Fast acht
Millionen Geräte stellte das Nähmaschinenwerk in Wittenberge seit 1946 her. 1991 war
Schluss. Die Treuhand machte den Betrieb dicht, obwohl es sich um die größte und
modernste Nähmaschinenfabrik mindestens in Mittel- und Westeuropa handelte.
Eine Buchreihe erzählt die Geschichte des 1903 errichteten Werkes. Der
dritte Band über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist jetzt erschienen. Es ist ein
Buch vor allem zum Anschauen, denn es versammelt zirka 100 Bilder aus den Jahren 1976 bis
1989. Aufgenommen hat sie unter anderem Burkhard Lange, damals wie heute ND-Fotograf.
Dass der alte Singer-Betrieb mit dem neuen Markennamen
"Veritas" in die Weltspitze vorstoßen würde, ließ sich beim schweren Anfang
nach dem Krieg nicht erahnen, schreibt der Autor Lothar A. K. Wuttke. 1945 besetzten
sowjetische Truppen das Werksgelände und befahlen die Demontage und den Abtransport nach
Podolsk, zu den dortigen Mechanischen Werken.
Doch die Produktion in Wittenberge lief wieder an, zunächst im Oktober
1945 in der Gießerei. Im November 1946 baute der Betrieb das erste Gerät nach dem Krieg,
eine Gewerbe-Nähmaschine für die Textilindustrie. Im März 1947 kam der erste große
Auftrag herein: die Fertigung von je 3000 Hockern und Nachtschränken für die sowjetische
Armee. Schließlich verdienten über 3000 Arbeiter und Angestellte aus Wittenberge und
Umgebung ihre Brötchen bei Veritas. Es gab Zweigstellen in Lenzen und Bad Wilsnack.
Aber Veritas sorgte nicht nur für Jobs. Zum Unternehmen gehörten
Bibliothek, Klubhaus, Wohnheim, Sportanlagen, Urlauberdomizile, Kindergärten, sogar eine
Betriebssparkasse und ab 1982 ein Jugendklub, dessen Leiter Lothar A. K. Wuttke war. Das
Nähmaschinenwerk sei "der wirtschaftliche, kulturelle und sportliche Lebensnerv
einer ganzen Region" gewesen, heißt es im Buch. "Heute gibt es in Deutschland
keine Firma mehr, die Haushaltsnähmaschinen produziert."