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Diesen aus fernsehhistorischer Sicht ausgesprochen wertvollen Test hat unser allseits geschätzter Mitarbeiter Peter K. im Oktober 1994 für eine andere Zeitschrift geschrieben, deren Namen in der Überschrift wir gegen Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah ausgetauscht haben. Ansonsten ist der Text unverändert und ungekürzt. 

Vor einem knappen halben Jahr wurde durch den Start von Viva erstmals im deutschsprachigen Raum das Monopol von MTV auf dem Markt der Musikvideosender gebrochen. Nun ist es an der Zeit, die beiden Sender einem direkten harten aber 100 % objektiven Vergleichstest zu unterziehen. Als Tester konnte die Redaktion Peter Kern gewinnen, der für die in Fachkreisen hochgelobte "Motor und Technik-Zeitschrift (MOTZ)" u.a. den 48000 km Langstreckentest Ferrari Testarossa gegen Porsche 911 Carrera durchführte und sich als Tester für einen Seat-Marbella-Crashtest zur Verfügung stellte. Die umfangreichen technischen Datentabellen und detailliert aufgeschlüsselten Punktwertungen, die der Autor erstellt hat, wollten wir den Lesern nicht zumuten. Sie können jedoch gratis bei der Redaktion angefordert werden.
 
 

Der Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah 48-Stunden-Doppeltest: Viva gegen MTV

1. Etappe: Musikauswahl

Testbeginn Sonntagabend 10 Uhr. MTV sendet um diese Zeit immer "120 Minutes". Thema ist  Independent Music, wobei der Begriff recht weit ausgelegt wird: Neben Musik, die wir in den 80ern als New Wave bezeichnet hätten, reicht das Spektrum von Punk bis zu langweilig dahinplätschernden Computerklängen (Ambient). Ziemlich unterschiedlich sind auch die Herkunftsländer der Bands: USA & U.K. natürlich, aber auch hierzulande Unbekanntes aus verschiedenen europäischen Ländern wird gezeigt. Stark vertreten ist übrigens Deutschland: Terry Hoax und die Krupps wurden in "120 Minutes" ziemlich gepowert und auch die jeweils neuen Videos von den Toten Hosen und Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs habe ich zuerst hier gesehen. Die musikalische Vielfalt in "120 Minutes" hat leider zur Folge, daß sich auch unter Independent-Freaks garantiert niemand findet, dem wirklich alles gefällt, was in dieser Sendung gespielt wird. Andererseits sind die schwächeren Momente von "120 Minutes" natürlich eine gute Gelegenheit, auf Viva umzuschalten.
In diesem Fall echtes Kontrastprogramm: Die Viva-Charts (USA, Großbritannien und Deutschland). Spätestens bei der deutschen Nr. 1, den schmalztriefenden  All 4 One und ihrem Schmachtfetzen "I Swear", ist der Griff zur Fernsteuerung überfällig.

Dummerweise beginnen auf MTV gerade Beavis and Butt-Head, die wohl allgemein bekannt sind. Ich halte mich an ihren Kommentar zu einem Video von Salt'n Pepa: "Push it? Push what? Push that little button on the remote".

Auf Viva läuft jetzt "Jam", ein Magazin, das sich jeweils 45 Minuten lang einem bestimmten Act widmet, heute Roger Taylor. Das Auswahlkriterium für die Jam-Specials ist durchschaubar: Berichtet wird über alle Bands, für die Rudi Dolezal und Hannes Rossacher (DoRo) kürzlich ein Video inszeniert haben. Dolezal und Rossacher, die "Jam" produzieren, sind ihrem Stil, den alte ORF-Seher noch aus "Okay"- und "X-Large"- Zeiten kennen, treu geblieben: Sehr schnelle Schnitte, kurze Interview- und Videoausschnitte, meist eine gelungene Verbindung von Information und Unterhaltung. Manchmal nervt es allerdings, einen Videoclip in zehn Schnipseln auf 45 Minuten verteilt zu sehen.

Seit 23.30 auf MTV: "Headbangers Ball", Heavy Metal, wie zu erwarten war, Geschmackssache.

Nachts, wenn die Aufmerksamkeit sinkt, wiederholen beide Sender rücksichtsvollerweise die Shows der letzten Tage, bis es morgens auf Viva mit "Was geht ab" weitergeht. Über den unverschämt provozierenden Titel wollen wir mal hinwegsehen. (Was soll am Montagmorgen schon abgehen? Höchstens ein Massaker im Klassenzimmer nach dem Motto "I don't like mondays".) Inhaltlich handelt es sich um ein pseudo-Magazin mit vielen Videoclips.
Zur gleichen Zeit auf MTV Videos fast non-stop, nur sporadische Ansagen, meist aus dem Off.
Beide Sender blenden morgens Uhren ein, um die Schüler und Werktätigen daran zu erinnern, nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher zu verbringen.
Ernsthaftes Programm beginnt wieder um 12 Uhr mit "The Soul of MTV": Soulmusik, wer hätte gedacht, daß es sowas im Zeitalter von Technotranceambienthouse noch gibt. Leider versteht man hier unter Soul weitgehend Ami-Chart-Schnulzen z. B. von Mariah Carey, der pausbäckigsten aller Whitney-Houston-Kopien.

Auf den nachmittäglichen Hausaufgabensoundtrack folgt um 16.30 auf MTV der "Coca Cola Report", der genauso überflüssig ist wie die Brause, die ihm den Namen gab: In erster Linie werden Tourdaten für ganz Europa vorgelesen. Aber wer schon immer wissen wollte, ob die Stone Temple Pilots diese Woche in Trondheim spielen oder in Valencia, ist hier gut aufgehoben.

Die MTV News um 17 Uhr beschränken sich nicht ausschließlich auf Musik, wobei hier natürlich der Schwerpunkt liegt. Umfassende politische Analysen wird ja kaum jemand von einem Videoclip-Kanal erwarten. Immerhin kommen öfters recht interessante Berichte zu Themen wie dem englischen Jugendstrafrecht oder der Weltbevölkerungskonferenz.
Die Viva News um 18.30 fallen vor allem durch experimentelleres Design auf.

Bei MTV's "Greatest Hits" wird der große Unterschied zwischen Musik im Radio und im Fernsehen deutlich: Die Musikauswahl, wild zusammengestellt aus oft gehörten Songs der 70er bis 90er Jahre, würde im Radio absolut langweilen. "Greatest Hits" bietet dagegen gerade uns älteren Leuten die Chance, zu sehen, was man uns in der Jugendzeit vorenthalten hat, z.B. das Video zu Abbas "Dancing Queen"...
Um 21 Uhr jedoch werden wir in die harte Wirklichkeit von heute zurückgeholt: US Charts auf MTV, eine der wenigen Sendungen, die MTV Europe vom gleichnamigen amerikanischen Sender übernimmt. Der überzeugte Europäer schaltet um auf Viva.
Leider eine schlechte Alternative für Leute, die vor irgendwelchen Dancefloor-Attacken geflohen sind: Denn in "Freestyle" gibt es Rap, Ragga, Jungle oder was auch immer diese Woche gerade hip (hop?) ist. You know what I'm sayin'? Als Schwachpunkt dieser Show empfand ich die Plattentips: Einem DJ beim Plattenwechseln zuzusehen ist halt nur bedingt reizvoll, so daß sich die Frage stellt, ob dafür TV wirklich das richtige Medium ist.
Auf die Viva News bzw. den "Coca Cola Report", die wir beide schon kennen, folgt um 23.15 "MTV At The Movies", leider eine völlig unkritische reine Werbesendung für die Filmindustrie. Durch die gezeigten Filmausschnitte erfährt man lediglich, daß "I love trouble" im englischen Original auch nicht interessanter ist als in der deutschen Synchronfassung.

Die MTV "News At Night" sind bereits bekannt. Um 23.45 folgt "Three From One", eine der seltenen Gelegenheiten, auf MTV drei Songs hintereinander von einer Band zu sehen.
"Hitlist UK" um Mitternacht auf MTV ist zwar Europas "fastest moving chart", trotzdem erscheint uns alles seltsam vertraut. (Seit Ende September sendet MTV Mo - Do ab 24 Uhr "The End", was allerdings nicht mehr berücksichtigt werden konnte, um nicht die Objektivität des Tests zu gefährden.)
Auf Viva umzuschalten stellt sich als witzlos heraus: Dort werden zur Abwechslung die Charts wiederholt. An der daraus resultierenden Müdigkeit kann auch das nachfolgende Programm nichts ändern.

Ab zehn Uhr früh zeigt Viva, daß Dienstagmorgens auch nicht mehr abgeht als am Montag. Immerhin machen mir die Moderatoren den erheiternden Vorschlag, mich als "Gesicht 94" bei irgendeiner Model-Agentur zu bewerben. Dreiminütige MTV News von gestern, wen juckt's? Um elf konfrontiert uns Viva mit dem finalen Alptraum: Stefan Raab versucht Mallorcaurlauber zu verarschen, stellt dabei aber nur seine eigene Blödheit zur Schau.
Die Erlösung kommt erst nach einer Stunde: Viva-News, immerhin neun Minuten lang, danach zieht es mich wieder zu "The Soul Of MTV".

Gemäß Betriebsanleitung sollen dem Fernsehapparat nicht mehr als 40 Stunden Dauerbetrieb zugemutet werden. Fünf Stunden Pause müssen jedoch genügen, schließlich bringt MTV danach "Music Non Stop", eine Show bei der es nur um Musik und nicht ums Stoppen geht, welch eine Überraschung auf einem Musiksender.
Kurz zu Viva rübergestoppt, wo gerade mal wieder News angesagt sind. Ab 19.30 bei "MTV Sports" sehnt man sich dann nach "Music Non Stop" zurück: Unter "Sports" versteht man bei MTV Abenteuer- und Modesportarten. Wirklich interessante Sportarten (Stagediving, S-Bahn-Surfen) werden in dieser Sendung völlig ignoriert. Aber wer eine halbe Stunde lang durchhält wird mit MTV's Greatest Hits belohnt.

Normalerweise würde der Testzeitraum durch MTV's "Most Wanted" abgeschlossen. Ray Cokes genoß jedoch noch die Nachsaison an der Côte d'azur. Als Ersatzprogramm sendet MTV "Guide To Dance" und bietet uns damit die Gelegenheit, unsere fehlenden Kenntnisse von Dancefloor-Musik nachzuholen.

Insgesamt ergibt sich in der Wertung der ersten Etappe ein Unentschieden. Die Stärke von MTV liegt darin, nicht direkt von der Plattenindustrie abhängig zu sein. Immerhin stammen 20 % der Musik auf MTV nicht von den großen Konzernen Sony, Polygram, Warner und EMI. Viva, ein Gemeinschaftsprojekt genau dieser Konzerne, kann logischerweise auf keinen so hohen Independent-Anteil im Programm kommen. Viva profitiert dafür von seinem von Beginn an einkalkulierten kleineren Zuschauerkreis. Folglich ist hier der Mut größer, sich spezielleren Themen zu widmen, was besonders im HipHop- und Technobereich deutlich wird. Die ursprünglich vorgesehene Förderung deutscher Band ist jedoch kaum zu bemerken, zumindest, wenn man unter Deutschland nicht nur Köln und Frankfurt versteht.
Andererseits verheimlicht MTV - trotz gesamteuropäischer Ausrichtung - nicht seinen Sitz in London. Freunde des klassischen britischen Popsongs (von Bands wie Blur oder Oasis) werden dies als entscheidenden Vorteil werten.

2. Etappe: Moderation

Paul King, der frühere Moderator von "120 Minutes", verließ MTV zwei Wochen vor Testbeginn. Als Nachfolger wählte MTV wieder einen Ex-Musiker, Miles Hunt. Dessen ehemalige Band Wonderstuff scheint mir allerdings noch unbedeutender als Paul Kings King, die in den 80er Jahren fast einmal einen Hit hatten. Hunt bietet durch seine schnelle Sprechweise und seinen (nordenglischen ?) Akzent dem Zuschauer die Gelegenheit, seine Englischkenntnisse zu verbessern. Ingo Schmoll ("MTV At The Movies") dagegen fällt immer noch durch seinen deutlichen deutschen Akzent auf. Immerhin wirkt er inzwischen sicherer als noch vor wenigen Monaten: Er erlaubt sich sogar Mimik und man hat nun den Eindruck, daß er die Texte versteht, die er spricht. Daß man auch idiotischen Sätzen wie "Three From One with Joe Cocker was braught to you in association with C&A Young Collections" einen exotischen Touch geben kann, beweist Maria Guzenina. Ihre Kollegin Vanessa Warwick ("Headbangers Ball") kann mit der häßlichsten Frisur Europas aufwarten. Die meisten übrigen MTV-Presenters machen ihren Job unauffällig und ordentlich, wie z.B. Rebecca de Ruvo ("Coca Cola Report"), Carolyn Lilipaly (News At Night) und Steve Blame (ebenfalls News At Night). Absolute Perfektion bieten jedoch Lisa l'Anson ("The Soul Of MTV") und Pip Dann ("Rock Block"): Sie haben angenehme Stimmen, sind unterhaltsam, schön intelligent, sympathisch, ... (Halt! Genug geschwärmt!)

Welch ein trauriges Bild dagegen bei Viva: Da man sich als Jugendsender versteht, liegt das Durchschnittsalter der Moderatoren bei schätzungsweise 18 Jahren. Offenbar um Fahrtkosten zu sparen, beschränkte sich Viva bei der Wahl der Moderatoren weitgehend auf den Viva-Sitz Köln und Umgebung. Entsprechend unangenehm wirkt das Auftreten z.B. von Nils Bokelberg, Mola Adebisi (Charts) und Phil Daub (Wah Wah): Dämliche Mimik und Gestik und viele blöde Sprüche. Allein Nachrichtensprecher Axel Terporten scheint auf seriöse Wirkung wertzulegen. Für einen weiteren Minuspunkt sorgt die Vorliebe von Viva für paarweise Moderation: Eine/r der beiden steht dann immer unbeschäftigt herum. Die Schwelle zur Unerträglichkeit überschreitet allerdings nur Stefan Raab, dessen bekloppten "Börti Vogts"-Hit letzten Sommer auch Fernseh-Boykotteure nicht ignorieren konnten. Raab versucht offensichtlich, Hape Kerkeling und Harald Schmidt zu imitieren, indem er vor laufender Kamera Leute anspricht, die ihm zufällig begegnen. Raab zeigt dabei jedoch keinerlei Anzeichen von Humor oder Charme. Sein einziges Konzept scheint darin zu bestehen, zu zeigen, daß sich die Leute alle Beleidigungen gefallen lassen, wenn sie eine Kamera sehen.

3. Etappe: Werbung

Klagelieder über das niedrige Niveau des deutschen Werbeschaffens helfen beim Vergleich von MTV und Viva nicht: Auch MTV sendet überwiegend deutsche Werbung. So kam ich in einem Pub in Edinburgh zu dem zweifelhaften Genuß, auf MTV einen Werbespot für deutsche Tampons zu sehen, die in Großbritannien gar nicht erhältlich sind. Übrigens ist die englische Shampoo- und Pickelcremewerbung auf MTV genauso abschreckend und einfallslos wie deutsche.
Sowohl MTV als auch Viva beweisen ausgiebig, daß die deutschen Plattenfirmen wie vor 20 Jahren glauben, ihre Sampler im preussischen Befehlston anpreisen zu müssen. Der eigenartigste Spot lief auch auf beiden Sendern: Er endet mit den Worten "Ze ratsite of life", obwohl er nicht für Ratten sondern für Ketchup wirbt.

Insgesamt ergibt sich in der Werbewertung ein leichtes Plus für Viva: Der Zuschauer muß zwar auf vereinzelte Spots für exotische und rätselhafte Produkte ("available in all Svenska leading stores") verzichten, dafür sind die Werbeblocks seltener und erheblich kürzer als auf MTV. Eine gute Idee von Viva war es ausserdem, vor den Bundestagswahlen statt Parteiwerbung "alternative" Wahlspots zu senden, in denen junge Regisseure das Thema Wählen an sich behandelten.

Was die Qualität der Eigenwerbung und Jingles betrifft hat Viva leider noch erheblichen Nachholbedarf. MTV ist in diesem Bereich einfach professioneller, was sicher auch mit höheren Budgets zu tun hat. Schon dem über ein Jahrzehnt älteren zeitlos-klassischen MTV-Logo wurde von Viva ein Schriftzug entgegengesetzt, der besser zu einem Möbelgeschäft der frühen 70er passen würde als zu einem 90er-Jahre-Fernsehsender. Aber vielleicht ist das ja Teil der neuesten Pop-Art-Revival.

Gesamtwertung

Viva könnte eine echte Alternative zu MTV mit etwas unterschiedlichen Programmschwerpunkten sein. Dazu wäre es jedoch nötig, mindestens die Hälfte des Moderatorenteams auszuwechseln. Die Ausrichtung von Viva auf ein jüngeres Publikum ist dabei unerheblich, denn die geballte Ladung von Baseballkappen, Glatzen, Hornbrillen und Ziegenbärten ist keine Generationsfrage.

Übrigens hat sich das Programm von MTV nach Testende verschlechtert: am Montagabend wurde wieder die stinklangweilige Seifenoper "The Real World" ins Programm aufgenommen.

Zum Schluß bleibt anzumerken, daß 48 Stunden Musikvideos mehr Gehirnzellen abtöten als 48 Flaschen Bier. To put it in another way: Don't try this at home.
 

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