Wittenberge
Für zwei Stunden trafen sich gestern Nachmittag Nähmaschinenwerker von einst bei Kaffee,
Cognac und Nähmaschinentorte, um Geschichten von damals auszukramen.
Damals - das sind vor allem Begegnungen mit Singer, die das Leben der
heutigen Rentner entscheidend prägten. "Ich zehre heute noch von meiner
kaufmännischen Lehre, und wünschte, dass andere sie auch so durchlaufen hätten",
weiß Heinz Muchow, der von 1938 bis 1941 als Stift alle Abteilungen des Werkes und den
damaligen Direktor Wilhelm Starcke kennenlernte und heute als Wittenberger Heimatforscher
über das Auf und Ab des Nähmaschinenwerkes mehrfach Publikationen veröffentlichte.
"Bei Singer lernen zu können, darauf konnten wir damals schon stolz sein", sagt
Karl-Heinz Haberer, der ein Jahr vor dem bitteren Ende des Veritas-Werkes
"freiwillig" in Vorruhestand gehen musste.
Er begann 1943 seine Lehre, die ihm einiges abverlangte: von 400
Bewerbern, wurden 150 zur Prüfung zugelassen, wovon nur 25 letztlich ihre Ausbildung
antreten durften, erinnert er sich.
Kurt Röber wusste noch zu genau, dass sein Lehrmeister Burghammer eine
harte Faust hatte, die sie zu spüren bekamen. "Wenn wir montags zuviel quasselten,
kriegte er alles mit, denn er hatte sich ein Loch in die Zeitung geschnitten",
verriet Röber die Tricks seines Meisters, den er dennoch schätzte. Er lernte von 1935
bis 1939 Werkzeugmacher.
Erwin Rannow, Jahrgang 1920, war in dieser Runde der älteste, der bei
Singer als 14-jähriger einen Beruf erlernte. Er sei bei seiner Lehre von 1934 bis 1938
nur mit einer einzigen Ohrfeige ausgekommen, schwört der fast 85-jährige. Für ihn als
Lehrling war es etwas ganz Großes, gleich tausend anderen morgens mit der Sirene zum Werk
und abends wieder nach Hause zu gehen.
Vom Singer-Veritas-Geist, der sich in Disziplin, Sauberkeit, aber auch
Freude an der Arbeit widerspiegelte, wussten ebenso Arthur Witt und Harald Könning zu
berichten. Letzterer betreut heute den Veritas-Seniorenclub und organisierte mit Lothar
Wuttke, der den Veritas-Jugendclub leitet, diese wohl einmaligen Runde von
Nähmaschinenwerkern. "Auch wenn Veritas Stein für Stein abgebaut wurde, im Geist
ist er bei den Wittenbergern immer präsent", so Lothar Wuttke. Ein guter Stoff für
ein Lesebuch, an dem Wuttke derzeit schreibt, in dem gerade diese episodenhaften
Geschichten ihren Niederschlag finden sollen.
Übrigens, die Singer-Geschichten sind vom rbb aufgezeichnet worden und
werden am heutigen Mittwoch um 19.30 Uhr bei rbb-Aktuell sowie am Sonntag bei rbb-Regional
um 18.02 Uhr ausgestrahlt.