Wien
In Wittenberge, auf halbem Weg zwischen Berlin und Hamburg, wurde der 100-jährige Bestand
einer Fabrik gefeiert, die gar nicht mehr besteht: Das Nähmaschinenwerk Veritas, einst
ein Vorzeigeunternehmen der DDR, ist seit 1991 liquidiert. "Singer und Veritas,
Mythos und Legende, Nähmaschinen in Vollendung, in weiblicher Vollendung", steht auf
der Website zu lesen, die ebenso weiter betrieben wird wie das erst 1999 gegründete
Nähmaschinenmuseum. Die Stadt wird infolge der Abwanderung "rückgebaut", was
aber der Verehrung für die Nähmaschine keinen Abbruch tut: "Eine Inkarnation aus
Lady, Engel, Vamp, Femme Fatale und Schlampe; denn auch sie konnte nicht kochen und war
käuflich."
Singer und Veritas sind gewichtige Teilhaber der Geschichte der
Nähmaschine. Diese hat mit dem aus Kufstein stammenden Schneidermeister Joseph
Madersperger begonnen, der aber sein Patent nicht kommerziell nutzen konnte und 1850 im
Armenhaus starb. Reich wurden zwei Bostoner Mechaniker, der geniale Elias Howe und der
geschäftstüchtige Isaac Singer (der laut Gerichtsurteil wöchentlich 4000 Dollar
Patentgebühr an Howe zahlen musste). Die von Singer 1851 gegründete Firma ist seit 1991
börsenotiert.
Auch in Deutschland gab es einen Nähmaschinenboom, fast genau 100
Jahre lang, von 1880 bis 1980. Mehr als 200 deutsche Firmen beschäftigten sich mit dem
Bau von Nähmaschinen, unter ihnen Adler, der Vor-Auto-Zweig von Opel, Phoenix und
Veritas. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten sich auch Messerschmitt oder Zündapp auf
diesem Markt. Als Fernost-Importe nach Europa drängten, brach der Preiskrieg los. Bis zur
Vereinigung waren alle westdeutschen Fabriken geschlossen - außer der Pfaff AG, die 1993
von Singer übernommen und 1999 in die Insolvenz geschickt wurde.
Veritas produzierte nach Singer-Plänen, aber eigenständig. Der
"Volkseigene Betrieb" wurde üppig mit Geld versorgt und wuchs zu Europas
modernstem Nähmaschinenwerk.
Dann kam die "sogenannte Wiedervereinigung", formulieren die
DDR-Nostalgiker ihre Version des Niedergangs: "Undurchsichtige weltweite politische
und wirtschaftliche Machenschaften beendeten die langjährige Tradition Wittenberges als
,Stadt der Nähmaschinen' in Europa." Zu Silvester 1991 "erfolgte gemäß den
Gesetzen der Marktwirtschaft die Liquidation". 7.643.872 Nähmaschinen seien nach
1945 produziert worden. Das Erfolgsrezept sei Qualität gewesen, "eine Eigenschaft,
die es in der ,freien' Marktwirtschaft nicht geben darf."