IV. Wertung

Wenn ich bedenke, daß Bruckners erstes großes Werk diese Messe war, kann ich den Zweifel, den seine Zeitgenossen ihm gegenüber hatten, verstehen. Wie kann ein einfacher Bauernjunge solch ein Meisterwerk komponieren?
Ich empfand die Darstellung Bruckners als großer und bedeutender und einzigartigen Komponist(en) des 19. Jahrhunderts oft als zu streng, zu übertrieben. Aber wenn ich mir die Entwicklung der Messe, seine Biographie, sein Ringen um Anerkennung bewußt mache, verstehe ich diese Darstellung. Bruckner ging nicht mit der Zeit, er lebte nur zufälligerweise darin. Er war seinen Zeitgenossen weit voraus und ließ sich weder von Kritikern noch von einer mißlungenen Aufführung von seinem Weg abbringen. Er scheint mit wahrhaftig ein seltsames Phänomen zu sein, dieser in seinem Glauben so fest verwurzelte Mensch der sein Leben lang an sich selbst Kritik übte und höchst zögerlich anerkannte, daß er ein großartiger Komponist war.
In Bezug auf die Messe in d-Moll scheint Bruckner für mich wie ein besessener Dichter zu sein, nur mit dem Unterschied, daß sein Material die Noten waren. Streng durchdacht und bis ins kleinste Detail vollendet, dichtete er nach einer genauen Form, die von dem damaligen Muster abwich. Trotzdem ist seine Form und sein Ausdruck präzise und klar, sogar resolut gegen alle Kritiken. Ja, ich würde fast schon sagen, daß Bruckner diese Messe so tollkühn verfaßt hat, um möglichen Kritikern frontal und ohne Umschweife zu zeigen, daß er nicht der kleine Bauerntölpel ist, für den sie ihn hielten.

Es ist erstaunlich, mit was für einer Intention Bruckner seine Werke, auch die Messe in d-Moll, verfaßte. Erst beim Analysieren erschloß sich mir der gewaltige Umfang der Messe, denn lesen, daß Bruckner aus einer tiefen Gläubigkeit komponierte, kann man das auch ohne es zu verstehen.

Sein Mut und sein Tatendrang ist ebenso erstaunlich in Bezug auf die Stellung seiner Epoche innerhalb der Entwicklungsgeschichte der Messe. Palestrina als klassisches Vorbild und die zunehmende "Verweltlichung" der Messe durch die Verwendung eines großen, sinfonischen Orchesters - beides findet sich in der Messe wieder und steht trotzdem allein in der Geschichte. Bruckner orientierte sich nicht an Vorbildern; er ließ sich lediglich anstiften, etwas zu wagen, wovor er Angst hatte.

Auch heute noch hat die Messe in d-Moll eine Brisanz, an die wohl kein Komponist mehr heranreichen können wird, denn erst die äußerlichen, geschichtlich bedingten Umstände konnten Bruckner hervorbringen. Selbst wenn ein Komponist versuchen würde, den Stil Bruckners nachzubilden, er könnte niemals die gleiche Intention wie Bruckner haben. Aber gerade das macht den Meister Bruckner, wie er genannt wurde, aus und deswegen verdient er Respekt vor seinem Werk und seiner eigenen Person.