen, die Bruckner hier musikalisch geschaffen hat. Der reuige und zerknirschte Sünder - des Anblick Gottes unwürdig - ruft und fleht um Erbarmen.

Das vollständige Kyrie

Das Kyrie beginnt mit einem 20-taktigen Vorspiel zu dem sich die Violinen und Bratschen in sukzessivem Einsatz gesellen. Bereits hier taucht das Motiv zum ersten Mal auf (Takt 8 bis 13); mit der Intervallfolge der aufsteigenden verminderten Quinte und der fallenden kleinen Sekunde stellt das Orchester die Geste des Flehens dar..

Dieses Motiv greift der Chor ("Kyrie eleison") auf. Soprane und Alte beginnen ihr Hauptmotiv (Takt 21 bis 24) mit einem zaghaften Flehen, was durch die fallenden Sekunden in einer chromatischen Linie dargestellt wird, zu dem sich die Männerstimmen, in der Sekunde nachahmend, gesellen. Vereint bringen die Stimmen das Hauptmotiv, nun verengt und in Umkehrung, reich umrankt von den Violinen (Takt 14 bis 43). Nach einem abermaligen, demutsvollen Anruf wagt der Sünder einen Blick gegen den Himmel, während die engelhaften Klänge des Orchesters Himmelsfreuden ahnen lassen.

Nach einem abermaligen Aufruf wenden sich drei Solostimmen an den Gottessohn, den Vermittler, mit vertrauensvollem Bitten ("Christe eleison"). Dabei wird der Hauptgedanke umgekehrt und der Sopran singt die Intervalle: fallende reine Quinte, große steigende Sekunde, fallende reine Quinte, steigende kleine Sekunde. Der Alt hingegeben singt die Intervalle: steigende reine Quinte, fallende reine Quinte (Takt 42 bis 46). Der Chor setzt ab Takt 47 wieder ein und setzt das Thema mit hauptsächlicher Verwendung des Sekund-Motivs fort. Die Überleitung, die sehr zart und harmonisch tollkühn wirkt, wird von einer Solovioline gespielt, während der Chor einen zweimaligen Unisono-Ruf 1 "Kyrie eleison" einfügt.

Das zweite Kyrie beginnt wieder mit der kanonischen Nachahmung des Hauptthemas (zwischen Alt und Baß), die nun aber mit Teilnahme auch der übrigen Stimmen reicher ausgestattet und fortgeführt wird. Dabei wird der Quintsprung des Hauptthemas erweitert. Mit diesem Oktavmotiv (unisono) erreicht der Satz des ersten Höhepunkt. Nun folgt wieder der oben aufgeführte Aufschwung gen Himmel und von dort schweben Gnadenströme hernieder. Kurz vor dem Schlusse erreicht das Stück seinen zweiten Höhepunkt, während in den Singstimmen das Oktavmotiv erklingt, welches im Orchester schon beim ersten "Kyrie" aufgetreten ist. Nachdem der Chor unisono geschlossen hat, folgt ein kurzes Nachspiel des Orchesters, in der Stimmung noch erst, aber schon hoffnungsvoll.

Es ergibt sich folgende formale Gliederung:
Vorspiel des Orchesters: von Takt 1 bis 20
1. Kyrie eleison: von Takt 20 bis 41
Christe eleison: von Takt 43 bis 63
2. Kyrie eleison: von Takt 71 bis 121
Zwischen den Gesangsteilen spielt das Orchester oder pausiert.

Untersuchung des Ausschnittes Takt 1 bis 32

Die Tonart der Messe ist d-Moll. Prägende Intervalle sind Primen (nicht markiert) Oktaven, Quinten (rot markiert) aber vor allen Dingen kleine und große Sekunden (blau markiert). Die Dynamik ist sehr umfassend: Von pianissimo bis zu fortissimo (gelb markiert) deckt das Kyrie alle Möglichkeiten der Lautstärke ab. Das Tempo ist mit "Alla breve" (sehr langsam) festgelegt.

Die verwendeten Notenwerte sind 1 / 2 , 1 / 4 (im zweiten Kyrie werden vereinzelt in den Unterstimmen 1 / 8 Noten verwendet).

Die Klangfarbe wird hier durch den Einsatz der Stimmen und der Harmonik bestimmt. Das gesamte Kyrie enthält zwar durchgehend dissonante Akkorde (auf- und absteigende Sekund-Intervalle), die sich aber immer zu einem harmonischen Klang zusammenfinden, insofern diese Motive nicht schon homophon 1 verwendet wurden.

Im ersten Kyrie singen die einzelnen Stimmen bis zum Takt 25 polyphon und imitieren dabei das Motiv. Ab Takt 25 bis zum Takt 29 singen sie unisono 1 und dann homophon.

Wort-Ton-Verhältnis
"Der Text, noch dazu der überaus vertraute Meßzyklus, fungiert gewissermaßen als Leitfaden, der die einzelnen kompositorischen Elemente umspannt und zusammenhält. Formale Unsicherheiten können somit [...] von vornherein zumindest gemildert, wenn nötig verdeckt werden" 2

Der Text wird vom Ton unterstützt und ist keineswegs unverständlich. Gerade durch die angepaßte Tondauer und die "Parallelität" (hervorgerufen durch den homophonen und unisono Gesang) der einzelnen Stimmen hat das gesamte "Kyrie" etwas Rezitatives an sich, was aber aufgrund des verwendeten Tonumfanges nicht angeführt werden sollte, da das Kyrie sehr melodisch und harmonisch ist. Verschiedene Motive sind eng mit dem Text verbunden. "Anstatt der herkömmlichen melodischen Periodenbildung bedient sich Bruckner des leichter beweglichen, den verschiedene Gedanken- und Gefühlssphären des Textes akkommodierbaren Motivs [...]" 3

Das Anfangsmotiv (absteigende kleine Sekunde) stellt die Geste des Flehens und Bittens dar, was durch den gedehnten gehaltenen Ton verstärkt wird. Durch die nachfolgende enge Führung des Motivs wird die Geste abermals verstärkt.

Der Text wird hauptsächlich syllabisch vorgetragen (Ausnahmen: unmittelbarer Beginn des Gesangs, Wortendungen, wie z.B. elei-son oder Kyri-e).


1 ... siehe Fremdwörter
2 ... Mathias Hansen in: Hansjürgen Schaefer: Anton Bruckner - Ein Führer durch Leben und Werk. Henschel Verlag, Berlin 1996, S. 166
3 ... Max Auer: Anton Bruckner als Kirchenmusiker. Gustav Bosse Verlag, Regensburg 1927, S. 88