Wer in
Wittenberge wissen will, was im wahrsten Sinne des Wortes die Stunde geschlagen hat, der
kann auf einem ganz berühmten Zeitmesser nachsehen.
WITTENBERGE - Dank des ehemaligen Nähmaschinenwerkes verfügt die
Stadt nämlich über die größte freistehende Turmuhr in Deutschland und auf dem
europäischen Festland. So sagt es der Veritasklub. Und seine Mitglieder müssen es
eigentlich ganz genau wissen, verfolgen sie in ihrem Verein doch mit Ehrgeiz das Ziel, die
Erinnerungen an das Werk wach zu halten, die Historie aufzuarbeiten und für die Zukunft
die Betriebsgeschichte zu bewahren.
Dazu gehört auch, sagt Lothar Wuttke, über viele Jahre engagierter
und einfallsreicher Chef des Veritas-Klubhauses, tiefgründig zu Fakten nachzuforschen und
den einen oder anderen Irrtum auszuräumen. "Das Erstaunlichste unserer jüngsten
Recherchen und Nachforschungen: Das Werk wurde in seiner sozialistischen Ära niemals dem
amerikanischen Singer-Konzern enteignet."
Bis 1945 produzierte die Singer-Nähmaschinenfabrik, die am 1. Mai 1904
den Betrieb aufnahm, zirka 6,5 Millionen Haushalts-, Kinder-, Industrie-, Spezial- und
Gewerbenähmaschinen. Nach dem 2. Weltkrieg wurden genau 7.650.877 Millionen Nähmaschinen
im Wittenberger Werk gefertigt, vermeldet der Klub und er ist überzeugt, "der VEB
Nähmaschinenwerk hier in der Stadt avancierte unter anderem mit den Markennamen
"VERITAS" und "Naumann" "in den 80er Jahren zur modernsten
Nähmaschinenfabrik der Welt". "Nur das Werk in Podolsk (SU) produzierte mehr
Nähmaschinen als wir und war damit weltführend", stellen die ehemaligen
Nähmaschinenwerker fest.
Schon in den 30er Jahren stand Singer für die modernste und
leistungsfähigste Fabrik ihrer Art in Deutschland.
VERITAS aus Dresden geholt
Interessant sei auch der Umstand, dass der Chefkonstrukteur Georg
Rummert 1956 mit seinem Baukastensystem für Nähmaschinen die Produktion und das Design
quasi revolutionierte. "Diese Erfindung brachte dem Betrieb internationale
Anerkennung." Georg Rummert, geboren in Blankenburg und seit 1950
Nähmaschinenwerker, verbringt heute nach Wissen der Klubmitglieder seinen wohlverdienten
Ruhestand in der Prignitz.
"Urautor" des Markennamens VERITAS war der Dresdner
Nähmaschinenfabrikant Clemens Müller. Die Rechte auf das Warenzeichen bzw. den
Markenname gingen am 2. Oktober 1955 auf den VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge über.
Müllers Nachfahren sollen noch im Raum Dresden leben. Der Leiter des Veritasklubs weiß,
dass "der Markenname VERITAS, lateinisches Wort für Wahrheit, heute begehrt ist
unter den Herstellern von Nähmaschinen. Derzeit befinde er sich im Besitz der
schweizerischen Bernina AG."
Die erste Misswahl in der DDR
Der Jugendklub des Nähmaschinenwerkes war erfolgreich sowie innovativ
und hatte sich damit in der DDR einen Namen gemacht. Als einer der ersten Klubs in der DDR
veranstaltete er beispielsweise eine Misswahl.
Mit dem 2. Januar 1990 begann im Nähmaschinenwerk schon die so
genannte Abwicklung des Gesamtbetriebes. Der Veritasklub stellt fest: Die Demontage des
Betriebes 1990 war gründlicher, als die der sowjetischen Besatzungsmacht nach dem 2.
Weltkrieg."
Am 23. Oktober 1991 habe dann der Vizepräsident der Treuhandanstalt
(THA), Hero Brahms, gegenüber dem Nähmaschinenwerk die Liquidation verkündet:
"
durch den Leitungsausschuß der THA wurde die
Nähmaschinenwerk Wittenberge GmbH als nicht sanierungsfähig- und würdig eingestuft. Auf
dieser Grundlage ergibt sich die Notwendigkeit, die Abwicklung der Nähmaschinenwerk
Wittenberge GmbH einzuleiten
"
Am 20. Dezember 1991 lief symbolisch die letzte Haushaltsnähmaschine,
eine "Famula 4681", vom Band. Damit was das endgültige "Aus" für die
noch rund 800 Beschäftigten von einst über 3000 des Nähmaschinenwerkes besiegelt.
Oberstufenzentrum und 43 Firmen
Heute ist das Betriebsgelände zweigeteilt: Der Landkreis erwarb einen
Teil der Immobilie, baute die Gebäude um und richtete hier das Oberstufenzentrum ein, in
dem Hunderte junge Leute unterrichtet werden. Wo einst die Direktoren des Werkes ihr Büro
hatten, sitzt heute Schulleiter Detlef Bork.
Der andere und weitaus größere Teil des alten Werksareals
einschließlich des Uhrenturms ist in Privathand. Ein mittelständischer Unternehmer hatte
nach der Wende große Pläne und scheiterte. Heute wird dieser Veritas-Park
zwangsverwaltet. Vielfältig sind die Bemühungen, in den großen Fabrikgebäuden neue
Firmen anzusiedeln. Der im Auftrag der Zwangsverwalter vor Ort agierende Ralf von Hagen
beziffert die Zahl der Unternehmen mit Sitz im Veritas-Park auf 43 mit insgesamt rund 300
Beschäftigten. Zu den größeren gehört die GbR Schulz und Schulz sowie Salomo und Voß.