| YEAH YEAH YEAH YEAH YEAH | 1994 | |
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| Diesen aus fernsehhistorischer
Sicht ausgesprochen wertvollen Test hat unser allseits geschätzter
Mitarbeiter Peter K. im Oktober
1994 für eine andere Zeitschrift geschrieben, deren Namen in der Überschrift
wir gegen Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah ausgetauscht haben. Ansonsten ist der
Text unverändert und ungekürzt.
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Vor einem knappen halben
Jahr wurde durch den Start von Viva erstmals im deutschsprachigen Raum
das Monopol von MTV auf dem Markt der Musikvideosender gebrochen. Nun ist
es an der Zeit, die beiden Sender einem direkten harten aber 100 % objektiven
Vergleichstest zu unterziehen. Als Tester konnte die Redaktion Peter Kern
gewinnen, der für die in Fachkreisen hochgelobte "Motor und Technik-Zeitschrift
(MOTZ)" u.a. den 48000 km Langstreckentest Ferrari Testarossa gegen Porsche
911 Carrera durchführte und sich als Tester für einen Seat-Marbella-Crashtest
zur Verfügung stellte. Die umfangreichen technischen Datentabellen
und detailliert aufgeschlüsselten Punktwertungen, die der Autor erstellt
hat, wollten wir den Lesern nicht zumuten. Sie können jedoch gratis
bei der Redaktion angefordert werden.
Dummerweise beginnen auf MTV gerade Beavis and Butt-Head, die wohl allgemein bekannt sind. Ich halte mich an ihren Kommentar zu einem Video von Salt'n Pepa: "Push it? Push what? Push that little button on the remote".
Auf Viva läuft jetzt "Jam", ein Magazin, das sich jeweils 45 Minuten lang einem bestimmten Act widmet, heute Roger Taylor. Das Auswahlkriterium für die Jam-Specials ist durchschaubar: Berichtet wird über alle Bands, für die Rudi Dolezal und Hannes Rossacher (DoRo) kürzlich ein Video inszeniert haben. Dolezal und Rossacher, die "Jam" produzieren, sind ihrem Stil, den alte ORF-Seher noch aus "Okay"- und "X-Large"- Zeiten kennen, treu geblieben: Sehr schnelle Schnitte, kurze Interview- und Videoausschnitte, meist eine gelungene Verbindung von Information und Unterhaltung. Manchmal nervt es allerdings, einen Videoclip in zehn Schnipseln auf 45 Minuten verteilt zu sehen.
Seit 23.30 auf MTV: "Headbangers Ball", Heavy Metal, wie zu erwarten war, Geschmackssache.
Nachts, wenn die Aufmerksamkeit
sinkt, wiederholen beide Sender rücksichtsvollerweise die Shows der
letzten Tage, bis es morgens auf Viva mit "Was geht ab" weitergeht. Über
den unverschämt provozierenden Titel wollen wir mal hinwegsehen. (Was
soll am Montagmorgen schon abgehen? Höchstens ein Massaker im Klassenzimmer
nach dem Motto "I don't like mondays".) Inhaltlich handelt es sich um ein
pseudo-Magazin mit vielen Videoclips.
Zur gleichen Zeit auf MTV
Videos fast non-stop, nur sporadische Ansagen, meist aus dem Off.
Beide Sender blenden morgens
Uhren ein, um die Schüler und Werktätigen daran zu erinnern,
nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher zu verbringen.
Ernsthaftes Programm beginnt
wieder um 12 Uhr mit "The Soul of MTV": Soulmusik, wer hätte gedacht,
daß es sowas im Zeitalter von Technotranceambienthouse noch gibt.
Leider versteht man hier unter Soul weitgehend Ami-Chart-Schnulzen z. B.
von Mariah Carey, der pausbäckigsten aller Whitney-Houston-Kopien.
Auf den nachmittäglichen Hausaufgabensoundtrack folgt um 16.30 auf MTV der "Coca Cola Report", der genauso überflüssig ist wie die Brause, die ihm den Namen gab: In erster Linie werden Tourdaten für ganz Europa vorgelesen. Aber wer schon immer wissen wollte, ob die Stone Temple Pilots diese Woche in Trondheim spielen oder in Valencia, ist hier gut aufgehoben.
Die MTV News um 17 Uhr beschränken
sich nicht ausschließlich auf Musik, wobei hier natürlich der
Schwerpunkt liegt. Umfassende politische Analysen wird ja kaum jemand von
einem Videoclip-Kanal erwarten. Immerhin kommen öfters recht interessante
Berichte zu Themen wie dem englischen Jugendstrafrecht oder der Weltbevölkerungskonferenz.
Die Viva News um 18.30 fallen
vor allem durch experimentelleres Design auf.
Bei MTV's "Greatest Hits"
wird der große Unterschied zwischen Musik im Radio und im Fernsehen
deutlich: Die Musikauswahl, wild zusammengestellt aus oft gehörten
Songs der 70er bis 90er Jahre, würde im Radio absolut langweilen.
"Greatest Hits" bietet dagegen gerade uns älteren Leuten die Chance,
zu sehen, was man uns in der Jugendzeit vorenthalten hat, z.B. das Video
zu Abbas "Dancing Queen"...
Um 21 Uhr jedoch werden
wir in die harte Wirklichkeit von heute zurückgeholt: US Charts auf
MTV, eine der wenigen Sendungen, die MTV Europe vom gleichnamigen amerikanischen
Sender übernimmt. Der überzeugte Europäer schaltet um auf
Viva.
Leider eine schlechte Alternative
für Leute, die vor irgendwelchen Dancefloor-Attacken geflohen sind:
Denn in "Freestyle" gibt es Rap, Ragga, Jungle oder was auch immer diese
Woche gerade hip (hop?) ist. You know what I'm sayin'? Als Schwachpunkt
dieser Show empfand ich die Plattentips: Einem DJ beim Plattenwechseln
zuzusehen ist halt nur bedingt reizvoll, so daß sich die Frage stellt,
ob dafür TV wirklich das richtige Medium ist.
Auf die Viva News bzw. den
"Coca Cola Report", die wir beide schon kennen, folgt um 23.15 "MTV At
The Movies", leider eine völlig unkritische reine Werbesendung für
die Filmindustrie. Durch die gezeigten Filmausschnitte erfährt man
lediglich, daß "I love trouble" im englischen Original auch nicht
interessanter ist als in der deutschen Synchronfassung.
Die MTV "News At Night" sind
bereits bekannt. Um 23.45 folgt "Three From One", eine der seltenen Gelegenheiten,
auf MTV drei Songs hintereinander von einer Band zu sehen.
"Hitlist UK" um Mitternacht
auf MTV ist zwar Europas "fastest moving chart", trotzdem erscheint uns
alles seltsam vertraut. (Seit Ende September sendet MTV Mo - Do ab 24 Uhr
"The End", was allerdings nicht mehr berücksichtigt werden konnte,
um nicht die Objektivität des Tests zu gefährden.)
Auf Viva umzuschalten stellt
sich als witzlos heraus: Dort werden zur Abwechslung die Charts wiederholt.
An der daraus resultierenden Müdigkeit kann auch das nachfolgende
Programm nichts ändern.
Ab zehn Uhr früh zeigt
Viva, daß Dienstagmorgens auch nicht mehr abgeht als am Montag. Immerhin
machen mir die Moderatoren den erheiternden Vorschlag, mich als "Gesicht
94" bei irgendeiner Model-Agentur zu bewerben. Dreiminütige MTV News
von gestern, wen juckt's? Um elf konfrontiert uns Viva mit dem finalen
Alptraum: Stefan Raab versucht Mallorcaurlauber zu verarschen, stellt dabei
aber nur seine eigene Blödheit zur Schau.
Die Erlösung kommt
erst nach einer Stunde: Viva-News, immerhin neun Minuten lang, danach zieht
es mich wieder zu "The Soul Of MTV".
Gemäß Betriebsanleitung
sollen dem Fernsehapparat nicht mehr als 40 Stunden Dauerbetrieb zugemutet
werden. Fünf Stunden Pause müssen jedoch genügen, schließlich
bringt MTV danach "Music Non Stop", eine Show bei der es nur um Musik und
nicht ums Stoppen geht, welch eine Überraschung auf einem Musiksender.
Kurz zu Viva rübergestoppt,
wo gerade mal wieder News angesagt sind. Ab 19.30 bei "MTV Sports" sehnt
man sich dann nach "Music Non Stop" zurück: Unter "Sports" versteht
man bei MTV Abenteuer- und Modesportarten. Wirklich interessante Sportarten
(Stagediving, S-Bahn-Surfen) werden in dieser Sendung völlig ignoriert.
Aber wer eine halbe Stunde lang durchhält wird mit MTV's Greatest
Hits belohnt.
Normalerweise würde der Testzeitraum durch MTV's "Most Wanted" abgeschlossen. Ray Cokes genoß jedoch noch die Nachsaison an der Côte d'azur. Als Ersatzprogramm sendet MTV "Guide To Dance" und bietet uns damit die Gelegenheit, unsere fehlenden Kenntnisse von Dancefloor-Musik nachzuholen.
Insgesamt ergibt sich in
der Wertung der ersten Etappe ein Unentschieden. Die Stärke von MTV
liegt darin, nicht direkt von der Plattenindustrie abhängig zu sein.
Immerhin stammen 20 % der Musik auf MTV nicht von den großen Konzernen
Sony, Polygram, Warner und EMI. Viva, ein Gemeinschaftsprojekt genau dieser
Konzerne, kann logischerweise auf keinen so hohen Independent-Anteil im
Programm kommen. Viva profitiert dafür von seinem von Beginn an einkalkulierten
kleineren Zuschauerkreis. Folglich ist hier der Mut größer,
sich spezielleren Themen zu widmen, was besonders im HipHop- und Technobereich
deutlich wird. Die ursprünglich vorgesehene Förderung deutscher
Band ist jedoch kaum zu bemerken, zumindest, wenn man unter Deutschland
nicht nur Köln und Frankfurt versteht.
Andererseits verheimlicht
MTV - trotz gesamteuropäischer Ausrichtung - nicht seinen Sitz in
London. Freunde des klassischen britischen Popsongs (von Bands wie Blur
oder Oasis) werden dies als entscheidenden Vorteil werten.
Welch ein trauriges Bild dagegen bei Viva: Da man sich als Jugendsender versteht, liegt das Durchschnittsalter der Moderatoren bei schätzungsweise 18 Jahren. Offenbar um Fahrtkosten zu sparen, beschränkte sich Viva bei der Wahl der Moderatoren weitgehend auf den Viva-Sitz Köln und Umgebung. Entsprechend unangenehm wirkt das Auftreten z.B. von Nils Bokelberg, Mola Adebisi (Charts) und Phil Daub (Wah Wah): Dämliche Mimik und Gestik und viele blöde Sprüche. Allein Nachrichtensprecher Axel Terporten scheint auf seriöse Wirkung wertzulegen. Für einen weiteren Minuspunkt sorgt die Vorliebe von Viva für paarweise Moderation: Eine/r der beiden steht dann immer unbeschäftigt herum. Die Schwelle zur Unerträglichkeit überschreitet allerdings nur Stefan Raab, dessen bekloppten "Börti Vogts"-Hit letzten Sommer auch Fernseh-Boykotteure nicht ignorieren konnten. Raab versucht offensichtlich, Hape Kerkeling und Harald Schmidt zu imitieren, indem er vor laufender Kamera Leute anspricht, die ihm zufällig begegnen. Raab zeigt dabei jedoch keinerlei Anzeichen von Humor oder Charme. Sein einziges Konzept scheint darin zu bestehen, zu zeigen, daß sich die Leute alle Beleidigungen gefallen lassen, wenn sie eine Kamera sehen.
Insgesamt ergibt sich in der Werbewertung ein leichtes Plus für Viva: Der Zuschauer muß zwar auf vereinzelte Spots für exotische und rätselhafte Produkte ("available in all Svenska leading stores") verzichten, dafür sind die Werbeblocks seltener und erheblich kürzer als auf MTV. Eine gute Idee von Viva war es ausserdem, vor den Bundestagswahlen statt Parteiwerbung "alternative" Wahlspots zu senden, in denen junge Regisseure das Thema Wählen an sich behandelten.
Was die Qualität der Eigenwerbung und Jingles betrifft hat Viva leider noch erheblichen Nachholbedarf. MTV ist in diesem Bereich einfach professioneller, was sicher auch mit höheren Budgets zu tun hat. Schon dem über ein Jahrzehnt älteren zeitlos-klassischen MTV-Logo wurde von Viva ein Schriftzug entgegengesetzt, der besser zu einem Möbelgeschäft der frühen 70er passen würde als zu einem 90er-Jahre-Fernsehsender. Aber vielleicht ist das ja Teil der neuesten Pop-Art-Revival.
Übrigens hat sich das Programm von MTV nach Testende verschlechtert: am Montagabend wurde wieder die stinklangweilige Seifenoper "The Real World" ins Programm aufgenommen.
Zum Schluß bleibt anzumerken,
daß 48 Stunden Musikvideos mehr Gehirnzellen abtöten als 48
Flaschen Bier. To put it in another way: Don't try this at home.
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