Ende der 80er Jahre wurde die Republik
auch vom Fieber der Miss-Wahlen erfasst. Berlin musste natürlich wie immer den Vorreiter
spielen. Es wird wohl 1987 gewesen sein, als dort eine "Miss Frühling" gekürt
wurde, erinnert sich Lothar Wuttke. Vielleicht hätte man schneller als die Berliner sein
können, resümiert er heute. Der Druck wäre jedoch noch größer gewesen. Zudem wollte
Lothar Wuttke keine Allerwelts-Miss-Wahl. Ihm schwebte eine gut vorbereitete, niveauvolle
Veranstaltung vor. Mit Hans-Joachim Böse von der Konzert- und Gastspieldirektion in
Schwerin wurde vereinbart, dass er ein richtiges Drehbuch für die Miss-Wahl schreibt.
"Der Name sollte etwas mit Wittenberge und Veritas zu tun
haben", erzählt Lothar Wuttke. Nichts mit Frühling oder Herbst. Doch bei
"VERITAS" gab es Widerstand aus dem Nähmaschinenwerk; vor allem dem Bereich
Außenhandel sei die Verbindung des Produktnamens mit einer Miss-Wahl suspekt gewesen. Zu
den Legenden zählt nach Lothar Wuttke, dass bei der zweiten Miss-Wahl 1999 der Name
"VERITAS" nicht verwendet werden durfte und deshalb eine "Miss
Wittenberge" gewählt werden musste. Das internationale Amt für Warenzeichen in
Madrid hatte sich angeblich eingeschaltet. "Dies ist völliger Quatsch", sagt
Lothar Wuttke. Man habe sich damit vielmehr bei der Stadt bedanken wollen, die bereits
1988 erklärt hatte, sie würde ihren Namen zur Verfügung stellen, wenn der Betrieb einen
Rückzieher mache.
Schon vor dem 10. September, einem Sonnabend, war die Miss-Wahl
Stadtgespräch. Die Betriebszeitung "Werk und Welt" hatte die letzte Seite als
Plakat gestaltet, mit dem für die Veranstaltung geworben wurde. Erst sollten nur
Veritas-Mitarbeiterinnen starten dürfen, dann reichte es, wenn die Bewerberin
versicherte, zu Hause eine Veritas-Nähmaschine zu haben. 16 junge Damen meldeten sich,
zwölf präsentierten sich am 10. September in zwei Durchgängen in Kleidung
eigener Wahl sowie in "Bademode".
Schon der Eintrittspreis von 25 Mark war sensationell. So teuer waren
nicht mal die Karten in der Berliner Staatsoper, berichtet Lothar Wuttke. Fast 350 Leute
füllten den Saal und ebenso viele umlagerten den Veritasklub. Die, die draußen bleiben
mussten, brachten sich Decken und Getränke mit und hofften, durch einen aufgezogenen
Vorhang in den Saal spähen zu können. Drinnen ging es nobel zu. Nur Rotkäppchen-Sekt
wurde ausgeschenkt. Diesen zu bekommen sei schon ein Kraftakt gewesen, erzählt Lothar
Wuttke. Blumen standen auf den Tischen, Akrobaten, ein Feuerschlucker und Schaufrisieren
unterhielten das Publikum.
Als um Mitternacht Karin Lutz als "Miss VERITAS" ausgerufen
wurde, brach lauter Jubel los. Die ansonsten sehr selbstbewusste Sekretärin aus dem
Ausbesserungswerk sie gehörte zur Ballettgruppe des Arbeitervarietés
musste um Haltung ringen. Schließlich wurden die Mitglieder des Veritasklubs auf die
Bühne gerufen und gefeiert. Im Überschwang flogen die Blumensträuße von den Tischen
auf die Bühne. Lothar Wuttke meint heute, wenn die Veranstaltung schief gegangen wäre,
hätte der Klub dicht machen können. So aber gab es eine Prämie von Betriebsleiter Klaus
Völzer. Während die "Miss" am Montagmorgen wieder ihrer gewohnten Arbeit
nachging, war die Veranstaltung noch lange Stadtgespräch, insbesondere die 1000 Mark
Preisgeld mehr als ein üblicher Monatsverdienst.