Es wird
höchste Zeit, sich tiefgründiger mit der Geschichte des Wittenberger Nähmaschinenwerkes
zu beschäftigen, findet Lothar Wuttke, der hier selbst einmal gearbeitet hat. Noch ist es
nicht zu spät, um hier echte Originale anzutreffen.
Im Uhrenturm steht ein Großteil des alten Sortiments, womit Singer und
Veritas vor allem Frauen glücklich machten. Allein Singer baute in Wittenberge bis 1945
an die 6 Millionen solcher Geräte. Genügend Stoff, um daraus eine etwas andere
Firmen-Biographie zu schneidern, sagte sich der Ex-Mitarbeiter Lothar Wuttke. Aber nicht
Zahlen und Technik interessieren ihn dabei. Vielmehr soll die Belegschaft im Mittelpunkt
stehen.
Lothar Wuttke, Ex-Mitarbeiter
"Wir wollen ihre Geschichte erzählen. Und ihre Geschichte ist nicht nur das Werk,
wie es da steht, das Gebäude, sondern da haben Menschen drinnen gearbeitet. Ihre
Geschichte, wie haben sie an diesen Maschinen gearbeitet, wie haben sie hier ihr Leben
verbracht, das wollen wir erzählen."
Diese Geschichte ist 100 Jahre alt. Schwer, da noch etwas über den
Alltag zu erfahren. Alte Aufnahmen verraten einiges. So sah damals die Singer-Werkküche
aus und das waren die Damen für alle Fälle. Einige, die diese Zeit noch miterlebt haben,
wollte Lothar Wuttke mit solch einer Nähmaschinen-Torte überraschen. Er hatte sich mit
ihnen verabredet in der Hoffnung, dass sie wieder Geschmack an den alten Zeiten finden und
mehr davon erzählen. Diese Vier gehören zu den letzten Singer-Mitarbeitern in
Wittenberge. In den 30-ern und 40-ern begannen sie ihre Berufsausbildung im Werk, worum
sie damals viele beneidet haben dürften.
Karl-Heinz Haberer, hat bei Singer Schlosser gelernt
"Nach meiner Kenntnis sollen damals 400 Bewerber vor der Tür gestanden haben. 150
wurden zur Prüfung angenommen. Und von den 150 sind 25 übrig geblieben."
Während man anderswo noch für die Lehre bezahlen musste, bekamen die
Stifte bei Singer immerhin schon ein kleines Gehalt. Aber es lockten ja noch ganz andere
Dinge.
Heinz Muchow, hat bei Singer Industriekaufmann gelernt
"Es gab einen Singer-Werkverein und der hatte viele Sparten. Darunter Fußball,
Handball, Tennis ich selbst habe als Lehrling Tennis gespielt aber da gab's
denn auch einen Briefmarkenklub, einen Auslandsklub, die sich dann mit Fremdsprachen
beschäftigt haben."
Wohl dem, der sich damals ein Stück vom begehrten Singerkuchen
abschneiden konnte. Noch heute schwärmen die Alten von der soliden Ausbildung, auch wenn
die Lehrmeister so ihre Macken hatten. Genau das sind die Episoden, die Lothar Wuttke
interessieren.
Kurt Röber, hat von 1935 bis 1938 bei Singer gelernt
"Montags meistens wurde ja erzählt, was man Wochenende erlebt hatte und dann saß
der Meister mit einer Zeitung, durch die er uns aber beobachten konnte. Und dann ging er
rum und dann zack, zack kriegte man ein paar hinter die Ohren. Man wusste genau
warum."
Schon im nächsten Jahr sollen die Erinnerungen veröffentlicht werden,
die auch 13 Jahre nach Schließung der Fabrik in Wittenberge immer noch sehr lebendig
sind.
Lothar Wuttke, Ex-Mitarbeiter und Buchautor
"Der Geist, der hier oft angesprochen wurde, der Singergeist, danach dann der
Veritas-Geist, der ist nach wie vor vorhanden in Wittenberge. Das Singerwerk, in welcher
Form auch immer, ob man es Stein um Stein abbaut im Geist wird man es nie abbauen
können."