Was haben der
große Schauspieler Johannes Heesters und die Box-Legende Max Schmeling gemeinsam? Der
Erstgenannte erblickte 1903 das Licht der Welt und ist damit derselbe Jahrgang wie das
Nähmaschinenwerk in Wittenberge. Schmeling bringt es dagegen auf "nur" 98
Jahren, aber er trat mit Boxershorts in den Ring, die mit Qualitätssiegel "Made in
Brandenburg" genäht wurden. Beide schickten Glückwünsche nach Wittenberge. Andere
Promis schlossen sich an.
Max Schmeling, Box-Weltmeister aller Klassen von 1930 bis 1932, erinnert sich:
"Oft habe ich im Zug von Berlin nach Hamburg den großen Uhrenturm der Werkshallen
gesehen." Er bedauert, nie einen Abstecher nach Wittenberge unternommen zu haben.
Aber das lässt sich ja nachholen. In einem Interview zu seinem 98. Wiegenfest Ende
September d.J. verriet er: "Ich will mindestens 100 Jahre alt werden."
Bald heißt es auch im Domizil von Johannes Heesters: "Prost". Stichtag
ist der 5. Dezember. Wie eh und je humorvoll - wie wir ihn aus seinen großen Filmen sowie
Shows kennen -, schreibt er: "Wir arbeiten beide noch!! Ich auf der Bühne, und du,
liebe Nähmaschine, in den Haushalten und in den Schneidereien!"
Wie wahr. Aus der Stadt Wittenberge wurden jahrzehntelang
Singer-Haushaltsnähmaschinen in alle Teile der Welt exportiert. Es war das einzige
Singer-Haushaltsnähmaschinenwerk in Deutschland und das größte in Europa. Auch zu
DDR-Zeiten "stichelte" der Markenname VERITAS unter VEB-Flagge erfolgreich, ja,
galt sogar als ein echter Verkaufsschlager. Was dem Vater der Trabant, war der Mutter ihre
VERITAS, so hieß es damals. Insider erinnern sich, dass der Quelle-Versandhandel unter
dem Namen Privileg auch VERITAS-Nähmaschinen verkauft hat. Nach der Wende riss der
Erfolgsfaden 1991 abrupt ab. Für immer schlossen sich die Werkstore. Schade.
Stars und Singer
Es stimmt, die IG Metall ist noch immer traurig, dass es "trotz
umfangreichen Versuche und zahlreiche guter Ideen nicht gelungen ist, die Tradition
Wittenberges als 'Stadt der Nähmaschinen' fortzuschreiben", äußert sich der
jetzige Gewerkschaftsboss, Jürgen Peters, in seinem Grußwort.
Nun hält nur noch der VERITASKLUB die Fahnen hoch, ein aktiver Zusammenschluss aus
ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sehenswert ist der Internetauftritt unter
www.veritaslounge.de.vu/. Dort sind unter anderem die Grußschreiben der Promis
anlässlich des Jubiläums mit einem Klick zugänglich. Ein Blick lohnt sich. Die lange
Liste ist erstaunlich. Wer hätte das gedacht: Etliche Promis, Stars und Sternchen
verbinden viele Anekdoten mit "ihren" Nähmaschinen aus Wittenberge.
Zum Beispiel Klausjürgen Wussow, oberster Weißkittel-Träger der in den
80er-Jahren beliebten TV-Serie "Schwarzwaldklinik", plaudert über seine ersten
Theaterschritte. "Ich erinnere mich gerne an die Zeit, als unsere Bühnenkostüme in
den Häusern Waren und Malchin auf der Singer-Nähmaschine gefertigt wurden."
Schlagersängerin Mary Ross verbindet mit dem Namen Singer ein Stück Kindheit,
schließlich nähte und verbesserte Mama Roos das Kinderoutfit zu Hause auf einer Singer.
Dagegen stellen sich bei Nina Hagen die Nackenhaare hoch, wenn sie nur das Wort
Nähmaschine hört. "Als meine Tochter Cosma noch klein war, stach plötzlich die
Nadel der Nähmaschine durch ihren Zeigefinger... es war einer der schrecklichsten Momente
in meinem Leben." Später war alles nur noch halb so schlimm, Wunde verheilt. Die
Sängerin schlägt vor: "Ein neues verfassungsverankertes Gesetz zu schaffen,
Nähmaschinen nie unbeaufsichtigt zu lassen."
"Mein schönstes Weihnachtsgeschenk..."
Das Bekenntnis der Schauspielerin Maren Gilzer (Glücksradfee)
überrascht da kaum noch: "Als ich elf Jahre alt war, wünschte ich mir eine
Spielzeug-Nähmaschine zu Weihnachten. Die große Überraschung: Ich bekam eine echte
Singer! Es war mein schönstes Weihnachtsgeschenk, das ich je als Kind bekommen
hatte!" Jens Weißflog, der große Skispringer, gesteht ein, nicht gerade ein
Überflieger im Schulfach Nadelarbeit gewesen zu sein. Während seiner Wettkampfreisen
wünschte sich der Star aber oft Muttis Singer ins Hotelzimmer, um geplatzte Nähte an
seiner Sportbekleidung zu flicken. "Mir blieb nichts anderes übrig, als zu Nadel und
Faden zu greifen. Die Erfindung der Nähmaschine ist wirklich ein Segen." Hört,
Hört!
Beachtliche Erfolge hatte das Werk in Wittenberge auf dem europäischen Markt nach
dem Zweiten Weltkrieg. 7.643.872 Nähmaschinen, darunter die legendäre Modelle 8014/29,
8014/43 und die Columba, verließen die Werkshallen. "Anlässlich des 100.
Jahrestages möchte ich darauf hinweisen, wie groß die Bedeutung Ihres Unternehmens für
die DDR war", schreibt PDS-Politikerin Sahra Wagenknecht an den VERITASKLUB.
In Dresden nahm übrigens alles seinen Anfang. Nähmaschinenfabrikant August
Clemens Müller ließ sich am 1. Oktober 1894 den Namen "Veritas" (lateinisch
für Wahrheit) für seine neu entwickelte Maschine patentieren. Ob der bekennende
Weinliebhaber sich mehr von dem lateinischen Spruch "in vino veritas"
inspirieren ließ? Wir wissen es nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging sein Unternehmen
in Staatshand über. 1951 erfolgte in der DDR die Produktionsverlegung der Fabriken
Clemens Müller Werke sowie Seidel & Naumann nach Wittenberge. Vier Jahrzehnte später
verschwindet VERITAS in der undurchsichtigen Welt des Finanzkapitals.
Keine Schlagzeile zum Start
1903: Die Brüder Wright eroberten mit ihrem Pionierflug am 17.
Dezember die Lüfte. Zum ersten Mal wurde die Tour de France ausgetragen. Und das Singer
Nähmaschinenwerk feierte in Wittenberge seine Eröffnung - allerdings ohne Schlagzeilen
in der Weltpresse. Sei es drum. Trotzdem, ein kleiner Schritt mit großer Bedeutung,
findet Fernsehhistoriker Professor Guido Knopp. "Die vielen Singer-Nähmaschinen
verkörpern sicherlich genauso einen großen Fortschritt und ein Stück Unabhängigkeit
für diejenigen, die stolze Besitzer eines solchen mechanischen Meisterstückes
waren." Auch PDS-Promi Gregor Gysi greift in die Schublade der Geschichte, schreibt
über eine "Arbeitserleichterung für Frauen". Hatten die Erfinder vielleicht
schon die Gleichberechtigung und Gleichstellung im Blick? Wohl kaum.
Angela Merkel, Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, verwendet in ihrem
Schreiben sogar ein Zitat von Mahatma Gandhi, der die Singer-Nähmaschine als "eines
der wenigen nützlichen Dinge, die jemals erfunden wurden", bezeichnet. Besonders
lobt sie das Engagement des VERITASKLUBS, der "das kulturelle Erbe des ehemaligen
Singer/Veritas-Nähmaschinenwerkes in Wittenberge pflegt und den Jugendlichen im Raum
Wittenberge wie auch bereits vor der Wende attraktive kulturelle Angebote macht."
Lobende Worte kommen unter anderem auch aus der Feder der Nähmaschinen-Konkurrenz.
Bernina-Chef Hanspeter Ueltschi meint: "Ich finde es großartig, dass Sie den Teil
der allgemeinen Nähmaschinen-Geschichte aktuell halten und entsprechend Aktivitäten
durchführen." Auch Manfred Stolpe, ehemaliger Ministerpräsident des Landes
Brandenburgs, schreibt. "Gegen die Vergesslichkeit der Zeit pflegen Sie die Werte der
Tradition und halten in Erinnerung, welche außerordentliche Industrieleistungen von Ihnen
in der Prignitz erbracht worden sind."
Eine neue Veritas in Sicht
Und die Profi-Näher? Glückwünsche auch von ihnen. Aus Potsdam
flatterte Post von Modeschöpfer Wolfgang Joop ins Haus. Ein Loblied auf die gute alte
Nähmaschine: "'Go back to your Singer', sagte ich manchem Jung-Designer, der zum
großen Sprung ansetzen wollte", schreibt er. Was wohl so viel heißen soll wie
"Kreiert tragbare, machbare Mode!" Designerin Jil Sander, die nach dreijähriger
Pause wieder eigene Kreationen entwirft, findet die Tätigkeiten des Klubs "sehr
interessant".
Die letzte "Famula" verließ 1991 in Wittenberge das Band. Aber
vielleicht tragen ja schon bald wieder Haushaltsnähmaschinen den Schriftzug Veritas. Dann
ginge ein Herzenswunsch der ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Erfüllung. Die
ersten Schritte in diese Richtung sind gemacht. Vor kurzem überreichte
Nähmaschinen-Kaufmann Peter Fischer aus Heilbronn dem Wittenberger Museum einen
Veritas-Prototyp. Ein denkwürdiger Augenblick, den die örtliche Presse in unzähligen
Artikeln festhielt. Fischer will 4000 dieser Modelle in China produzieren lassen. Die
Maschinen sollen zu VK-Preisen "von 130 bis 999 Euro" in die Läden kommen,
heißt es dazu. Das wäre ein schönes Geburtstagsgeschenk, finden alle Ehemaligen, die
sich den Worten Johannes Heesters zum Geburtstag anschließen: "1903 muss ein guter
Jahrgang gewesen sein!"