Wittenberge
Am Pavillon neben der Kantine, wo Else die schmackhaftesten Kohlrouladen zubereitete,
kommen die Erinnerungen. Nach dem Mittag stand man hier mit Kollegen aus den anderen
Abteilungen, tauschte Neuigkeiten aus, die nicht in "Werk & Welt" standen,
und kehrte den Losungen von Gewerkschaft und Partei den Rücken. "Da hingen die Fotos
von Neuerern, Kollektiven der sozialistischen Arbeit und von Aktivisten", erzählt
der 41-jährige Mario Wisotzky vor laufender Kamera. "Können Sie im heutigen Deutsch
erklären, was Aktivisten waren?", hakt Filmer Sebastian Schirmer nach. "Ich war
keiner, aber dazu zählten jene, die den Plan übererfüllten", versucht Wisotzky,
ehemaliger Nähmaschinenwerker und heutiger Gruppenleiter bei der Lebenshilfe, einem
"von drüben" das Vokabular zu erklären.
Das Interesse ist echt, das die
zwei 24-jährigen Offenburger Filmstudenten Sebastian Schirmer und Ryoraro Kajimura
gestern auf dem ehemalige Werksgelände des Nähmaschinenwerkes zeigten. Sie sind auf
Spurensuche nach der DDR, nach bekannten Bildern und dem tatsächlichen Leben unter der
Oberfläche.
Die beiden Westdeutschen wollen 16 Jahre
nach der Wende in einem Dokumentarstreifen Ostdeutschland für sich und andere entdecken.
Studien besagen, dass jeder dritte Westdeutsche noch nicht in den neuen Länder war. Ihre
filmische Reise durch Wittenberge, Halle, Dresden und Bautzen soll mehr Verständnis für
die vielen Missverständnisse zwischen Ost und West entwickeln helfen, so ihr Wunsch. So
nannten sie dieses erste große Filmprojekt "Besuch zu Hause". |